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Kultur Neues von Lindsey Buckingham, The Record Company und Pendejo
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MAZ-Musiktipp: Neues von Lindsey Buckingham und The Record Company

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10:05 08.10.2021
Geschickt, weil weise: Lindsey Buckingham.
Geschickt, weil weise: Lindsey Buckingham. Quelle: Promo
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Potsdam

Das bekommt dieser Feingeist immer wieder hin: Lindsey Buckingham meldet sich nach zehn Jahren mit einem Solo-Album zurück. Und abseits des Ausstiegs bei Fleetwood Mac vor drei Jahren und abseits der Dauerfehde mit Stevie Nicks vermag es der gerade 72 Jahre alt gewordene Musiker, sehnsüchtige, süffige, dabei intelligent und an Texturen reiche Songs zu schaffen – wie das jüngste Album „Lindsey Buckingham“ (Reprise/Warner) wieder einmal deutlich zeigt. Der Mann, der gern die Gitarre pickt und Stimmen schichtet und verfremdet, baut solide wie sicher seine sonnendurchfluteten Melodien.

Auf der Suche nach Alternativen

Das muss gefeiert werden: Ein halbes Millennium im Country-Geschäft, acht Grammys abgefasst. Asleep At The Wheel sind eine Institution und schmeißen eine coole Geburtstagsparty. Die bietet eine enorme Spielfreude und stilistische Offenheit auf ihrer Platte „Half A Hundred Years“ (Home Records/Thirty Tigers/Membran) auf. Dazu noch weitere Legenden wie Willie Nelson, Lyle Lovett oder Emmylou Harris.

Reichhaltig und locker bestellt ist das Feld, das Colin Linden auf „bLOW“ (Highway 20/Thirty Tigers) da beackert. Neben Rock ohne Schnörkel ruft der Kanadier die überaus ergiebigen Spielarten der Roots Music auf. Vor allem bleibt der Sänger und Gitarrist dem Blues treu. Schamlos gut. Der 61-Jährige ist eine sehr gefragte Person: Schließlich spielte er auf mehr als 500 Platten mit und produzierte Dutzende Künstler. Hut ab!

Sie haben es schon wieder getan: Das Colorist Orchestra hat sich auf „Not On The Map“ (Dangerbird Records/Membran) erneut mit Howe Gelb zusammengetan. Der Häuptling und Experimentator von Giant Sand liebt halt seine Solo-Momente. Die teilt der lakonische Erzähler mit dem avantgardistischen Kollektiv von Klassik-Musikern. Das hat ebenfalls eine recht unorthodoxe Vorstellung vom gemeinsamen Musizieren. Es wurde ein Glanzstück.

Daheim in Los Angeles sind Buckingham einige tolle musikalische Momente gelungen. Sie belegen, wie wichtig der Soft-Rock-Architekt für seine einstige Stammband, nach deren Abkehr vom Blues der frühen Jahre war – vor seinem Rausschmiss.

Kennen die guten alten Sachen: The Records Company. Quelle: Travis Shinn

L.A. die Zweite: Nichts, aber auch gar nichts ist falsch daran, der Aufforderung von The Record Company sofort zu folgen. „Play Loud“, erschienen bei Concord Records/Universal, dröhnt der Titel des höchst dynamischen Dreiers herüber. Der hat nichts weniger zu tun, als den mächtigen und rohen Blues – angelehnt an John Lee Hooker – und hochenergetisch knalligen Rock hochleben zu lassen. Riffs in der Nähe von Keith Richards, der ältere Soul knistert, schöne Grüße aus dem Beat-Schuppen. Was will man mehr?

Noch mehr Rock

Widerstand zwecklos: Die blasen dich um. Wer wie Pendejo auf „Toma“ (Chancho Records/Broken Silence) auf Spanisch röchelt und krakeelt, wer sich mit brachialen Bläsern, Wucht-Riffs und einem massivem Schlagzeug-Gewitter über Klassiker von Black Sabbath bis Iron Maiden hermacht, den muss lieben. Comprende, Amigo?

Es ist ein großes, bisweilen symphonisch erhobenes Drama, das Naraka auf „In Tenebris“ (Blood Blast Distribution) beschreiben oder gar heraufbeschwören. Womöglich die Hölle auf Erden. Das muss wohl jeder für sich entscheiden, wenn er sich den erbarmungslosen Attacken des Quartetts aus Paris und Marseille aussetzt. Ein Debüt, das so einiges aus der Abteilung Metal zu einer unbezwingbaren Legierung verbindet. Lindsay Schoolcraft (Cradle Of Filth) rundet das als diabolische Gastsängerin ab.

Von epischer Tragweite, dazu schwer und überaus dynamisch in seiner Gestaltung ist „Snake Behind The Sun“ (Pelagic) von Shy, Low aus Richmond in Virginia ausgefallen. Der Instrumental-Vierer versteht sich auf doomige Riff-Power, scheut nicht vor Krach und Kreischen zurück und katapultiert sich damit weit hinaus in den Rock-Kosmos. Ohne gleich mal wieder das Wörtchen Post-Irgendwann zu bemühen. Schwer beeindruckend.

Creeping Death peitschen sich auf ihrem Kurz-Album „The Edge Of Existence“ (MNRK Music Group) durch sechs knallharte Stücke. Wer diese metallische knirschende, brutale Stampede aus Trash und Death liebt, der wird von den Texanern aufs allerbeste bedient.

Zehn Jahre ist es her, dass K. K. Downing Judas Priest verlassen hat. Für einige Zeit hatte Tim „Ripper“ Owens ebenfalls in der legendären Metal-Kapelle mitgetan. Gitarrist und Röhre haben sich nun mit weiteren wackeren Mitstreitern neu formiert: KK’s Priest liefern auf „Sermon of the Sinner“ (EX 1 Records) verlässlich muskulöse Schmiede-Kunst.

Portland, der hinten, da oben links auf der Landkarte der Vereinigten Staaten, ist ein wohlig schattiger Ort. Zumindest, wenn man Unto Others auf „Strength“ (Roadrunners/Warner) ein Ohr leiht. Zuvor hießt die Truppe Idle Hands. Wie auch immer. Der Vierer hat eher diesen Düster-Rock im Repertoire. Wer Gruft-Rocker wie Field of Elysium vor ihrer elektronischen Phase mochte, The Smith oder gar Héroes de Silencio mochte, der kann hier genießen.

Womöglich darf es noch etwas heftiger rattern. Wenn nämlich The Velveteers auf ihren Debüt „Nightmare Daydream“ (Easy Eye Sound/Condord/Universal) recht bratzig zugange sind. Das Trio aus Boulder im US-Bundesstaat Colorado hat eine derb kaputten Garagen-Rock drauf. Mit – selten – zwei Zeugschlägern.

Ruppig und daher gut: The Velveteers. Quelle: Daniel Mermilliod

Psychedelische Schlenker, Fuzz-Pedal und immer schön rüde, die Attitüde. Und dann noch dieser Schmelz, den Sängerin und Gitarristin Demi Demitro in der Stimme hat. Beinahe unschuldig. Bis man spürt, dass sie auch dreckig kann. Ziemlich. Ach, da wir noch von den üblichen Verdächtigen sprechen müssen: An den Reglern hat Dan Auerbach von den Black Keys sich verdient gemacht. Schon wieder.

Von Ralf Thürsam