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Kultur Studie bringt die Untaten eines Brandenburger Gefängnispfarrers ans Licht
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10:39 10.02.2020
Fahrzeugschleuse zum Zuchthaus Brandenburg-Görden um 1961. Quelle: Gedenkstätte Zuchthaus Brandenburg-Görden
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Potsdam/Brandenburg/Havel

Noch gibt es für Eckart Giebeler (1927-2006) keinen Eintrag bei Wikipedia. Dabei steht sein Leben für etwas Ungeheuerliches. Wer seine Geschichte liest, könnte vom Glauben abfallen.

Giebeler war 43 Jahre – von 1929 bis 1992 – evangelischer Gefängnisseelsorger. Von Brandenburg/Havel aus betreute er Strafgefangene in berüchtigten Zuchthäusern wie Brandenburg-Görden, Cottbus, Bautzen, Waldheim, Hoheneck, Halle und Torgau. Giebeler war der einzige Theologe, der in der DDR hauptamtlich hinter Gefängnismauern Gottesdienste und seelischen Beistand anbieten konnte. Und das in einem Staat, in dem der Glaube an Gott offiziell belächelt und bekämpft wurde und in dem insgesamt mehr als 200 000 Menschen aus politischen Gründen eingesperrt wurden – etwa wegen „staatsfeindlicher Hetze“, „unerlaubter Verbindungsaufnahme“, „versuchter Republikflucht“, wegen angeblicher Spionage oder Geheimnisverrat. Die Verurteilten fristeten Jahre und Monate in überbelegten Zellen und mussten für VEB-Betriebe schuften. 34 000 Häftlinge wurden zwischen 1963 und 1989 gegen Devisen in den Westen verkauft.

Strafgefangene ohne Namen

Neben all den Schließern, Wachtmeistern und Erziehern war der Pfarrer vielleicht der einzige Akteur mit einer anderen Weltanschauung und einem anderen Menschenbild. In der Regel wurden die Häftlinge wie Feinde behandelt, als „bösartige Verbrecher“, denen die Menschenwürde abgesprochen wurde. Pfarrer Giebeler sprach als einziger die Insassen mit ihrem Namen an. Sonst hörten sie immer nur Befehle wie „Strafgefangener vortreten!“

Marianne Subklew-Jeutner, Autorin des Buches „Schattenspiel. Pfarrer Eckart Giebeler zwischen Kirche, Staat und Stasi“. Quelle: promo

Lesungen in Potsdam und Brandenburg/Havel

Die Autorin: Die Theologin Marianne Subklew-Jeutner promovierte 2003 am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft über den Friedenskreis in Berlin-Pankow. Von 2010 bis 2017 arbeitete sie als Wissenschaftlerin für die Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur. Heute ist sie wissenschaftliche Geschäftsführerin an der Universität Hamburg.

Das Buch: Marianne Subklew-Jeutner: Schattenspiel. Pfarrer Eckart Giebeler zwischen Kirche, Staat und Stasi. Metropol, 456 Seiten, 24 Euro.

Buchvorstellung und Diskussion: – 10. Februar, 19 Uhr, Potsdam-Museum, Alter Markt 9, Potsdam. – 13. Februar, 18.30 Uhr, Humboldt-Universität, Theologische Fakultät, Burgstraße 26, Berlin.– 17. Februar, 18.30 Uhr, Sommerrefektorium, Brandenburger Dom.

Durch Hungerstreiks und Arbeitsniederlegungen erreichte die friedliche Revolution am 4. Dezember 1989 auch das Gefängnis Brandenburg-Görden. Die Wende inspirierte Giebeler zu einem autobiografischen Bericht. Erleichtert schrieb er: „Die mir vom Staat auferlegte Geheimniskrämerei hatte ein Ende. Wegen meiner Solidarisierung mit Staatsfeinden würde man mich nun nicht mehr selbst zum Staatsfeind erklären und einsperren wollen.“ Nachzulesen in dem 175 Seiten starken, heute vergriffenen Taschenbuch „Hinter verschlossenen Türen“, das 1992 im R. Brockhaus-Verlag Wuppertal und Zürich erschienen ist.

Gottesmann mit viel Stolz

Giebeler hatte als Gefängnisseelsorger ein wichtiges Amt inne. Und wahrscheinlich musste man wirklich ein Gottesmann sein, um über Jahrzehnte die schreienden Ungerechtigkeiten, das menschliche Leid und die herzzerreißenden Familiendramen zu verkraften. Aus seinem Buch spricht viel Stolz. Er beschreibt, wie er selbst der Anwerbung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) widerstand. In einem Kapitel, überschrieben mit „Spitzeltum“, erzählt Giebeler, wie er einen bedrängten Gefangenen in seiner Sprechstunde ermutigt habe zu widerstehen. „Welchen Rat ich dem Mann als Seelsorger zu geben hatte, war mir klar. Der leichtere Weg war sicher der, sich die Stasi zum Verbündeten zu machen. ,Ich kann Ihnen Ihre Gewissensentscheidung natürlich nicht abnehmen‘, begann ich, ,aber für mich könnte die Entscheidung nur lauten: Nein, ich mache da nicht mit. Wehret den Anfängen.‘“

