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Kultur Neue Töne von Steve Cropper, Adam Douglas und den Flaming Sideburns
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MAZ-Musiktipp: Neues von Steve Cropper, Adam Douglas und den Flaming Sideburns

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10:15 23.04.2021
Weise und meisterhaft: Steve Cropper.
Weise und meisterhaft: Steve Cropper. Quelle: Michael Wilson
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Potsdam

Sich aufs Altenteil zurückzuziehen, das ist für Steve Cropper keine Option. Der Gitarrist, Produzent und Songschreiber, der den Soul-Stars bei Stax Records in Memphis, Tennnessee, und – wir erinnern uns gern – die Blues Brothers zum Tanzen brachte, setzt sich keineswegs zur Ruhe. Vielmehr legt der Mann mit dem markanten Backenbart, der im Oktober 80 alt wird, eine neue Platte vor. Auf „Fire It Up“ (Mascot/Rough Trade) spielt Cropper, der mit seinem alten Kumpel Fleix Cavaliere ältere Groove-Skizze sichtete und polierte, alle seine Trümpfe aus: Soul, Rhythm And Blues und Rock ‘n‘ Roll – alles, das versteht sich, von klassischem Zuschnitt. Viele Künstler mochten nicht auf seine Qualitäten verzichten. Neil Young tourte mit Booker T. & The MG’s, bei denen Cropper seit 1962 die Saiten streichelt. Das Konzert zum 30. Bühnen-Jubiläum von Bob Dylan wäre nichts ohne diese vitale Band im Rücken des späteren Nobelpreisträgers. Ganz zu schweigen von den vielen Hunderten Aufnahmen im Studio – und Hits für Wilson Pickett und Otis Redding. Ganz zurückhaltend sagt Cropper von sich nur etwa drei Stunden Unterrichtsstunden auf seinem Instrument genommen zu haben. Aber: Bei den Aufnahmen hörte er stets auf sein Herz.

Verschwenderisch gut bei Stimme: Adam Douglas. Quelle: Torgrim Halvari

Fjorde und Berge – dort fühlt sich Adam Douglas seit Langem zu Hause. Den Mann hat es von Oklahoma nach Norwegen verschlagen. Die Distanz von Tausenden Meilen hinderte ihn indes nicht im Mindesten daran, seine tiefe Verbundenheit mit amerikanischer Roots Music weiter zu hegen. Wie jetzt wieder auf „Better Angels“ (Compro Records/The Orchard).

Auf der Suche nach Alternativen

Das Leben steckt voller Irrungen und Wirrungen. Man kann es nicht ausrechnen. Wenig vorhersehbar und daher riskant wie abenteuerlich für die Ohren sind die acht Stücke von The Antikaroshi. Das unangepasste Kollektiv, bestehend aus Christoph Hennig, Dirk Hoffmann und André Pautz, gehört seit Jahren zur Potsdamer Subkultur. Selbst der Albumtitel gibt nur eine ungefähre Form vor: „Extract.Transform.Debase“ (Exile On Mainstream Records). Spüren lassen sich Anfänge in Punk und Hardcore. Doch dabei belässt es das Trio nicht. Elektronischer Sternstaub gehört genauso dazu wie Straßendreck, sprunghafte Wechsel der Stimmungslagen und absichtsvoller Stilbruch. Erfindungsreich.

Es müssen nicht fünf Freunde sein: Es sind viele mehr, auf die Verlass ist. Sie unterstützten Blackbriar per Crowdfunding. Nun zahlt die junge Band aus Assen seiner Anhängerschaft das erwiesene Vertrauen doppelt und dreifach zurück. Das dramatische Debüt „The Cause Of The Shipwreck“ (Blackbriar Music) katapultiert den Sechser mit seiner Frontfrau Zora Cock in ein Fantasy-Reich. Verwunschen, finster und bizarr. Schattiger Düster-Rock mit der Qualität von Filmmusik. Sogar das Phantom der Oper lugt kurz um die Ecke. Obacht!

Räudiger Garagen-Rock bleibt der Tummelplatz der Flaming Sideburns. Komplett rostfrei und zu allen Schandtaten bereit zeigen sich die fünf wiedervereinten Originalmitglieder selbst nach einer Pause von 20 Jahren auf „Silver Flames“ (Svart Records/Membran/The Orchard). The Who sind, so hört man, keine Unbekannten für das Quintett. Clever steuert die Band aus Finnland einen harten Kurs zwischen Classic Rock und psychedelischen Anflügen.

Der begnadete Sänger schwelgt und jubiliert in den Songs seines dritten Albums, die viel vom Soul, Blues und Gospel aufgesogen haben. Von verschwenderischen Arrangements für Bläser und Streicher, die sich in beinahe in der Nähe einer Big Band tummeln, bis hin zu Anleihen bei Country oder Rock. Der 40-Jährige zieht so etwas, wie eine musikalische Zwischenbilanz. Die kann mit einer Platte wie dieser, der man viele Hörer wünscht, nur positiv ausfallen.

Noch eine vokale Entdeckung: Robert John Hope. Quelle: Promo

Nordwestirland, Denver und nun Berlin: Robert John Hope scheut sich nicht, weite Wege zu gehen, über seine Lebensstationen nachzudenken, sie in Lieder von berückender Intensität zu fassen. Mit einer Stimme, die sich beim Zuhören festhakt. Kein Zweifel. Aufgeschlossen, locker und tiefgründig hat der Gitarrist, der einst mit der Band Senakah bekannt wurde, seine moderne Version von Folk-Rock vorgelegt. „Plasticine Heart“ heißt das wohl temperierte Album, erschienen bei Musszo Records (Edel/Kontor New Media). Ein Berliner Label, das sich um Künstler im spannenden Feld zwischen Folk, Jazz und World Music kümmert.

Von Ralf Thürsam