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Kultur Neues Album von Rammstein: Karamba, Karacho und ein R
Nachrichten Kultur Neues Album von Rammstein: Karamba, Karacho und ein R
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17:14 23.05.2019
Rammstein bringt nach zehn Jahren Pause ein neues Studioalbum heraus – und zelebriert wieder ihr typisches Schockrocktheater. Quelle: Jes Larsen
Hannover

Erst wenn die Wolken schlafen geh’n, kann man uns am Himmel seh’n. Wir haben Angst und sind allein. Gott weiß, ich will kein Engel sein“, reimt Till Lindemann im Rammstein-Hit „Engel“.

Engel, diese sanften Himmelswesen, sind die Mitglieder der pyromanischen Band aus Berlin ganz gewiss nicht. Sie tun lieber so, als kämen sie aus der Hölle. Warum klingen sie wie ein tollwütiger Spielmannszug? Wieso kommen ihre Tabubrüche und diese Lust aufs Marschieren, diese mitgefühlfreie Stechschrittinstrumentierung so gut an beim Publikum?

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Was finden die Fans an dem beunruhigenden, gerollten „R“ so toll, das der Sänger zelebriert? Es erinnert sowohl an Hitler als auch an Heinos „Karamba, Karacho, ein Whisky“. Sollen wir darüber lachen? Die Antwort lautet: warum nicht? Das Publikum soll aber auch über sich selbst schockiert sein, wenn die Band in Liedern über Inzest oder Pädophilie in die schwärzesten menschlichen Abgründe leuchtet. Sie experimentiert mit unseren Ängsten.

Größtmögliche Aufmerksamkeit dank reflexartiger Empörung

Die Rammstein-Musiker provozieren nicht nur aus Spaß, sie sind auch Selbstvermarktungsprofis. Sie wollen den kommerziellen Erfolg unbedingt. Darauf lässt auch die Kampagne zu „Deutschland“, der ersten Single ihres neuen, selbst betitelten Albums, schließen. In dem gut halbminütigen Teaser, mit dem sie die Veröffentlichung des Titels und des dazugehörigen Videos bewarb, stellen vier der sechs Musiker KZ-Häftlinge kurz vor der Hinrichtung dar.

Der nächste „Skandal“:
Rammstein provozieren mit Video

Die anschließende Aufregung über diesen aus dem Zusammenhang gerissenen Schnipsel war gewollt. Viele Kommentatoren warteten nicht ab, bis sie den kompletten Clip kannten. Die Band bekam durch die reflexartige, voreilige Empörung mancher Kritiker und die massive Berichterstattung darüber die größtmögliche Aufmerksamkeit.

Rammstein hat offenbar von Alt-Schockrocker Alice Cooper gelernt. „Sie verbannten uns“, erinnerte er sich in einem Interview an die erste England-Tour. „Etwas Besseres hätte uns nicht passieren können. Das Konzert in Wembley war ausverkauft, das Album ging auf Nummer eins.“

Crashkurs in deutscher Geschichte

Das ganze bildgewaltige Video ist trotz des geschmacklosen, bewusst in die Irre führenden PR-Tricks sehenswert, denn es ist ein Crashkurs in deutscher Geschichte. Man kann es als Statement gegen Deutschtümelei, Rechtspopulismus und Rassismus interpretieren.

Deutschland, deine Liebe ist Fluch und Segen, Deutschland, meine Liebe kann ich dir nicht geben“, singt Lindemann und drückt damit das zwiespältige Verhältnis aus, das man als Deutscher zum Land des Holocausts haben kann.

Dass Germania, die deutsche Übermutter, von einer schwarzen Schauspielerin verkörpert wird, ist eine starke Idee. Ein Kunstgriff, der an Madonnas Video zu „Like a Prayer“ erinnert, in dem sie einen schwarzen Jesus küsst. Das Synthesizer-Intro klingt wie bei „Our Darkness“ von Anne Clark geklaut. Rammstein ist eine clevere Band, die ihre Schritte, da kann man sicher sein, bis ins Detail durchdenkt.

Dass die Musiker keine rechte Gesinnung haben, sondern „Links 2 3 4“ sind, haben sie längst klargestellt: Rammstein beim Videodreh zu „Ausländer“ in Südafrika. Quelle: Jens Koch

Dass die Musiker keine rechte Gesinnung haben, sondern „Links 2 3 4“ sind, haben sie längst klargestellt. Alle spielten früher in Ostpunkbands. Ohne die DDR, ohne die Unfreiheit, würde es die Gruppe wohl nicht geben. Es scheint so, als müssten die Musiker auch noch nach 25 Jahren ihre Sehnsucht nach freier Rede hemmungslos stillen.

