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Kultur Neues von Sturgill Simpson, Wormwood und Ouzo Bazooka
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MAZ-Musiktipp: Neues von Sturgill Simpson, Wormwood und Ouzo Bazooka

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10:05 27.08.2021
Rührt die Herzen mit einer Geschichte aus Amerika, die sich vor 160 Jahren abgespielt haben könnte: Sturgill Simpson.
Rührt die Herzen mit einer Geschichte aus Amerika, die sich vor 160 Jahren abgespielt haben könnte: Sturgill Simpson. Quelle: Promo
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Was ist bloß in ihn gefahren? Ein Mann im Arbeitsrausch: Binnen eines Jahres bringt Sturgill Simpson seine Anhängerschaft bereits mit der dritten Veröffentlichung zum Lachen und zum Weinen. Natürlich mit seinen Geschichten, so reich wie der Schatz an traditioneller Musik, die Sturgill strahlen lässt: Folk, Bluegrass, Country und sogar Gospel. Der 43-Jährige erzählt „The Ballad Of Dood and Juanita“ (High Top Records/Thirty Tigers/Membran). Angesiedelt 1862. Der amerikanische Bürgerkrieg hatte bereits begonnen. Eine harte Zeit für Siedler. Dood ackert draußen auf dem Feld. Ein Bandit entführt seine Frau Juanita. Dood kommt zu spät. Er schwört, nicht eher zu ruhen bis er Juanita, eine Angehörige vom Stamm der Shawnee, gefunden hat. Die gnadenlose Hatz beginnt.

Auf der Suche nach Alternativen

Denen glaubt man jeden schön schmutzigen kompromisslosen Ton. Selbst nach 25 Jahren noch. Danko Jones brettern ihren harten Rock’n’Roll einfach runter. Der Titel ihres Albums „Power Trio“ (Mate In Germany/Tonpool) passt wie die Faust aufs Auge.

Moll getränkten Pop samt Harfe, Himmels-Chören und Flügel bietet Jack In Water. Hinter diesem Namen verbirgt sich Will Clapson aus Essex. Für „Don’t Feel Like Home“ (Nettwerk Music Group), sein gedankenschweres wie reizvoll-vielschichtiges Debüt, hatte er schon längeren Anlauf mit einer Serie von Kurzplatten genommen. Fein.

Die Jungs lassen sich nicht verbiegen: The Bronx aus Los Angeles fassen sich kurz. Der aufrechte Fünfer ballert auf „Bronx VI“ (Cooking Vinyl/Sony) elf Songs raus. Rüde wie Punk. Gern auch als schneller und fieser Hardcore. Dröhn und schön.

Gefährten, wie das treue Pferd Shamrock und der furchtlose Hund Sam, werden in den Songs bedacht. Und ist da noch ein gewisser Willie Nelson. In der Liebeserklärung „Juanita“ gibt er sich die Ehre. Steuert auf Trigger, seiner zerschrammten und löchrigen Gitarre, ein Solo bei. Der Country-Outlaw hatte bereits 1975 auf „Red Headed Stranger“ die Geschichte eines Priesters erzählt, der den Liebhaber seiner Frau umbringt. Nelsons Konzeptalbum, eine altes Familienfoto und der Gedanke daran, musikalisch an den eigenen Großvater zu erinnern, brachte Simpson quasi zurück in den Sattel – die Idee zu „Dood and Juanita“ nahm Form an. Sturgill sollte, nein, muss man kennenlernen. Womöglich ist das bereits geschehen: Denn der Mann aus Kentucky steuerte den Titelsong „The Dead Don’t Die“ für den gleichnamigen Zombie-Film von Jim Jarmusch bei. Hat sich gute Musik erst einmal eingenistet...

