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Kultur Sind die Wessis am Erstarken der AfD Schuld?
Nachrichten Kultur Sind die Wessis am Erstarken der AfD Schuld?
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17:15 08.07.2019
Aufsteller vor der AfD-Geschäftstelle in Brandenbug/Havel. Quelle: Rüdiger Böhme
Potsdam

Vor der AfD-Geschäftsstelle auf dem Altstädtischen Markt in Brandenburg/Havel steht ein Aufsteller mit der Aufforderung „Holt euch euer Land zurück!“. Die Protestpartei will Menschen mobilisieren, denen Deutschland heute fremd erscheint und die davon ausgehen, dass Parlamente und Regierungen nicht ihre Interessen verfolgen.

Die alte DDR in Blau

Drei Jahrzehnte nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik verfügt die AfD in den neuen Bundesländern über erheblich mehr Zuspruch als in den alten. In den Ergebnisgrafiken der letzten Europawahl kam plötzlich wieder der Umriss des gescheiterten SED-Staates zum Vorschein – in blauer Farbe. Warum erfährt das demokratische System in Brandenburg so viel Ablehnung? Haben sich die materiellen Lebensbedingungen nicht spürbar verbessert? Wodurch ist bei vielen Menschen das Gefühl entstanden, nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein?

Westdeutsche kamen, sahen und siegten

Es mag für einige ein Schock sein, nicht mehr in einer homogenen, deutschstämmigen Gesellschaft zu leben (und in einer Kultur, die sich nicht allein aus dem Christentum herleitet). Doch damit allein lässt sich die Ablehnung einer weltoffenen Republik nicht erklären. Das Gefühl der Entfremdung setzte in Ostdeutschland ein, als in den 1990er Jahren die Westdeutschen kamen, sahen und siegten.

Aus beruflichen Gründen nach Cottbus

Unter dem Thema „Bürger zweiter Klasse?“ fand kürzlich im Potsdamer Einstein Forum eine Podiumsdiskussion statt. In den Ring geschickt wurden zwei SPD-Genossinnen: Brandenburgs amtierende Kultur- Wissenschaftsministerin Martine Münch, die bis 1987 in Heidelberg, Hamburg, London und den USA studierte, ehe sie 1995 mit ihrem Mann aus beruflichen Gründen nach Cottbus zog, und die in der DDR aufgewachsene Sozialwissenschaftlerin Frauke Hildebrandt.

Kaum Chefs aus dem Osten

Die Tochter der legendären Sozialministerin Regine Hildebrandt zog eine ernüchternde Bilanz. 30 Jahre nach der deutschen Einheit werden die Ostdeutschen mit einem Einkommen und einem Vermögen abgespeist, das weit unter Westniveau liegt. Nach der flächendeckenden Deindustrialisierung mussten sich 80 Prozent der Ostdeutschen beruflich neue orientieren. Viele Betriebe wurden zur verlängerten Werkbank. Die Leitungsstellen - vom Abteilungsleiter aufwärts - haben in der Regel Westdeutsche inne. Hildebrandt lieferte auch Zahlen: In den ostdeutschen Landesministerien stammen 70 Prozent der Chefs aus dem Westen. In den Bundesbehörden gibt es nicht einmal zwei Prozent leitende Mitarbeiter mit Ostbiografie. 17 Prozent müssten es sein, setzt man die aktuell 13,9 Millionen Ostdeutschen (1990 waren es noch 16,1 Millionen) zu den 68,7 Millionen Westdeutschen ins Verhältnis.

Ministerin Martina Münch (l.), Moderatorin Susan Neiman und Sozialwissenschaftlerin Frauke Hildebrandt (r.) diskutieren im Potsdamer Einstein Forum. Quelle: Karim Saab

In den Statistiken feiert die alte Demarkationslinie noch immer fröhliche Urstände. 2017, heißt es, zogen erstmals mehr Menschen von West nach Ost als von Ost nach West. Ein Grund zur Hoffnung?

Ingenieuren erging es wie Richtern

Martina Münch war eine jener Aufbauhelfer aus dem Westen, die im Osten nach dem Heft des Handelns griffen. Darin stand, was gut ist und was nicht, was sich rechnet und was nicht. Die Karre steckte tief im Dreck. Alles kam auf den Prüfstand. Es wurde evaluiert, entlassen und abgewickelt, neu konzipiert, neu gegründet und neu besetzt. Dass SED-Richter und Staatsanwälte abgesetzt wurden, war sicher sogar ein Ziel der friedlichen Revolution. Doch warum erging es Ingenieuren und Mitarbeitern der Akademie der Wissenschaft nicht anders?

Tiefe Verunsicherung

Kinder mussten damals erleben, wie die persönlichen Lebenspläne ihrer Eltern scheiterten, wie eine tiefe Verunsicherung um sich griff. Wem war das anzukreiden? Den Menschen? Dem neuen System? Erlebte Brüche und Kränkungen blieben unaufgearbeitet. So entstanden Blockaden, die sich nun, Jahrzehnte später, entladen.

Schneidende Freundlichkeit

Natürlich hatten die Westdeutschen den Ossis vieles voraus. Sie waren weltgewandt und mehrsprachig, souverän im Auftreten und konnten sich in kontroversen Diskussionen gut verkaufen. Sie wussten, wie man Gelder beschafft und zu Geschäftsessen einlädt. Aber ihre Freundlichkeit wurde oft auch als schneidend empfunden. Ihre Fürsorglichkeit war oft paternalistische Bevormundung. Ihre Ziele verknüpften sich in der Regel auch mit Eigennutz. Die Rede ist hier nicht von den Glücksrittern, sondern von den Wohlmeinenden.

