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Kultur Mit Polizisten auf der Bühne
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19:30 18.02.2013
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POTSDAM

. Die Ungeheuerlichkeit des Stückes besteht in der Frage: Weshalb hat Papst Pius XII. nichts unternommen, als Millionen Juden in den KZs starben? Am 20. Februar 1963 hob sich der erste Vorhang für das bis heute gespielte Drama: Regie am Theater am Kurfürstendamm in West-Berlin führte der Intendant der Freien Volksbühne, Erwin Piscator.

Hochhuth, der am 1. April 82 Jahre alt wird, kann sich noch lebhaft an den Tag erinnern. „Die Stimmung war sehr angespannt. Ich sehe Piscator in seinem kleinen Büro am Ku’damm vor mir, wie er mit dem angesehenen Frankfurter Generalintendanten Harry Buckwitz telefonierte und in den Hörer schrie: ,Sie sollen der Presse doch nur sagen, Sie ziehen es in Erwägung, das Stück nachzuspielen! Ich werde hier weggefegt!’“ Bei jeder Aufführung waren 100 Polizisten zugegen, zwei von ihnen saßen oben auf der Bühne, um die Schauspieler zu schützen. Die Zuschauer reagierten mit Trillerpfeifen und Buhrufen. Es gab Protestfackelzüge.

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Die Empörung richtete sich gegen das Bild des umstrittenen Papstes Pius XII. und gegen die Übertragung seiner Stellvertreterrolle auf den fiktiven Jesuitenpater Riccardo Fontana, der im Stück für einen Juden ins Vernichtungslager geht. Die „Stellvertreterdebatte“ erhitzte die Gemüter rund um den Globus. Der 32-jährige Hochhuth hatte den Finger in eine offene Wunde der Wirtschaftswundergesellschaft gelegt.

Inzwischen wurde das Stück in 28 Ländern in 22 Sprachen gespielt, die deutsche Auflage des Rowohlt-Taschenbuchs liegt bei zwei Millionen. Der griechisch-französische Regisseur Constantin Costa-Gavras verfilmte den Stoff 2002 mit Ulrich Mühe und Ulrich Tukur. 2007 behauptete ein Ex-Geheimdienstler, der KGB habe Hochhuth mit gefälschten Dokumenten zum Stück angestiftet. Zurzeit läuft am Münchner Volkstheater eine Neuinszenierung von Christian Stückl. Der hat kürzlich Briefe erhalten mit der Frage, ob er die Vergangenheit nicht ruhen lassen könne.

Hochhuth brachte das Stück während eines dreimonatigen Rom-Urlaubs zu Papier. „Ich schrieb den ,Stellvertreter’ meist auf dem Dach der Peterskirche, wenn es nicht zu warm war“, sagt er.

Hannah Arendt schrieb in den 1960ern: „Das Stück ist nicht gut, aber die Frage, die Hochhuth aufwirft, ist sehr legitim.“

Tatsächlich steht Hochhuth jenseits von Stilfragen für ein dokumentarisches Theater. Er spricht Missstände unverblümt an, von Churchills Mitschuld am Ersten Weltkrieg („Soldaten“) bis zur Rolle von Hans Filbinger als Marine-Richter im Dritten Reich („Juristen“) – was 1978 zum Rücktritt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten führte. Piscator sprach einmal von Hochhuths Glaube an die verändernde Macht des Theaters.

Auch jenseits der Bühne ist Hochhuth bis heute ein prominenter Wutbürger, der sich etwa für ein Denkmal für den Hitler-Attentäter Georg Elser einsetzte. Bisweilen liegt er neben der Spur, etwa in der Verteidigung des Holocaustleugners David Irving.

Hochhuth findet nicht zur Ruhe. „Wenn man so alt wie ich ist, hat man es eilig, noch die paar wichtigen Dinge fertigzustellen.“ Noch immer verbringt er jeden Nachmittag in seinem Büro hinter dem Hotel Adlon mit Blick auf das Holocaust-Mahnmal. Als er hier eingezogen ist, gab es das Adlon noch nicht. Er sitzt an dem runden dunkelbraunen Tisch vor seiner Schreibmaschine. Keine elektrische, das wäre zu modern.

Hochhuth schreibt unter dem Titel „Drei Frauen“ an einem Stück über Coco Chanel, Jackie Kennedy und Marilyn Monroe. Im Goethetheater Bad Lauchstädt kommt im September das Stück „Neun Nonnen fliehen“ über die Flucht der Katharina von Bora zu Luther nach Wittenberg zur Uraufführung. (Von Nina May)

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