Gelöbnis im Kalten Krieg

Giebelers Dienstherr war formal nicht die Kirche, sondern der Staat. Von der Deutschen Volkspolizei erhielt er nach seinem Theologiestudium 1953 eine feste Anstellung als Gefängnispfarrer mit zweiwöchiger Kündigungsfrist. „Religiöse Propaganda wünschen wir nicht“, hieß es in der Hochzeit des Kalten Krieges. Auch musste sich Giebeler, dessen Vater im Westen lebte, verpflichten, jegliche Westkontakte abzubrechen. Im gleichen Jahr ordinierte die evangelische Kirche den Pfarrer. Was das bedeutet, erklärte Giebeler seinen Lesern: Durch das Gelöbnis verpflichte sich der Theologe, „die reine Lehre der Kirche zu verkündigen und über das, was ihm in der Seelsorge anvertraut wird, zu schweigen“.

Die katholische Kirche untersagte es ihren Priestern, in DDR-Gefängnissen die Beichte abzunehmen, da das Wachpersonal darauf bestand mitzuhören. Doch Giebeler konnte seine Klienten unter vier Augen sprechen, was ihn verdächtig machte. In seinem Bericht führt der Pfarrer viele Beispiele an, wie er Ehepartnern oder Verwandten durch die Überbringung konkreter Lebenszeichen und Nachrichten geholfen habe.

Eine Enthüllung sorgt für Aufregung

1992, kurz nach Erscheinen seines Buches, sorgte dann eine Enthüllung für viel Aufregung. Eine Fernsehdokumentation mit dem Untertitel „Wie die ostdeutschen Kirchen die politischen Häftlinge betreut haben“ führte zu Giebelers Entlassung durch das Brandenburgische Justizministerium. Giebeler wurde vorgeworfen, als IM „Roland“ seit 1959 für die Staatssicherheit gearbeitet zu haben.

Aus der Distanz von fast drei Jahrzehnten ist die promovierte Politikwissenschaftlerin und Theologin Marianne Subklew-Jeutner den Vorwürfen und Entkräftungsversuchen noch einmal auf den Grund gegangen. Sie hat Interviews geführt, Archive, Akten und Selbstzeugnisse durchforstet. Aus ihrer umfangreichen Studie „Schattenspiel. Pfarrer Giebeler zwischen Kirche, Staat und Stasi“ kristallisiert sich ein erschreckendes Bild. Es zeigt einen Mann, dessen systematische Doppelzüngigkeit und dessen perfides Handeln rational kaum zu erklären ist. Aber auch die Verantwortlichen der evangelischen Kirche in Brandenburg schneiden in der Analyse denkbar schlecht ab, denn sie zeigten sich diesem Lügner einfach nicht gewachsen.

Kein Pfarrer der Kirche

Die Frage, ob Giebeler ein Mann der Kirche oder ein Mann des Staates war, kann die Wissenschaftlerin eindeutig beantworten. Von Anbeginn, und nicht erst mit der 1959 eingegangenen Verpflichtung, für das MfS zu arbeiten, hielt Giebeler die harte Behandlung von „Staatsfeinden“ für angebracht. Für ihn gab es Menschen mit „progressivem“ und „negativem“ Einfluss. Offenbar identifizierte er sich so sehr mit den staatlichen Organen der DDR, dass er keine moralischen Skrupel mehr kannte. Kleinlich meldete er jede vertrauliche Information weiter. Auch Ängste, Befürchtungen, Krankheiten, Eheprobleme und sexuelle Vorlieben von Gefangenen wurden von ihm durchgesteckt. Nach einem Gespräch mit dem Häftling Michael Gartenschläger, der ihm eine Bitte anvertraute, leitete das MfS gegen den Adressaten Ermittlungen ein. Obwohl 14 von 15 Aktenordnern 1989 vernichtet wurden, sind 276 konspirative Treffs mit Führungsoffizieren nachweisbar. Anhand vieler Dokumente lässt sich belegen, dass Giebeler auch aktiv seine Pfarrerkollegen und die Kirche ausspioniert hat. Dabei kann ausgeschlossen werden, dass er von der Stasi „abgeschöpft“ wurde oder die Dokumente von der Stasi gefälscht wurden, wie er später behauptet hat.

