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Kultur Neues von Samantha Fish, Mastiff und Steve Hackett
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MAZ-Musiktipp: Neues von Samantha Fish, Mastiff und Steve Hackett

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10:05 10.09.2021
Folk – so aufgeschlossen wie nie – von Monsieur Doumani.
Folk – so aufgeschlossen wie nie – von Monsieur Doumani. Quelle: MichaIis Demitriades
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Potsdam

Ist die Nacht am tiefsten, dann haben längst nicht alle die Augen fest zugedrückt. Im Gegenteil. Es gibt dann Wesen, die es lieben durch diese tiefe Stille zu streifen. Manche von ihnen tragen Flügel. Zumindest auf Zypern ist das so. Und auch für Monsieur Doumani. Das Trio streift für uns mit Gitarre, Halslaute und Posaune durch diese gewissen Stunden. Erstaunliche perkussive Effekte durch Pedale, Loops und noch mehr Elektronik inbegriffen.

Auf der Suche nach Alternativen

Bei den Manic Street Preachers kann man sicher sein, der Band aus Wales gehen nie die überwältigenden Melodien aus. Wie auf „The Ultra Vivid Lament“ (Columbia/Sony) nicht. Widerstand zwecklos. Inhaltlich werden durchaus gewohnt ernsthafte Themen angesprochen wie Deutungshoheit über Lebensinhalte oder die Bewältigung schwerer Erinnerungen. Nicht so sicher darf man allerdings sein, wohin die Musik steuert. Denn es gibt von James Dean Bradfield und Co. neben vornehmlich versonnenen und den im mittleren Tempo gehaltenen Stücken oder Selbstzitaten nur gelegentlich den wutgeladenen Rocker – aber auch ein klitzekleines bisschen Disko und Abba.

Nach der sensiblen Exkursion „Under A Mediterranean Sky“ rund um das Mittelmeer gibt sich Steve Hackett auf „Surrender Of Silence“ (Inside Out Music/Sony) noch globaler. Der Meister-Gitarrist, der seit der Zeit bei der Prog-Legende Genesis beachtliche Solo-Werke vorlegt, bewegt sich äußerst weltgewandt. Vom Mini-Drama in der italienischen Oper mit Chören und Mandoline bis nach Russland. Von Afrika nach Shanghai und Samarkand. Für Klanglandschaften aus Klassik-Anleihen, regionalen Färbungen und viel Rock scharte Hackett viele Mitstreiter um sich. Und trotzt dem Lockdown.

Eine Klang-Fischerin ist sie – Sarah Davachi. Die Kanadierin hört auch auf „Antiphonals“ (Late Music/Rough Trade) nicht auf, die Wirkung sanft schwellender, minimalistischer Tonfolgen und ihrer langwierigen Entwicklung zu ergründen. Benutzt dafür Mellotron, Orgel, Klavier und Synthesizer. Eigenartig, entrückt und reizvoll. Wie eine Meditation.

Raserei, Wahnsinn und Verzweiflung sähen Mastiff auf ihrer schwerst berserkerhaften Langrille „Leave Me The Ashes Of The Earth“ (eOne/SPV). Ein Titel, der keine Hoffnung lässt. Verstörende Riff-Attacken, fiese Dissonanzen, eine wüste gebrüllte Endzeit-Walze.

Von finsteren Wesenheiten können auch Aborted auf „ManiaCult“ (Century Media/Sony) nicht lassen. Fürwahr: H.P. Lovecraft hat so viel unsagbaren schriftstellerischen Schrecken hinterlassen, den müssen die vier Belgier jetzt in ihre todesmetallische Form gießen. Sie sind nicht die ersten. Metallicas „Call of Ktulu“ ist 37 Jahre alt.

Schweizer Schokolade genießt einen guten Ruf. Leckerer ist das, was The Next Movement da anbieten. Das Trio schickt sich auf seiner gleichnamigen Platte, erschienen auf Leopard/Broken Silence, an, den Funk ins 21. Jahrhundert zu beamen. Zwar nicht ohne Jazz, Gospel und Instrumentals. Knallt aber ohne Ende. Sehr lecker, wie gesagt.

Bis zum Sonnenaufgang schaffen die drei eine verblüffende wie unvermutete Melange: Die ruft volkstümliche Musik der Mittelmeeerinsel auf, der Wüstenwind aus Nordafrika weht den verzerrten Blues der Beduinen herüber, irgendetwas Kosmisches mengt sich zudem in den psychedelisch tänzelnden Sound. Auf „Pissourin“ (Glitterbeat/Indigo) heben Monsieur Doumani den Folk auf eine neue spannungsgeladene quicklebendige Ebene. Wegweisend. Die Nacht ist noch jung...

Kann nicht nur glühende Gitarre: Samantha Fish. Quelle: Kevin King

Diese Frau überlässt nichts dem Zufall – Samantha Fish. Die Gitarristin aus Kansas City beleuchtet Themen wie Macht und Verantwortung. Dieses Wechselverhältnis spielt sie auf „Faster“ (Rounder Records/Concord/Universal) gleich in zwölf Varianten durch. Herzhaft und lustvoll wie am Start im Titelsong. Darin facht die Frau das Feuer an, weil sie es kann. Doch Samantha beschränkt sich nicht auf verschwitzten Blues-Rock. Zwar feuert die 32-Jährige glühende Soli ab, doch sie schaut auch aufmerksam und aufgeschlossen nach links und recht. Dort finden sich Pop, Doo Wop und durch die Kooperation mit Tech N9ne, der auch aus ihrer Heimatstadt stammt, sogar ein Ausflug in den Rap.

Vertraut mit dem Leben auf dem Lande: Riddy Arman. Quelle: Mike Vanata

In allerbester Gesellschaft befindet sich Riddy Arman auf ihrem Plattenlabel: Denn dort veröffentlichen der phänomenale Colter Wall und Vincent Neil Emerson. Eine Umgebung, in der gutes Handwerk und grundehrliche Geschichten zählen. Wie jene im Song „Spirits, Angels, or Lies“: In den letzten Stunden ihres Vaters erscheint Johnny Cash am Sterbebett. Riddy, die aus Montana kommt, aber oft umzog und viele ländliche Gegenden der USA kennengelernt hat, liefert mit „Riddy Arman“ (La Honda Records/Thirty Tigers/Membran) ein denkwürdiges Debüt, geformt aus Folk, Country-Walzer und Balladen. Glaubwürdig.

Von Ralf Thürsam