Außergewöhnlich in Geräusch und Gesang: Horte. Quelle: Promo

Da oben im Norden verstehen sie es, verstörende und zugleich besänftigende Klanglandschaften zu entwerfen. Wie die Band Horte es auf ihrer Platte „Maa antaa yön vaientaa“ (Pelagic) nun getan hat. So verbindet der Vierer aus Finnland mal britzelnde, schwebende oder fies umher kriechende Keyboard-Sounds mit anschwellenden Loops, eigentümlich blubbernden, wabernden und bisweilen störenden Geräuschkulissen. Obenauf thront die Stimme von Sängerin Riikka. Mal von dieser Welt, mal weht sie aus einer anderen heran. „Das Land lässt die Nacht leise wachsen“, so lautet der Titel des an Experimenten reichen Post-Rock-Albums. Düster, spannend und rätselhaft.

Einfallsreich: NMB. Quelle: John Zocco

Es geht auch kürzer: Die Neal Morse Band heißt nun NMB. Kürzer und ohne nahezu erwartbaren konzeptionellen Rahmen kommt der Fünfer nun auf „Innocence & Danger (InsideOut Music/Sony) daher. Aufregend. Sämtliche Bandmitglieder speisten ihre Ideen für die Doppel-CD ein. Ein Gewinn für die Progressive Band, die seit bald zehn Jahren besteht. So besteht das Instrumental auf der Gitarre neben ausgefeilter Mehrstimmigkeit im Gesang, temporeicheren Stücken – und ja – Balladen. So ganz ohne Ausschweifungen geht es aber nicht: Denn mit den Stücken „Not Afraid Pt 2“ und „Beyond The Years“ beweisen NMB für fast 20 beziehungsweise 32 Minuten den langen gestalterischen Atem. So mancher Anstoß kam übrigens von außen: Nach einem Podcast übers Schreiben mit Jon Anderson – Sänger und Gründer von Yes und damit ein Vertreter der ersten Prog-Generation – gingen dem Kalifornier Neal Morse die Texte ganz flott von der Hand.

Eigentümlich schillernd: Ouzo Bazooka. Quelle: Promo

Ouzo Bazooka, die Könige des nahöstlichen psychedelischen Rock, sind zurück. Hatte schon der Vorgänger „Transporter“ für Begeisterung gesorgt, so lässt der Nachfolger „Dalya“ (Stolen Body Records/Popup Records) nichts an Wünschen offen. Farbenfrohe, ausgeflippte und halluzinogene Orgelei und Gitarrenarbeit. Schließlich bietet Tel Aviv genügend Nährboden für die Vermählung westlicher und östlicher Musikströmungen. Erstaunlich, wie sich Surf, Garagen-Rock, Kraut-Rock und mehr in den sechs neuen Stücken entfalten.

Ausgeklügelt: Leprous Quelle: Promo

Ohne ein bis in die kleinste Klangeinheit gedrechseltes Drama kommen Leprous nie aus. Wie auf „Aphelion“ (InsideOut Music/Sony). Gut so. Denn das wuchtige jüngste Album der Prog-Metaller aus Norwegen vereint den unglaublichen Spagat, den Einar Solberg mit seiner Stimme bis ins Falsett beherrscht, mit ausgefallenen Keyboard-Sounds, heftigen Gitarren, Zappel-Drums und – aufgeboten als sehr besonderer Kontrast von Gastmusikern – Violine, Cello und Bläser. Avantgarde, Emo, Alternative und Pop bringen nur wenige so zusammen.

Vernichtend gut: Wormwood. Quelle: Svartna Film

Es könnte sein, dass die Menschen bald nur noch als eine Erinnerung in den Aufzeichnungen irgendeines Archivs überdauert haben. Denn bis zu ihrem Ende haben sie die Natur geschunden. Haben einen toten Planeten hinterlassen. Diese endzeitliche Vorstellung prügeln die schwedischen Black-Metaller von Wormwood konsequent heftig auf ihrer jüngsten Veröffentlichung „Arkivet“ (Black Lodge/Rough Trade) durch. Erstaunlicherweise lässt die Band aus Stockholm ohne Verzicht auf genretypische Zutaten sogar ruhige melodische Passagen aus Folk und Blues zu – bis der Sturm der Vernichtung wieder wütet. Groß.

Von Ralf Thürsam