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Kultur Neues von LLNN, Vapors of Morphine und Billy Strings
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MAZ-Musiktipp: Neues von LLNN, Vapors of Morphine und Billy Strings

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10:05 24.09.2021
Kosmisches Brummen voller Gefahr: LLNN.
Kosmisches Brummen voller Gefahr: LLNN. Quelle: Promo
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Potsdam

LLNN sind eine Bedrohung. Wir vernehmen ein gefährliches tiefes kosmisches Brummen, das da herannaht. Kaum zu sagen, ob sich ein gigantischer Himmelskörper nähert, oder ob mit einer Invasion ungeheuren Ausmaßes zu rechnen ist. Ein fieses Fiepen, das schrill in den Ohren gellt. Ein betäubende Walze aus Gitarren. Die alles, aber auch alles mit zerstörerischer Wucht plattmacht, was in ihren Weg gerät. Unbarmherziger Lärm.

Auf der Suche nach Alternativen

Aufruhr und Stille sind die beiden Pole zwischen denen sich TRNA auf ihrer Platte „Istok“ (Candlelight Records) bewegen. Mit großem Spielraum zwischen monolithischem Gitarren-Wänden und der heilenden, der himmlischen Entrücktheit ruhiger Passagen. Eine Shoegaze-Band wie Slowdive lässt sich als Antrieb für dieses Trio aus Russland ebenso deutlich ausmachen wie der avancierte und offene Black Metal von Wolves In The Throne Room. Um sich nicht zu arg einzuengen, möchten TRNA am liebsten keine Schublade aufziehen. Und doch haben sie unbestritten ein potentes Debüt abgeliefert.

Es war ihr Herzenswunsch und sicher der ihrer Anhänger. Doro Pesch, Deutschlands Metal-Queen, gönnt sich den Blick auf auf eine gloriose Vergangenheit. Denn mit Gründung von Warlock in Düsseldorf nahm die Karriere von Doro Fahrt auf. Mit einem Novum: Eine Frau in Front einer testosterongesteuerten Eisenschmiede war eher selten. Nun also der Rückblende auf das Erfolgsalbum von 1987, mitgeschnitten bei Schweden-Rock. Bitte schnell, bitte heftig. Bitte sehr: „Warlock – Triumph And Agony Live“ (Rare Diamonds/Rough Trade).

Mad Invasion hieven den Hardrock ins 21. Jahrhundert. Transparente Produktion, modernere Tastenarbeit, unverzichtbare Hook-Lines. Alles da. Die von den Schweden vorangetriebene Evolution kommt auf „Edge Of The World“ (MI/Media Group) nicht gänzlich ohne Erinnerungsleistung aus. An eine exzeptionelle Rock-Röhre wie Ronnie James Dio und die arabischen Gitarren-Schlenker eines gewissen Ritchie Blackmore von Rainbow. Etwa. Mikkey Dee, einst Schlagzeuger bei Motörhead und nun bei den Scorpions. ist übrigens in einer Gastrolle zu erleben.

All das krönen die vier Post-Metaller aus Kopenhagen auf ihrer aktuellen Scheibe „Unmaker“ (Pelagic) mit einem höchst abgründigen Vokalvortrag. Beängstigend wie ein Science Fiction. Und die Welt versinkt in Finsternis. Es gibt kein Entrinnen...

Dynamisch aus Dalian: Wang Wen. Quelle: Promo

Eigentlich gibt es nur eine Frage: Warum kennt kaum jemand Wang Wen? Eine sträfliche Unterlassung. Denn der Sechser aus der südchinesischen Hafenstadt Dalian hat viele Fragen. Nicht nur an die Musik. Daher heißt sein neuestes Album „100.000 Whys“ (Pelagic). Die Band reist gern mal in der Zeit zurück. Ihre acht zumeist instrumentalen Stücke beziehen sich auf progressive Strukturen, belehnen Kraut-Rock und etwas Jazz, Flöten, Spieluhren, ganz viel Keyboards gibt es natürlich auch – und eine ausgeklügelte Dynamik.

