Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Neues von Lukas Nelson, Erik Leuthäuser und Julian Lage
Nachrichten Kultur

MAZ-Musiktipp: Neues von Lukas Nelson und Julian Lage

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:15 11.06.2021
Familienbande sind etwas ganz Besonderes für Lukas Nelson and Promise Of The Real.
Familienbande sind etwas ganz Besonderes für Lukas Nelson and Promise Of The Real. Quelle: Alysse Gafken
Anzeige
Potsdam

Für ihn gibt es eigentlich nichts anderes als unterwegs zu sein. Das kennt er von Kindesbeinen an. Lukas Nelson. Keine Wunder bei der Familie. Zu der neben Willie Nelson, der Country-Legende, noch dessen ältere Schwester Bobby und auch Lukas’ Bruder Micah sowie fünf weitere Geschwister zählen. Die Pandemie bremste das Tour-Leben harsch ab – bis zum Stillstand. Doch gerade aus dieser für alle ungewohnten Situation zogen Lukas Nelson & Promise Of The Real für ihre neue Platte „A Few Stars Apart“ (Fantasy Records/Universal) nun ihren Vorteil. Man könnte sagen, Lukas kam zur Besinnung. Off the road. Und dies in ganz positiven Sinn. Die zugegebenermaßen erzwungene Ruhe und eine Art innere Einkehr inspirierten ihn. In den neuen Songs geht es um die Familie. Die Kraft spendet. Die Zuflucht und Zusammenhalt gewährt. Über die klarsichtigen wie einfühlsamen Lieder sagte seine Mutter, Lukas habe seine Stimme gefunden. Und Mum hat immer recht. Besonders diesmal.

Auf der Suche nach Alternativen

Ausgebildet am Berklee College of Music im Boston. Aha, ein Akademiker in Sachen Gitarre also. Doch Julian Lage trägt das eben nicht als Aushängeschild vor sich her. Zwar spielte er als achtjähriges Wunderkind bereits mit Carlos Santana, doch er hatte auf dem Weg seiner musikalischen Selbstfindung viele weitere Lehrstellen und Mentoren. Wie man seinem geistreichen, eleganten und schlauen Spiel auf dem Solo-Album „Squint“ (Blue Note/Universal) anhört. Neun von elf Songs zwischen rohen und zarten Stimmungen, zwischen Blues, Rock und Jazz, zwischen lyrischen und improvisierten Ausflügen stammen vom 33-jährigen Kalifornier. Chapeau!

Den Ritterschlag erhielt Philip Lassiter, als der versierte Trompeter die ausgebufften Arrangements für die elf Bläser der New Power Generation von Prince besorgte. Zuvor hatte er bereits Gospelsongs gestaltet, sehr zur Freude von Kirk Franklin. Seither wächst die Liste der Stars in Soul, Funk und Pop, die von seinen Fähigkeiten profitieren. Auf „Live In Love“ (Leopard/Broken Silence) führt Lassiter vor, wie das läuft. Und es läuft grandios, wenn er mit Gästen die Genres vermählt und obendrein Reggae einbezieht.

Lukas Nelson, der dem Rock wohl immer einen Tick mehr verbunden war als dem Country, lässt beides zu. Erinnert sei an die Arbeit mit Neil Young. Ihn unterstützten der Grammy-Gewinner und Promise Of The Real ihn auf Tour, im Studio und am Filmset. Manches scheint von dieser Kooperation eingesickert in die jüngsten Stücke. Sie rocken. Sie geben sich zu Orgel und Piano mehrfach nachdenklich. Oder schwelgen. Nicht zu reden vom unfassbar magnetischen Timbre, das seinen Gesang ausmacht.

Längst reif für den Soul: Jeb Loy Nichols. Quelle: Loriane Morley

Aufgeschlossen war Jeb Loy Nichols stets. Schließlich hat er mit den Fellow Travellers vor – 30 Jahren Country, Folk und Reggae vital zusammengeführt. Damit nicht genug. Der Mann aus Wyoming lebt in der ländlichen Einsamkeit vom Wales, wo er nur schwer aufzutreiben ist. Wie sich zeigt, pflegt der Sänger derweil eine ausgeprägte Liebe zum Soul. Durch ihn erhält das Genre eine weitere empfindsame reife Stimme. Ein Geschenk. Auf „Jeb Loy“ (Timmion Records) legen Cold Diamond & Mink perfekte Grooves, doch nicht immer Tempo vor. Blechbläser fügen sich mit Gefühl und langem Atem. Ladies sorgen für geschicktes Drama im Background, eine Samt-Orgel ist dabei und auf „Like A Rainy Day“ zieht Jeb noch die Mundharmonika aus der Hosentasche.

Voller vokaler Zuneigung: Erik Leuthäuser. Quelle: Nils Stelte

„Scuse me! Can I Say Something?“ – Tschuldigung! Kann ich auch mal was sagen?“ Selbstbewusstsein und Energie stecken in diesem Song. Mit ihm eröffnet Erik Leuthäuser sein neues Album „In The Land Of Kent Carlson“ (MONs Records/NRW/The Orchard). Es ist eine Reise durch musikalische Landschaften geworden, die mit Staunen, Hingabe und Respekt das Schaffen des Komponisten aus Phoenix, Arizona, würdigt. Aufgenommen im intimen Berliner Jazz-Club „A-Trane“ im Corona-Herbst. Genau der richtige Ort wie Erik Leuthäuser findet. Er fühlt sich versetzt nach New York. In seine Kabaretts, Theater und eben jene schummerigen Clubs, in den Jazz-Sänger samt Begleitung seit Dekaden vor ihrem Publikum zu Höchstform auflaufen. Stimmlich zu gefühlvoll wie immens nuanciertem Vortrag aufgelegt, zeigt sich auch der Vokalist aus Berlin. Lediglich begleitet vom subtil agierenden Pianisten Wolfgang Köhler – und in Anwesenheit von Kent Carlson, der seit 2010 als Sänger dem MDR Rundfunk Chor angehört. Zudem brilliert Leuthäuser mit charmanten Ansagen. Nicht zum ersten Mal macht sich der romantische Mittzwanziger als Perlentaucher verdient: Zuvor hatte er die Qualität der Songs von Irene Kral und Alan Broadbent wieder in Erinnerung gebracht.

Von Ralf Thürsam