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Kultur Ein denkwürdiges Konzert: Nick Cave spielt in der Waldbühne
Nachrichten Kultur Ein denkwürdiges Konzert: Nick Cave spielt in der Waldbühne
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15:40 15.07.2018
Nick Cave in der ausverkauften Berliner Waldbühne.
Nick Cave in der ausverkauften Berliner Waldbühne. Quelle: POP-EYE/Ben Kriemann
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Berlin

So ziemlich das letzte Fan-Utensil, das einem zu Nick Cave einfallen würde, ist ein Kuschelkissen. Seine Songs handeln von Sex, Satanismus und Serienkillern. Der irre Blick des Sängers und Schriftstellers erinnert an die fiesen Typen aus seinen Geschichten, etwa an den Liebhaber, der sein Opfer mit einem Stein erschlägt („Where the Wild Roses Grow“) oder an den vogelfrei herumballernden „Stagger Lee“. Weil aber der Herr Cave liebend gern mit Erwartungen bricht und ein passionierter Selbstveräppler ist, liegt da am Merchandise-Stand ein gepolstertes Etwas – lang und unförmig – mit einem gekrakelten Ganzkörperporträt des Sängers darauf. Dünne Beinchen, vernarbte Stirn, kümmerliche Hühnerbrust.

„Was für ein Typ!“

So wunderbar ist nur der Rock’n’Roll. Seine Gesetze machen aus einem personifizierten Mangelexemplar einen bejubelten Messias. Was zählt sind Kunst und Charisma. Wie kaum ein anderer Rockstar veredelt Nick Cave seine Makel zu etwas, das Werbestrategen eine Marke nennen würden. Mehrere der rund 20.000 Fans in der ausverkauften Berliner Waldbühne sagen schlicht: „Was für ein Typ!“ Nach dem bereits beeindruckenden Auftritt im vergangenen Jahr in der Max-Schmeling-Halle erteilt Cave am Samstagabend bei seinem Freiluft-Konzert eine weitere Lehrstunde, was den Umgang mit dem Publikum aber auch seine musikalische Qualität angeht.

Der Sound ist trotz der Größe der Arena dermaßen klar, dass man sich fragt, warum manch andere auf Open-Air-Events getrimmte Mega-Band dagegen so einen unhörbaren Akustikbrei fabriziert. Nick Caves Band, die Bad Seeds, spielen krachige Stücke, etwa „Red Right Hand“, mit voller Wucht und beeindruckendem Timing als Laut-Leise-Exzesse. Bei den Balladen à la „Into My Arms“ setzt sich Nick Cave ans Klavier, animiert die Fans beim Refrain zum Mitsingen, weil es schlichtweg harmonisch klingt, ohne aber diese anbiedernden Animierspielchen der Stadionrocker zu übernehmen. Band-Chef Warren Ellis prägt den Stil der Bad Seeds, er schlägt in die Geige als sei es eine E-Gitarre, wechselt die Instrumente fast nach jedem Song, bis er bei „Shoot Me Down“ an der Flöte landet und selbst auf diesem, nun ja, nicht gerade für den Rock’n’Roll erfundenen Gerät ein akzeptables Solo bläst.

Ausloten menschlicher Extreme

Selbst bei Tageslicht schaffen es Caves Schuld-und-Sühne-Märchen, einen in eine düstere Welt zu entführen. Er lotet menschliche Extreme aus, hält uns – halb gesungen, halb gesprochen – dämonisierte Gefühle wie ein erlegtes Wildtier vors Gesicht. Die Scham, die Lust, die Schuld. Dabei schafft er, was viele Stars auf Greatest-Hits-Tour nicht mehr vermögen: Er bewahrt sich ein Geheimnis. Keiner der Songs, egal wie oft er schon gespielt wurde, klingt nach auf Bestellung gespieltem Evergreen, vielleicht auch, weil sie nicht in der Werbung und kaum in den Charts aufgetaucht sind.

Ein Geheimnis bleibt auch die Bühnenpräsenz des Nick Cave. Dieser Mensch hat den Körperbau einer Klappleiter und taugt doch auf mysteriöse Art zum Sexsymbol. Dabei ist der 60-Jährige nicht mehr der unnahbare Sonderling, er sucht den Körperkontakt wie nie zuvor. Es dauert keine zwei Minuten, bis er zum ersten Mal sein Fußvolk berührt. In seiner Punk-Phase bespuckte und beschimpfte Cave sein Publikum, bis heute gilt er als Misanthrop. Dafür zeigt er sich erstaunlich fanfreundlich. Am Ende lädt der Meister die Meute sogar ein, für mehrere Songs auf die Bühne zu kommen. Gemeinsam singen sie „Stagger Lee“. Ein Song wie ein Leberhaken – präzise, wuchtig und gemein. “I'm a bad motherfucker, don't you know?“ / And I'll crawl over fifty good pussies just to get one fat boy's asshole." Und dann erklingt zum Runterkommen und Träumen das sphärisch schöne „Push The Sky Away“. Die Dämmerung endet und die Nacht beginnt, tausende Menschen in der Waldbühne singen im Flüsterton, zusammen sind die Leisen laut. Vielleicht ist die Botschaft des Meisters ja doch eher die Menschenliebe als der Menschenhass.

Nicholas Edward Cave wurde 1957 in Australien geboren. Er ist Musiker, Schriftsteller, Schauspieler und Drehbuchautor. Er war Sänger der vom Punk inspirierten Rockband The Birthday Party. In den 80ern lebte Cave zwischenzeitlich in West-Berlin, gründete unter anderem mit Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten seine Band The Bad Seeds. Zu den Songs, die in Berlin entstanden, gehört „The Mercy Seat“, eines der bekanntesten Lieder von Cave. Nochmals berühmt wurde es in einer ruhigeren Coverversion von Johnny Cash.

Das Konzert in Berlin war der einzige Deutschland-Auftritt in diesem Jahr. Die aktuelle Tour gehört zu dem Album „Skeleton Tree“, auf dem Nick Cave unter anderem den Verlust seines Sohnes verarbeitet, der 2015 im Alter von 15 Jahren gestorben ist.

Von Maurice Wojach