Wehmütige Erinnerungen an ein versunkenes Istanbul: Erkin Cavus und Reentko Dirks (v.l.). Quelle: Sandra Ludewig

Ausgefahrene Pflaster, die Geschäftigkeit der Fischer in einem kleinen Hafen, ein anderer Lärm, der einst die Straßen füllte. Zahlreiche Lichtbilder erinnern an diese Zeit. Ara Güler (1928-2018) war wohl der namhafteste Chronist des alten Istanbul.

Hielt das frühere Istanbul für die Nachwelt fest: Ara Güler. Quelle: Ara Güler

Seinem fotografischen Auge blieb diese besondere Atmosphäre der verschiedenen Viertel nicht verborgen. Und nicht die Menschen, die darin lebten, arbeiteten und sicher auch liebten. Dass die Erinnerung nicht verblasst, dafür sorgen Erkin Cavus & Reentko Dirks auf „Istanbul 1900“ (Traumton/Indigo). In neun Charakter-Stücken durchstreifen die beiden exzellenten Gitarristen die Stadt, in der Orient und Okzident zusammentreffen. Es sind höchst lyrische, akustische und melancholische Inspirationen. Offen für einen gedanklichen Fluss. Jazz oder Folklore sind keineswegs explizite Formen oder Bezüge, die beide aufrufen. Allenfalls klingen sie sacht in den fließenden Kompositionen an – wie auch Klassik oder Flamenco.

Ein bisschen wie früher, aber nicht von gestern: Vapors Of Morphine. Quelle: Promo

Vapors Of Morphine – da war doch noch was? Diese Band, sie hieß Morphine. Ein Irgendwie-Indie-Jazz-Rock-Ding. Schuf einen unfassbar markanten Sound – aus Schlagzeug, Baritonsaxofon und wohl – höchst selten – zweiseitigem Slide-Bass.Den spielte Mark Sandman in diesem Trio aus Massachusetts. Ein Crooner vor dem Herrn. Der holte ihn 1999 zu sich. Sandman verstarb nach einer Herzattacke auf der Bühne bei einem Auftritt in Italien. Was geschieht, wenn der Motor fehlt? Dana Colley, letztes verbliebenes Gründungsmitglied, macht weiter. Dass nichts bleibt, wie es war, das wird auf „Fear & Fantasy“ (Schnitzel/Indigo) bald klar. Der Gruppen-Klang ist fremd und bekannt zugleich. Es ist wieder ein Trio. Nur, dass die Besetzung am Schlagzeug während der Aufnahmen noch einmal wechselte. Es steigen schon Erinnerungen an die früheren Zeiten auf. Andererseits können wir die drei Musiker erleben, wie sie die Fühler in andere Richtungen ausstrecken. Es gibt Reggae, Hall-Elemente wie beim Dub, Rumba, einen Hauch Jazz aus Äthiopien und einen Trip in die Wüste (von Mali?). Der Blues regiert. Manches Flair erinnert an Marching Bands in New Orleans oder die Cajuns in Mississippi. Groß.

Hat saitenweise großartige Ideen: Billy String. Quelle: Jesse Faatz

Der Künstler-Name ist sein Zeichen: Billy Strings. Der Mann aus Michigan brilliert geschwind und perfekt auf „Renewal“ (Rounder/Concord/Universal) samt seinen Gefährten auf allen Saiten. Nichts anderes erwartet man bei Bluegrass. Das Banjo pluckert munter. Die Mandoline erklimmt jubilierend wie die Fiedel so manche Höhe. Der Kontrabass pumpt seine Linie. Die Gitarre macht alles noch schöner. Doch dabei belässt der Endzwanziger nicht. Ganz gescheit bricht er mit Gewohnheiten. Sichert sich den Zugriff auf irischen Folk. Den kontert er mit Rock-Riffs und einer tiefen Bass-Figur. Überhaupt dieses Flirren. Diese Farben. Diese Andeutungen – immer wieder hin zu anderen Genres. Nuanciert. Ein Teufelskerl, dieser tätowierte Grammy-Preisträger.

Von Ralf Thürsam