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Kultur Neues von Hey, King!, The Fratellis und Piers Faccini
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MAZ-Musiktipp: Neues von Hey, King!, The Fratellis und Piers Faccini

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10:11 02.04.2021
Zwei Stimmen von Format: Hey, King!
Zwei Stimmen von Format: Hey, King! Quelle: Promo
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Potsdam

Wer hätte das gedacht? Musik scheint für Natalie London und Taylor Plecity so etwas wie die erste Sprache gewesen zu sein. Die eine hatte als kleines Mädchen eine singende Mutter quasi als Musikbox daheim. Die andere besuchte in North Dakota – einen Jodel-Wettbewerb. Großmutter brachte ihr alles bei. Feine Frühprägung. Beide haben sich als Hey, King! zusammengetan. Auf seiner selbstbetitelten Platte „Hey, King!“ (Anti/Indigo) nimmt das umwerfende Gesangsduo ganz unterschiedliche Wege. Es kann das akustische Stück sein, in das eine Trompete schräg dazwischenfährt. Es kann eine Anmutung von Sixties-Pop, etwas Western samt Bläsern sein. Es kann neben Indie-Rock mit sympathischem Uptempo aber auch das sanfte Schlaflied geben. Alles sehr apart. Produziert hat die beiden Ben Harper. Der Kalifornier nahm sie in Obhut, experimentierte mit Natalie und Taylor, ließ ihnen viel Raum. Immer mal tourten sie. Ein Doppel von höchstem Reiz!

Unverzagt und selbstbewusst wie zu Beginn: Shakey Graves. Quelle: Promo

Manche Dinge sind urplötzlich da. Und entwickeln ein Eigenleben. Niemand rechnet damit. Bei den Songs von „Roll The Bones“ war das so. Ein gewisser Shakey Graves hatte es 2011 einfach bei Bandcamp eingestellt. Ohne Promo. Auf Bandcamp behalten Künstler und kleine Plattenfirmen die Kontrolle. „Roll The Bones“, dieses pure akustische Meisterstück, entwickelte sich phänomenal: Nicht nur, dass die Sammlung samt Live-Auftritten und ein wenig Backgroundgesang sich weit über 100.000. Mal verkaufte. Shaky Graves, der eigentlich Alejandro Rose-Garcia heißt und aus Texas kommt, kann auf eine treue Anhängerschaft zählen. Den Musiker, der Banjo und Gitarre zupft, kannte vor zehn Jahren kaum jemand. Das hat sich inzwischen gründlich geändert. „Roll The Bone X“ (Dualtone Records) nun ist die Jubiläumsausgabe. Auf einer Doppel-CD kann man den musikalischen Werdegang zwischen Folk, Blues und mehr noch einmal nachvollziehen. Dieses Suchen und Finden. Immer ganz eigen – wie die Version von „I’m on fire“ - von Bruce Springsteen.

Trunken vor Glück: The Fratellis aus Glasgow. Quelle: Promo

Kurzer Abstecher nach Schottland: Was für ein Jubilieren, gleich von Beginn an. The Fratellis zeigen auf ihrem jüngsten Album „Half Drunk Under A Full Moon“ (Cooking Vinyl/Sony), dass der Himmel voller Geigen hängt. Will sagen, wie viel Kraft in Pop-Musik steckt. Perfekt. Hymnen trotz Corona.

Auf der Suche nach Alternativen?

Joao Selva, der Pastorensohn aus Ipanema, muss reich im Herzen sein. Denn der Brasilianer wuchs in einem Land auf, das geradezu einen Überfluss an Rhythmen und Stilen bietet. Zum anderen zog es ihn immer wieder in die Welt hinaus. Angola, die Kapverden und die Karibik boten ihm weitere Quellen, die er für „Navegar“ (Underdog Records/Broken Silence) anzapfte. Da verwundert es nicht, dass Selva, der mittlerweile in Lyon lebt, so ein aufgeschlossenes Album vorlegt. Opulenter Neo-Tropicalismo mit Disco, Funk und Jazz. Doch neben ausgelassenen Tanz und Freude am Körperkontakt versäumt Selva es nicht, ein paar kritische Untertöne zu den Zuständen in seiner Heimat in den Cocktail zu mischen.

In der Abgeschiedenheit schwedischer Wälder ersann Johan G. Winther die Aufnahmen für „The Rupturing Sowle“ (Pelagic). Sie wirken tastend, bisweilen weltmüde und gemächlich. Johan, der verschiedene Bands und Klang-Projekte zwischen Rock, Post Rock oder heftigerem Material betreibt, schafft mehr als einmal berückend filmhafte Atmosphären mit Drone-Sounds, Harmonium, Streichern. Ein geisterhaftes Weben und Schweben. Wie Folk mit Gothic-Bezügen. Gedimmt und zugleich entrückt. Wie ferne Erinnerungen.

Wie Hey, King! besteht zwischen Piers Faccini und Ben Harper eine jahrelange Verbindung. Faccini, Sohn einer Engländerin und eines Italieners, ist ein Wanderer zwischen den Welten. Der Songwriter setzt auf die weit strahlende Kraft der Stimmen in zumeist sparsamst instrumentierten Liedern. Reduktion mit großer Wirkung. In den Stücken stecken Streicher, Andalusien, Folk aus dem Süden Italiens und archaische Wüsten-Blues aus Nordafrika. Faccini nähert sich auf „Shapes of the Fall“ (Beating Drum/No Format/Indigo) überdies respektvoll der Trance-Tradition wie sie in der Gnawa-Kultur Marokkos zu finden ist. Schließlich singt er mit Harper – der Spezialist auf der Weissenborn-Gitarre hatte erst vor Jahresfrist mit „Winter Is For Lovers“ eine erhebend nuancenreiche Platte vorgelegt – und Abdelkebir Merchane. In „All Aboard“ geht es um eine alles verschlingende Flut. Also rudert, denn die Hoffnung darf nicht untergehen!

Die 2005 in Glasgow gegründete Band hat sich ganz deutlich für den groß ausgestatteten Entwurf entschieden, für die Reise zu den Sternen, für die doch nur ein wenig Liebe nötig ist. Chöre und Bläser sind dabei und manch andere Ideen. Die Fratellis mitten im Frühling als Freunde von – ähem – Tom „The Tiger“ Jones? Oder gar als Anhänger der frühen verträumten Solo-Scheiben von Richard Ashcroft (The Verve)? Schmissig, aufgeräumt und positiv. Längst ist es nicht mehr der beschwingte Indie-Rock, der von Beatles, The Who und etwas Glam zehrte. Auch nicht die Disco-Kugel, die auf der Platte „In Your Own Sweet Time“ mehr als einmal rotierte. Mit den Fratellis kann man jauchzen, frohlocken oder einfach mitsingen.

Von Ralf Thürsam