Grenzen austesten, sich etwas trauen, bloß nicht in den Verdacht geraten, opportunistisch zu agieren, unbedingt anecken gehört zur Rammstein-DNA. Offenbar bewundern viele Fans diesen Mut, die Dreistigkeit und Unbeirrbarkeit. Die anstehende Stadiontour war in sehr kurzer Zeit ausverkauft.

Rammstein und das Spiel mit dem Feuer

Durch ihr Zündeln wollen die Musiker buchstäblich auf Teufel komm raus Reaktionen hervorrufen. Sie haben ihre Haltung in Interviews immer wieder erklärt. „Sie müssen sich das so vorstellen“, sagte Gitarrist Paul Landers 2009 der „FAZ“. „Ein paar Jugendliche schmeißen an der Bushaltestelle die Scheibe ein. Finden sich toll, pushen sich hoch, sind ein bisschen kicherig, und die Erwachsenen schütteln den Kopf.“

„Jetzt sind die Leute so abgestumpft, da hilft nur noch Gewalt

Der zum Slapstick neigende Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz wurde in der Dokumentation „Metal Evolution: Shock Rock“ konkreter: „In der heutigen Reizüberflutungszeit, wo das Fernsehen 48 Morde in der Stunde bringt, muss man wirklich schon was Starkes machen, um irgendwie noch wahrgenommen zu werden.“ In der „FAZ“ argumentierte er ähnlich. „Früher im Osten haben die Leute noch zugehört, da haben Feinheiten zwischen den Zeilen gereicht. Jetzt sind die Leute so abgestumpft, da hilft nur noch Gewalt.“

Ihre Pyroidole Kiss bieten schon lange Entertainment für die ganze Familie. Rammstein zieht das Aneckding auch auf dem neuen Album durch. Die kalte, abstoßende Bedrohlichkeit von „Hallomann“, einem Lied über den Missbrauch eines Mädchens, erinnert an den Film „Es geschah am helllichten Tag“.

Lindemanns alter, angsteinflößender Trick: Er singt den Text aus der Täterper­spektive. „Steig einfach ein, ich nehm’ dich mit, und kauf’ dir Muscheln und Pommes frites.“ Bei „Weit weg“ besingt er mit dem typischen, schrägen Rammstein-Humor einen masturbierenden Stalker: „Steht er da am Fensterrand, mit einer Sonne in der Hand.“

Zündeln, um auf Teufel komm raus Reaktionen hervorzurufen: Rammstein bei einem Konzert in Moskau. Quelle: Alex Penkov/dpa

„Zeig dich“ soll Scheinheiligkeit in der katholischen Kirche entlarven. „Als Versehen sich an Kindern vergehen, verbreiten und vermehren, im Namen des Herrn. Zeig dich!“ So klar positioniert sich die Band selten. Dass zum Beispiel der Song „Zerstören“ von 2005 („Ich muss zerstören, doch es darf nicht mir gehören“) ein Kommentar zum Irak-Krieg war, wird nicht jeder so verstanden haben. Solche Uneindeutigkeiten wirken unheimlich.

Das kalkulierte Missverständnis ist ein Spiel mit dem Feuer – wie bei „Puppe“, einem Lied über unfassbare Wut, die in einem Menschen toben kann, hier in der Schwester einer Prostituierten. „Ich reiß der Puppe den Kopf ab.“ Ihrer Puppe oder der Schwester? Man fragt sich, wer will solche Brutalitäten überhaupt hören?

Abnormität hat schon immer verstört und fasziniert

Wer so distanzlos wie Rammstein über das Böse singt, lockt mit Sicherheit nicht nur Gute an. „Radio“, eine Hymne auf das Radio zu DDR-Zeiten, als die Ost-Musiker West-Bands trotz Mauer hören konnten, wirkt dagegen erschreckend harmlos. „Ich lass mich in den Äther saugen, meine Ohren werden Augen.“

Die Rammstein-Wucht, der harte, militärische Sound, der Pyrozirkus und das effekthaschende „R“ triggern beim Publikum offenbar dieselben Gefühle wie früher Rummelplatz-Freakshows. Abnormität hat Menschen schon immer zugleich verstört und fasziniert. Wie kann man ein Publikum heute noch schockieren, wurde Oberfreak Lindemann gefragt. „Das kann ich dir sagen“, antwortete er, „ein öffentlicher Suizid auf der Bühne.“

Info: Rammstein geht in mehreren deutschen Städten auf Tour, unter anderem in Dresden (12. und 13. Juni), Rostock (16. Juni), Berlin (22. Juni), Hannover (2. Juli) und Frankfurt am Main (13. Juli).

Von Mathias Begalke/RND

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