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Kultur Wegweisende Töne von Dicte und Buzzy Lee
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MAZ-Musiktipp: Neues von Dicte, Buzzy Lee und Soen

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10:40 29.01.2021
Die Dänin überzeugt: Dicte.
Die Dänin überzeugt: Dicte. Quelle: Promo
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Potsdam

Das Musikjahr 2021 kommt in Schwung. Beste Beispiele dafür sind die aktuellen Veröffentlichungen von Dicte Westergaard Madsen und Buzzy Lee. Nicht eben alle Tage kommt es vor, dass gleich zwei Sängerinnen um die Nachfolge des verehrten Stimm-Wunders Kate Bush buhlen. Indessen: Angesichts der ersehnten, dabei höchstseltenen Wortmeldungen der Engländerin ist dieser Zustand schon wieder beruhigend.

Dicte Westergaard Madsen, kurz Dicte, streifte in ihrer Karriere bereits viele Genres, darunter Jazz, R&B und Rock. „All Good As It Is“ (Stunt Records/Sundance Music) ist eine weitere musikalische Häutung. Grundlegende Ideen erarbeitete die Dänin mit dem Multi-Instrumentalisten Jonas Struck. Sie erhielten Zeit zum Wachsen – durch weitere Klangschichtungen, die Kollegen an Piano, Mellotron, Cello vornahmen oder programmierten. Und die sich nun galant um das Ausgangsmaterial winden. Die Sängerin legt nicht wenig Erfahrung in ihren Vokalvortrag. Der ist ebenso reich, nuanciert und durchdacht wie die Lebensberichte der 54-Jährigen.

Geschäftig: Buzzy Lee. Quelle: Julia Brokaw

Es lässt sich nicht verleugnen: Für Buzzy Lee ist nicht so viel in allerschönster Ordnung. Mit der Wahl ihres Künstlernamens verschleiert sie zunächst erst einmal geschickt ihre Herkunft. Sasha, Tochter von Star-Regisseur Steven Spielberg, will auf eigenen Beinen stehen. Auf den Promi-Bonus verzichtet sie nur zu gern: Minimalistin Buzzy Lee grübelt auf „Spoiled Love“ (Future Classic/Word And Sound) zum Piano, zu sphärischer Elektronik und sparsam klopfenden Puls über sich und die Beziehung zu anderen. Vervielfältigt häufig ihren Gesang. Stimmt einen Moll-Reigen mit sich selbst an. Tastend, wispernd und raunend. Kristallin, zerbrechlich, getragen, fein und wunderlich. Und das bekommt nicht jede 30-Jährige hin.

Bühnenreif wie nie: The Dead South. Quelle: Promo

Wie steht es derweil mit dem eher traditionsbehafteten Handwerk? Bestens. Zwar schauen The Dead South wegen der Pandemie nicht selbst vorbei. Der Verfasser dieser Zeilen registriert wie zahlreiche Fans hierzulande seit dem Frühjahr 2020 die weiter und weiter verschobene Tour. Doch die vier flinken Kanadier – deren Siegeszug gerade auch in Deutschland begann – setzen Zeichen. Ersatzweise. Mit ihrer Scheibe „Served Live“ (Devil Duck/Indigo), die 17 Songs aus 17 Städten, getränkt von schmissigem Folk und behändem Bluegrass, versammelt und nur wenige Wünsche offenlässt. Wie diesen: Kommt bald zurück!

Langhorne Slim. Quelle: Promo

Das Flinke ist nicht so die Sache von Langhorne Slim: Der inzwischen 40-Jährige aus Pennsylvania ringt auf „Strawberry Mansion“ (Dualtone/eOne/SPV) mit seinen Dämonen. Und buchstäblich nach Luft. Denn der Songwriter aus musste etwas tun gegen Angstzustände und langen Medikamentenmissbrauch. Vornehmliche akustische Songs, sukzessive veröffentlicht via Instagram, bezeugen: Das Schöpferische – 22 Stücke liegen vor – ist nicht von ihm gewichen. Eher gewachsen. Die Genesung scheint ist auf dem Weg.