Dialog nach 30 Jahren

Im Potsdamer Einstein Forum führt das zu folgendem Dialog:Frauke Hildebrandt: „Es gibt einen feinen Oberschichtenhabitus, der ist westdeutsch geprägt. Ich komme mir immer einen Schlag zu proletarisch vor.“

Martina Münch: „Ich wehre mich gegen die These, dass wir uns nicht verstehen.“

Frauke Hildebrandt: „Westdeutschen fehlt dafür die Antenne und das Problembewusstsein. Wir haben nicht nur Wahrnehmungsunterschiede, sondern auch ganz realistische… Niemand gibt Macht und Geldeinfluss einfach ab.“

Ost-West-Riss durch alle Parteien

Ein ähnliches Streitgespräch könnten auch unter CDU-Mitgliedern oder AfD-Politikern geführt werden. Gerade in der AfD-Spitze gibt es Wessis wie Björn Höcke und Alexander Gauland, die aus dem Bürgertum stammen und vorgeben, für die Ostdeutschen und die Schwachen zu sprechen.

Der Ruf nach der Ossi-Quote

Die beiden SPD-Genossinnen im Einstein Forum streiten darüber, ob eine Ossi-Quote weiterhelfen kann. Martina Münch ist dagegen. Die meisten ihrer sieben Kinder hat sie in Cottbus zur Welt gebracht. Frauke Hildebrandt würde sie als Ossis gelten lassen, da sie hier zur Schule gegangen sind.

... und es kamen Menschen

Das Problem werde in einem Jahrzehnt vergessen sein, meldet sich ein Richter zu Wort, der sich 1991 nach Brandenburg abordnen ließ, um das Justizwesen aufzubauen. Er erhielt dafür sicher eine „Buschzulage“, ist nach seiner Pensionierung aber in Potsdam geblieben. Gilt für Menschen wie ihn das Max-Frisch-Diktum: „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“? Der Richter erzählt ganz praktisch, wie schwer es war, qualifizierte Juristen anzuheuern. Von keinem hätte man verlangen können, nach ein paar Jahren zurückzugehen. „Die Richter, die wir in den 90er Jahren eingestellt haben, besetzen heute die höheren Stellen“, erklärt er.

Einstein Forum in Wessihand

Ein freier Mitarbeiter des Potsdamer Einstein Forums will seinen Frust nicht länger unterdrücken: „Ich habe es satt, von netten Linksintellektuellen wie Martina Münch meine Geschichte erklärt zu bekommen.“ Und er erzählt von einem Wissenschaftler aus Ägypten, der davon ausging, im Potsdamer Einstein Forum hätten sich Intellektuelle aus Ost und West auf Augenhöhe zusammengerauft. Er habe ihn aufklären müssen, dass hier alle fest Angestellten aus dem Westen stammen. Susan Neiman, die Chefin dieser Stiftung des öffentlichen Rechts, räumt das ein. Sie sagte dann aber stolz, dass vor einem dreiviertel Jahre erstmal eine Ostdeutsche eingestellt worden sei. Die Frau, die auch im Publikum saß, ließ das aber nicht stehen. Sie sei 1977 geboren und 1990, also mit 13 Jahren, mit ihren Eltern in den Westen gewechselt. Nach der Hildebrandtschen Definition sei sie bestenfalls eine halbe Ostdeutsche.

Rechtspopulismus ohne West-Elite

Im Raum steht eine heikle Frage: Gibt es zwischen dem machtbewussten Gebaren der Wessis in Ostdeutschland und dem heutigen Erstarken der Populisten einen Zusammenhang? Martina Münch wird plötzlich energisch: „In der Oberlausitz kommt die AfD auf 46 Prozent. Ich wehre mit gegen die Simplifizierung, denn dort gibt es keine westdeutschen Eliten. Dort ist die Gesellschaft weitgehend homogen.“ Dagegen wird aus dem Publikum eingewandt: Die Gebiete, die am stärksten verlassen wurden, seien heute am anfälligsten für Rechtspopulismus.

Offene Fragen

Fragt man AfD-Anhänger, welches Land sie zurückhaben möchten, fällt die Antwort oft diffus und unterschiedlich aus. „Land“ ist ein abstrakter Begriff, der bereits in der DDR von allen Seiten mit viel Pathos ausgefüllt wurde. Soll es in diesem Land neben Bratwurst- auch Dönerstände und McDonalds-Filialen geben? Möchte man die HO-Verkaufsstellen oder Inhaber-geführte Tante-Emma-Läden zurück oder überlässt man den internationalen Handelsketten das Feld? Und natürlich: Wie werden in diesem besseren Land die Ostdeutschen behandelt, die aus ihrer Lebensbahn geworfene wurden? Und wie die Kriegs- und Armutsflüchtlinge aus aller Welt?

Über die harten Brüche reden

Antworten entstehen natürlich in einem Erfahrungsraum. In Ostdeutschland haben viele Menschen in der Wendezeit harte Brüche, schwere Enttäuschungen, Kränkungen und Ungerechtigkeiten erlebt. „Sie mussten damals erst einmal ihr Leben organisieren“, sagt Frauke Hildebrandt. „Nun ist es höchste Zeit, dass wir wenigstens in den Familien, aber auch in aller Öffentlichkeit darüber reden.“

Von Karim Saab

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