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Kultur Neues von Swallow The Sun, AHI und Eddie V9
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MAZ-Musiktipp: Neues von Swallow The Sun, AHI und Eddie V9

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10:20 19.11.2021
Mit düsterer Grandezza: Swallow The Sun.
Mit düsterer Grandezza: Swallow The Sun. Quelle: Jussi Ratilainen
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Potsdam

In Sorgen eingesponnen sind die Tage der Menschen. Nur schwer lässt der graue Novemberhimmel die Strahlen der Sonne hindurch. Falls überhaupt. Schwer schleppt sich der Klagegesang von Swallow The Sun dahin. Träge Doom-Riffs bis hin zum Grollen oder gequälten Schrei und doch gekrönt von melodischer Gitarrenarbeit und plötzlichen Tempi-Wechseln. Die fünf Finnen wirken auf „Moonflowers“ (Century Media/Sony) ihre beinahe lichtlosen, niedergeschlagenen und dunkel funkelnden Songs, in denen Liebe und Zuneigung selten genug Raum erhalten. Und falls, nur ganz kurz. Ein Elend.

Auf der Suche nach Alternativen

Wer den Rucksack schultert und zehn Jahre durch die Welt zieht, der liest so etliche Geschichten am Wegesrand auf. Wie AHI. Voller Neugier und Nachdenklichkeit schildert er Aussichten und Erwartungen. Gerade weil er vielen Menschen begegnete. An ihrem Blick auf das Leben schärfte sich der eigene. Der Songwriter aus Toronto lässt uns auf „Prospect“ (22nd Sentry/Thirty Tigers/Membran) mit viel Soul daran teilhaben. Danke!

Dieser Punk-Rocker, 56 Jahre alt, nimmt sich Zeit – für ein Solo-Album abseits seiner verehrten Stammband Pennywise. Jim Lindberg sinniert auf „Songs From The Elkhorn Trail“ (Epitaph/Indigo) über sich, das Leben und Amerika. Sein Land hat immer wieder seine hässlichen Seiten gezeigt. Für die Chancenlosen appelliert Lindberg daher für ein solidarisches Miteinander. Nicht nur im – ach so – sonnigen Kalifornien. Der Mann ist ein Mutmacher. Seine Lagerfeuer-Stücke kommen meist akustisch, doch mit viel Kraft und manchmal Wut im Bauch daher. Seine Herkunft kann Lindberg nicht verleugnen.

Zwei Frauen mit Durchschlagskraft: Lindsey Troy und Julie Edwards. Beide singen, bedienen Gitarre und Drums und nennen sich Deap Vally. Auf „Marriage“ (Cooking Vinyl/Sony) setzen die beiden aus der Stadt der Engel einen reizvollen Bastard in die Welt: Entfachen einen Radau aus Rock, etwas Punk und Glam.

Vorab hatten Swallow The Sun einige ihre neuen vor Zerrissenheit geprägten Stücke mit dem Streicher-Trio Nox in einer Kirche eingespielt. Die Appetizer gibt es als Dreingabe zur neuen Platte. Sterbensschön. Zuvor hatte die Band aus Jyväskylä mit Live-Aufnahmen das Jubiläum ihres Debüts „Gloom, Beauty And Despair“ vor 20 Jahren gefeiert.

Bei ihm sind Blues und Soul in guten Händen: Eddie 9V. Quelle: Em Pearson

Kann es sein, dass ein Künstler nur einen wohlklingenden Name benötigt? Brooks Mason nennt sich seit zwei Jahren Eddie 9V. Und der Erfolg für den Multi-Instrumentalisten stellte sich ein. Jetzt legt er „Little Black Flies“ (Ruf Records) vor. Es gilt, dass es die Götter sind, die den Schweiß vor den Erfolg gesetzt habe. In Eddie’s Fall waren die Götter des ruppigen Blues und des ungekünstelten Souls. Als Sechsjähriger lernte er nahe Atlanta die ersten Akkorde und Licks auf einer Gitarre mit eingebautem Verstärker. Bands folgten. Endlich Auftritte in jenen Clubs, in denen Eddie einst seine Helden angeschmachtet hatte.