Mit der nächsten Wendung: Lucero. Quelle: Bob Bayne

Hingegen etwas aus der Art geschlagen zeigen sich die neuen Stücke von Lucero: Mit jeder weiteren Veröffentlichung machen sich die Jungs um Gründer Ben Nichols etwas anderes zu eigen. Zum Südstaaten-Rock packten sie einst Bläser dazu. „When You Found Me“ (Liberty & Lament/Thirty Tigers/Membran) kommt eher als straffer Indie-Rock daher – plus Country und Tasteninstrumente, die so bislang nicht so deutliche in den Vordergrund traten. Vom Glauben braucht man nicht abzufallen – es gibt noch etliche Gitarren-Momente.

Überwältigend gut: Soen. Quelle: Promo

Seit „Tellurian“ bleiben Soen bei mir auf dem Radar. Eine Freude, wie diese international besetzte Band im weiten Feld von Metal und Progressive Akzente setzt. Allein diese höchst variablen Gitarren-Sounds, die sie gerade auf dem jüngsten Werk „Imperial“ (Silver Lining Music) wieder ausbreitet. Grandios. Sänger Joel Ekelöf lässt sich trotz des wuchtigen Riff-Gewitters und den Soli nicht unterbuttern. Der Suchtfaktor bleibt hoch. Auf das Wechselbad zwischen Melodie und verstörend präzisen Drum-Attacken versteht sich das Quartett ohnehin.

Etwas finsterer: Tribulation Quelle: Ester Segarra

Währenddessen beschreiten Tribulation auf „Where The Gloom Becomes Sound“ (Century Media/Sony) einen anderen Weg. Die Schweden sind blutigen Mysterien auf der Spur. So fragen sie mit Röcheln in der Kehle nach, welche Gottheiten die Menschen nötig haben und weshalb sie ersonnen wurden. Und ja: Zwischen Todesmetall und Gothic Rock wird nicht jedes Geheimnis wird enthüllt. Wozu auch. Das stört nur die dunkle Magie.

Auf der Suche nach Alternativen?

Formwandel und Neugier sind Eigenschaften, die unbedingt für Veronika Harcsa, Anastasia Razvalyeva und Márton Fenyvesi zutreffen. Auf „Debussy NOW!“ (BMC/Galileo) prüfen die Sängerin, die Harfenistin und der Soundtüftler aus Ungarn und Russland, was uns der französische Komponist nach 150 Jahren noch zu sagen hat. Debussy selbst gab sich seinen Zeitgenossen gegenüber gern recht unkonventionell. Das Trio führt vor Ohren, dass Jazz nie weit ist und elektronische Komponenten eine gute Wahl sind. Ein vieldimensionales Update.

Bewunderungswürdig, wie lange und listenreich Lo‘ Jo Chanson, Weltenklang und Folk verbinden. Die Franzosen verstehen sich „Transe de papier“ (Yotanka Productions/Broken Silence) darauf, alles fein abzuschmecken und doch für den einen oder anderen akustischen Aha-Effekt zu sorgen. Zwei Gäste gewannen sie als Anker für ihre Platte: Tony Allen (1940–2020), den Star am Afrobeat-Schlagzeug und Robert Wyatt von Soft Machine.

Die Apartheid lag in den letzten Zügen, als die Mitglieder von Urban Village geboren wurden. Stets war das gebeutelte Township Soweto ein Ort, der verschiedene Menschen und ihre Musik bunt durcheinanderwirbelte – von den Zulus oder anderen. Die vier Musiker gehen auf ihrem Debüt „Undolo“ (No Format/Indigo) kaum anders vor. Hier der Respekt vor älteren Formen im Gesang und dem Blues ähnliche Strukturen. Dort das Vorwärtsdrängende, womit Instrumente, Stile und Rhythmen zum Leuchten gebracht werden.

The Hawkins melden sich aus tiefstem Finsterwalde. Das liegt ebenfalls in Schweden. „Live In The Woods“ (The Sign Records) ist ein geteiltes Vergnügen. Nicht alles kommt aus dem Wald, einiges wurde für das Kurzalbum in einer Brauerei eingespielt. Eine Momentaufnahme, die funktioniert. Indes: Aus dem überkandidelten wie einnehmenden Studiowerk „Silence Is A Bomb“ konnte die Truppe ja durch die Pandemie im Sommer 2020 keine Funken schlagen.

Von Ralf Thürsam