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MAZ-Musiktipp: Rock, Pop und die Wintersonnenwende

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11:04 21.12.2020
Mit neuer Sängerin: Solstice.
Mit neuer Sängerin: Solstice. Quelle: Promo
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Potsdam

Die meisten knipsen alle Lampen an oder sie entzünden Kerzen, um wohlbehalten durch die dunkle Jahreszeit zu kommen. Nun naht die Wintersonnenwende. Solstice aus Großbritannien tragen die Sehnsucht nach diesem bedeutsamen Ereignis bereits im Namen – seit vier Dekaden. Was macht den Reiz der milden, nahezu hippiesken Progressive Rocker aus Milton-Keynes aus? Zum einen die neue prägende Stimme, die Jess Holland gehört und auch vervielfacht zu haben ist. Dann die bis ins Jazzige hinüber reichende Violine, schließlich die in großzügigen Bögen erzählten lichtvollen, oft akustischen Geschichten, in denen die Instrumentalisten sich maßvoll austoben.

Was der Nordwind erzählt

Das hat etwas Rauschhaftes: Erst Ende Oktober hatte Ane Brun ihre Platte „After The Great Storm“ vorgelegt. Aufgeschlossen, mehrdimensional, weil analog und digital, mit Spuren von TripHop, Ethno-Sounds und Pop versehen. Nun legt die Norwegerin, die in Stockholm lebt, nach. „How The Beauty...“ ist kristallin, intensiv, einsam, hingebungsvoll und bisweilen tieftraurig. Eher eine Reise nach innen. Ihre Stimme oft nur von Piano oder Gitarre gestützt. Joni Mitchell könnte ein Referenzpunkt sein.

Ane Brun: How Beauty Holds The Hands Of Sorrow. Balloon Ranger Recordings/Cargo.

Etliche Nackenschläge hat es in diesem Jahr gegeben. Findet Kristopher Aström. Was der Sänger und Gitarrist (46) bei den Aufnahmen zu seiner immerhin zehnten Langrille in einem Studio irgendwo in der Region Värmland aber nicht einbüßte, sind Wärme und Emotionen,

Neue Songs, verfasst in der Isolation: Kristofer Aström. Quelle: Ellika Henrikson

Die neuen Stücke sind süffig wie eingängig – in der Nähe zu Country und Amerikana. Und sein inniges Duett mit Britta Persson trifft in harten Zeiten wie diesen – mitten ins Herz.

Kristofer Aström: Hard Times. Startracks/Indigo.

Als Anwärter auf einen der wohl längsten Albumtitel des Jahres hat Simen Mitlid bereits gewonnen. Mit der Anspielung auf abenteuerliche Reisen – den Hobbit eines Herrn J.R.R. Tolkien eingeschlossen – ebenfalls. Auf wundervoll verschlungene Wege führt uns dieser sanfte Songwriter aus Oslo. Akustisch dichte, der Elektronik nicht abgeneigte Träumereien.

Simen Mitlid: Birds; or Stories from Charlie B’s Travels, From Grönland to the Sun, and back again. Koko Plate.

Nie um Einfälle verlegen: Solstafir aus Island, Quelle: Promo

Schroff, vielgestaltig, voller Soundklippen geben sich Solstafir (wohl nur ungefähr mit Strahlenbüschel übersetzt) aus Island. Die Truppe um Frontmann Adalbjörn Tryggvason kann das episch walzende Langstück wie das Klangexperiment, das wie eine langsame Welle auf den Strand trifft. Und scheint da trotz massiver Riffs so etwas wie langsamer Blues durch? Vielleicht. Dass Black Metal ein – bereits früher ausgekosteter - Tummelplatz bleibt, ist gleichfalls nicht zu überhören. Und dann sind da noch diese atmosphärischen Stücke, die manche Wutattacke aushalten müssen. Dieser Vierer kann alles, nur nicht langweilig.

Ein winterlicher Extra-Tipp

Frost* haben mit ihrem Mini-Album „Others“ bereits den Köder präsentiert. Wer gierig nach diesen sechs Stücken schnappt wie der Fisch nach dem Wurm am Angelhaken, der will bald mehr. Tasten-König Jem Godfrey, Nathan King und John Mitchell lassen sich fürwahr nicht lumpen. Eine gewaltige, materialpralle und überzeugende Werkschau legen die Progressive Rocker aus Großbritannien mit „13 Winters“ vor. Neben Momenten voller raunender melodischer Schönheit gibt es diese Monumente verschachtelter Rock-Eruptionen und ein paar Überraschungen, stilistisch nicht unbedingt erwartet. Majestätisch und machtvoll. Der musikalische Reisebericht deckt viele Facetten der Band ab. Auf acht Silberlingen sind remasterte und remixte Alben, dazu besagte EP, Instrumentals, Live-Mitschnitte, B-Seiten und Raritäten versammelt. In einem opulenten Art-Book. Streng limitiert.

Frost*: 13 Winters. Inside Out/Sony.

Keine Gnade darf man dagegen von Winterfylleth erwarten. Das Wort aus dem Alt-Englischen bezeichnet den Oktober. Jene Zeit, in der Winter übers Land kommt. Das eiskalte Quintett aus Manchester liefert dafür ein frostiges Stimmungsbild aus grimmigem Black Metal samt akustischen Passagen, die auf britischen Folk verweisen, und atmosphärische Gefilde.

Solstice: Sia. GEP.

Solstafir: Endless Twilight Of Codependent Love. Season Of Mist/Soulfood Music.

Winterfylleth: The Reckoning Dawn. Candlelight/Spinefarm.

Von Ralf Thürsam