Vaterländischer Verdienstorden

Für seine Dienste strich Giebeler einen üppigen Judaslohn ein, wie die Autorin anhand von Quittungen nachweist. 1989 verdiente Giebeler 1750 Mark brutto monatlich, die Stasi legte ab 1982 noch einmal 250 Mark drauf. Prämien und Geschenke gab es obendrein. Am 2. Oktober 1989 bekam er den Vaterländischen Verdienstorden in Silber verliehen, verbunden mit 5000 Mark. Die Landeskirche stellte Giebeler in kurzen Abständen teure Autos zur Verfügung und übernahm die Sachkosten. Fahrkosten rechnete Giebeler doppelt bei Kirche und Staat ab.

Vater und Sohn

Marianne Subklew-Jeutner psychologisiert und spekuliert nicht. Sie versucht nicht, den Menschen Giebeler zu erklären. Aber sie stellt fest, dass Giebelers Vater beim Systemumbruch 1945 in einer vergleichbaren Situation steckte, als dessen aktive Rolle als Hauptabteilungsleiter im SS-Führungshauptamt geahndet werden sollte. Vater und Sohn übernahmen beide nicht die Verantwortung für ihr Tun und erklärten sich ohne Scheu zum Opfer, stellt die Wissenschaftlerin fest. „Beide betonen, dass ihr Christsein verhindert habe, das ihnen Vorgeworfene zu tun“, heißt es im Buch.

Brachte sich als Held ins Gespräch

Giebeler war zum Kriegsende 19 Jahre alt und positionierte sich gegen seinen Vater, indem er sich den neuen Machthabern zur Verfügung stellte. Aber warum trieb er als Christ ein so extrem unmoralisches Spiel? Aus Opportunismus? Aus Geldgier? Aus Überzeugung? Und warum brachte sich Giebeler nach der Wende in einer Übersprungshandlung als Held ins Gespräch, obwohl das glatte Gegenteil der Fall war?

In seinen Selbstzeugnissen erscheinen die christlichen und die politischen Einlassungen wie austauschbare Staffage. Die Bekenntnisse dieses Mannes sind offenbar nicht verbindlich gemeint. Vielleicht bis auf einmal, 1978, da stimmte er in einem Beitrag für ein Buch das Hohelied auf die Praxis des sozialistischen Strafvollzuges an.

Er wusste, was er tat

1992, in seinem autobiografischen Zeugnis, diskreditierte Giebeler dann den SED-Staat, dem er bis zuletzt ohne Abstriche gedient hatte, und spricht nun vom „Unrechtsstaat“ und von der „Unrechtsjustiz“. Am Endes heißt es: „Als Seelsorger an den Opfern eines verbrecherischen Regimes möchte ich jedoch für alle inzwischen einsichtig gewordenen Menschenrechtsverletzer in der ehemaligen DDR ein Gebetswort Jesu am Kreuz abgewandelt nachsprechen: ,Vater, vergib ihnen, denn sie wussten nicht, was sie taten.’“ Marianne Subklew-Jeutner arbeitet heraus: Giebeler wusste, was er tat.

Überbringer der schlechten Nachricht

Waren viele Pastoren in der DDR dem merkwürdig frei agierenden Kollegen noch mit viel Misstrauen begegnet, schlug die Skepsis 1992 in blinde Fürsprache um. Als Giebeler einen Fragebogen des neuen Brandenburger Justizministeriums ausfüllen soll, weigert er sich und wendet sich erfolgreich an die Kirche. „Giebeler bittet am 26. Juni 1991 Propst Furian, der zwei Jahrzehnte zuvor im ,Operativen Vorgang Quartett’ vom MfS ,bearbeitet’ wurde, darum, dass die Kirche für ihn ein Wort einlegen soll“, schreibt die Autorin.

Als Überbringer der schlechten Nachricht geißelte die Kircher die Arbeit der beiden TV-Journalisten. Der Pfarrkonvent, über den Giebeler jahrelang berichtet hatte, stellte sich hinter Giebler und verwarf in einem Offenen Brief die im Film geäußerten Verdächtigungen. Probst Furian bezweifelt, dass „Journalisten jugendlichen Alters aus dem Westen Deutschlands überhaupt beurteilen können, unter welchen Bedingungen Bruder Giebeler ,Seelsorge’ im Zuchthaus Brandenburg tun musste“.

Leichtgläubig und konfliktunfähig

Die Kirchenleute und Amtsträger waren viel zu leichtgläubig und konfliktunfähig, um die Vorwürfe genauer in Betracht zu ziehen. Sie hätten sich eingestehen müssen, dass es auch unter Christen eklatantes Fehlverhalten gab. Das Zerwürfnis war „mit frommen Worten nicht zu heilen, sondern nur durch Giebelers Bereitschaft, die eigene Vergangenheit selbstkritisch und offen zu reflektieren“, meint die Theologin Subklew-Jeutner. Giebeler war aber ein ausgemachter Betrüger und Selbstbetrüger, der sich nicht ehrlich machen wollte. Und die Kirche, in der Worte und Beteuerungen besonders viel gelten, ließ sich von dessen Verschleierungstaktik an der Nase herumführen.

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