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Kultur Neues von The Dust Coda, Wheel und Esther Rose
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MAZ-Musitipp: Neues von The Dust Coda, Wheel und Esther Rose

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10:12 26.03.2021
Kennen sich aus mit dem Besten von früher und heute: The Dust Coda.
Kennen sich aus mit dem Besten von früher und heute: The Dust Coda. Quelle: Dean Chalkley
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Potsdam

„Yeah“ – das ist das erste Wort, das wir von The Dust Coda zu hören bekommen. Und dann: „I got a demon in my heart“. Kehlig, dreckig, übergeschnappt. Dann peitscht das erste Riff aus den Boxen. Dieser Vierer aus London beschert dem Classic Rock die allerschönste nächste Runde. Großmäulig zwar, aber vollgestopft mit so ziemlich allem, was man am Rock seit sagen wir geschätzt 50 Jahren so liebt. „Mojo Skyline“ (Earache/Edel) hat Exaltiertheit im Gesang, Riffmonster von Led Zep, Guns N Roses und vielen Hard-Rockern der Siebziger, eruptive Soli. The Dust Coda lieben die Verausgabung. Und falls die Jungs mal einen Gang zurückschalten, dann gibt es akustischen Glanz obendrein. Was für eine Platte! Yeah!

Manchmal auch Drama

Seiner melodischen Metal-Passion frönt Christian Liljegren schon lange Jahre. Auf seiner jüngsten Platte „Melodic Passion“ (Melodic Passion) nimmt der rastlose barhäuptige Sänger auch mal klassische Anleihen, zumal für seine Balladen. Zuletzt hatte der Schwede mit dem Hang zum Drama in der Stimme mit der Band The Waymaker aufhorchen lassen.

Fürchten erstarrte Gefühle: Wheel. Quelle: Promo

Bleiben wir im Norden: Nach Finnland hatte es den Briten James Lascelles verschlagen. In Helsinki konstruiert der Multi-Instrumentalist mit Wheel seine Version von Progressive Metal. Noch Anfang 2020 hatte man gescherzt, das nächste Album würde Covid-19 zum Thema haben. „Resident Human“ (OMN Label Services) ist genau das. Eine wuchtige, unnachgiebige und ernüchternd Reflexion darüber, über eingefrorene Gefühle, Selbstisolation und darüber, wie zerbrechlich, anfällig und angreifbar die menschliche Natur ist.

Diese Engländer jonglieren geschickt mit den Stilen: Primitai. Quelle: Promo

Keinerlei Berührungsängste kennen die Metaller von Primitai mit anderen Genres wie Prog Rock. So klingt produktiver Umgang mit Ressourcen. Daher gibt es bei den wacker und hart hämmernden Engländern auf „Violence Of The Skies“ (ROAR/Soulfood) die eine oder andere Erhöhung durch Keyboard-Passagen oder Orchester. Atmosphäre, Lautstärke und stahlharte Soli verschmelzen zu einer trefflichen Legierung.

Lässt sich nicht unterkriegen: Esther Rose. Quelle: Promo

Im Südwesten Frankreichs verfasst man interessante Reisebeschreibungen. Eine davon haben GRORR jetzt ersonnen. Sie heißt „Ddulden’s Last Flight“ (ViciSolum Productions) und versetzt uns vornehmlich in weit entfernte Klanglandschaften im Osten. Sogar Sitar und Obertonsingen bietet die Band aus Pau dafür auf und bettet diese Exotismen in progressive Momente und Djent ein. Ach, beim Vorbeiflug blitzen kurz The Tea Party auf.

Auf der Suche nach Alternativen?

Viele wären komplett überfordert: Drei Umzüge, eine gescheiterte Beziehung und mehr Konzerte als je zuvor in zwei Jahren. Nicht so Esther Rose. Die Sängerin aus New Orleans spielte zudem „How Many Times“ (Full Time Hobby/Rough Trade) ein. In den zehn Stücken – mit Fiedel, Lapsteel und Standbass fein eingekleidet in heiteren beherzten Alternative Country – geht es indessen so gar nicht hektisch zu. Esther fragt sich zwar schon, wie oft ihr denn noch das Herz gebrochen werden soll? Doch sie rappelt sich auf. Und weiter geht’s.

Auf ziemlich versponnenen Traumpfaden wandelt dagegen Sara Watkins. Das führt die Geigerin und Sängerin bis unter die Bäume, auf denen der Pfeffer wächst. Die Musikerin hatte mit ihrem älteren Bruder Sean und Chris Thile vor einiger Zeit mit Nickel Creek die Bluegrass-Szene aufgemischt. Für ihre jüngste Solo-Platte „Under The Pepper Tree“ (New West Records/Pias/Rough Trade) achtete Sara auf fließende Verbindungen in ihren Songs. Die stecken voller Einbildungskraft. Bisweilen nostalgisch wie in Musik- oder Trickfilmen aus Hollywood. Country, Jazz und Swing tauchen auf und entschwinden sacht. Wie die Sterne am nächtlichen Firmament. Dann wiederum wird es innig, wenn Sara „Edelweiß“ mit ihrem Töchterchen anstimmt. In jedem Fall sehr eigen.

Dafür sind Freunde da: Sie helfen. Eine verlorene Schwangerschaft, die Krebserkrankung der Mutter und das abgesagte Touren – so einiges stürzte 2020 auf John Smith ein. Doch der Musiker aus Essex bekam Unterstützung von seinem Songwriter-Kollegen Seth Lakeman. Im Ergebnis haben wir auf „The Fray“ (Commoner Records/Thirty Tigers/Membran) zwar nachdenkliche und doch vorsichtig ermutigende Lieder. Der gefragte Session-Musiker von Joan Baez, Joe Henry oder Tom Jones spürte die Unterstützung bei den jüngsten Aufnahmen. An der Gitarre gesellte sich Saiten-Ass Bill Frisell hinzu. Und die Stimmen von Lisa Hannigan oder Jessica Stavely-Taylor gaben Smith neue Zuversicht.

Metal im massiven Umbruch: Wie extrem, zugespitzt und technisch anspruchsvoll sich das anhören kann, das zeigen Cryptosis auf „Bionic Swarm“ (Century Media/Sony). Wie nicht unüblich, wird eine dystopische Zukunft in heftigsten, aber nicht eben fröhlichen Farben imaginiert. Bleibt den Menschen noch eine Chance? Bei diesem grandios wüsten, progressiv angehauchten und stürmischen Debüt dieser drei Niederländer wohl kaum.

Von Ralf Thürsam