Noch mehr Rock

Das darf man wohl eine echte Geburtstagsüberraschung nennen: Hatten Riverside zuletzt ihr feines Debüt von 2003 in einer Wiederveröffentlichung vorgelegt und ein Tour-Dokument aus Tilburg mit ihrem Gitarristen Piotr Grudzinski, der 2016 verstarb, überraschen die Progressive Rocker aus Polen mit einem tiefen Blick in ihre Werkgeschichte: Außer „Riverside 2o - Vol. 1, The Shorts“ legen die Musiker noch „Riverside20 – Vol. 2, The Longs“ (beide Inside Out/Sony). Verästelungen im Sound, Abstufungen und etliche Details werden offenbar. Ein üppiges Geschenk an die Fans, die freilich auf das nächste Studio-Album warten.

Sind sie stur? Wenig auf Veränderung bedacht? Altmodische Todesmetaller gar? Klar, sind sie. Bleiben sie. The Lurking Fear, benannt nach einer Horrorstory von H.P. Lovecraft, spulen unbeirrt ihr Programm runter. Finster, erschreckend und zerstörerisch. Wie der Titel ihres aktuellen Albums „Death, Madness, Horror & Decay“ (Century Media/Sony) allen Zweiflern einhämmert. Tod, Wahnsinn, Grauen und Niedergang. Vier Dinge, gegen die man kaum besteht. Das machen uns die Schweden, die Mitglieder von At The Gates, Skitsystem, Disfear. God Macabre, Tormented und The Haunted in ihren Reihen wissen, sofort klar.

Wer seinen Bachelor in Musik macht, dürfte wissen, wie Stimmungen und Stücke konstruiert sein sollten. Wie die Norweger von Navian. Ausschließlich mit Instrumentals begibt sich das Trio in einen weitläufigen „Cosmos“ (Indie Recordings/The Orchard). In seiner Version von Progressive Metal stecken komplizierte Läufe und schlichte Schönheit. Das Debüt hat Atmosphäre und gestattet ganz viel Freiraum für Spuren in andere Genres.

Kann man glücklich sein mit dieser Platte der Volumes? Kaum. Eher das Gegenteil. Verhandelt die Band, die persönliche Verluste verkraften muss, auf „Happier?“ (Fearless/Spinefarm Records) doch einige ernste Dinge. Da bleibt kaum Platz für Frohsinn. Sollte man bei dem kantigen Metalcore der Truppe aus Los Angeles auch nicht annehmen – bis auf wenige erstaunlich popzugewandte Ausnahmen.

Und heute? Der unschätzbarer Vorteil der jüngsten Aufnahmen: Der Musiker und seine Begleiter spielten live im Studio. Alles klingt nach dem Moment, nach Inbrunst und exzellentem Zusammenspiel. Gleich ob es sich um die selbst verfassten oder die Cover handelt. Verbales Geplänkel eingeschlossen. Hier haben wir einen Mittzwanziger und einen Vollblutmusiker, bei dem man gern Ohrenzeuge seines Werdegangs sein möchte.

Sparsam, doch bedacht in Szene gesetzte Songs: Andy Shauf Quelle: Promo

An frischen Songs scheint es Andy Shauf wahrlich nicht zu mangeln. Gerade hat der Kanadier mit „Wilds“ (Anti/Indigo) neun weitere, nahezu ungefilterte Stücke zugängig gemacht. Sie stammen aus einem größeren Konvolut seiner Songwriter-Werkstatt. Der Mann aus Saskatchewan folgt einerseits akustischen Spuren, ergänzt um Holzbläser und etwas Drums. Andererseits stattet der 34-Jährige sein Material mit sparsamen, doch süffigen Akzenten aus, die an Pop aus den Sechzigern gemahnen. Samt Tambourin oder Orgel. Sympathischer, etwas schluffiger Folk mit Flöten. Ein Blick auf Menschen. Wie sie ihr Lebens meistern. Oder nicht.

Von Ralf Thürsam