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Kultur Norman Ohlers Brandenburg-Schmöker
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18:38 15.12.2017
Ein Bild, das sich der Preußen-König gewünscht hat: Frisches Grün auf einem jungen Getreidefeld im Oderbruch.
Ein Bild, das sich der Preußen-König gewünscht hat: Frisches Grün auf einem jungen Getreidefeld im Oderbruch. Quelle: Foto: dpa
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Potsdam

Zehn Jahre hat Norman Ohler an „Die Gleichung des Lebens“ gearbeitet. Der Roman, ein wirklich großer Wurf, handelt von der Trockenlegung des Oderbruchs. Lustvoll malt der Autor darin das Leben in der Barockzeit aus. Stadt, Land und preußischer Hof Mitte des 18. Jahrhunderts werden von ihm in starken Bildern geschildert. Obendrein berührt sein detailfreudiges Panorama viele Fragen, die sich auch im 21. Jahrhundert stellen.

Denn Großprojekte, die sich größenwahnsinnig ausnehmen (BER oder Stuttgart 21), gibt es auch heute zur Genüge. Ebenso Einheimische, die ihre Identität durch Einwanderer aus fremden Kulturen gefährdet sehen. Und gegen die Neuerungen in der Landwirtschaft lassen sich nach wie vor folgenreiche Verluste aufrechnen, etwa das Arten- und Bienensterben.

1747 mobilisierte Friedrich II. 1600 Arbeitskräfte, um die Oder zu begradigen und „das Amazonien Preußens“ als Kulturlandschaft nutzbar zu machen. Das Städtchen Wrietzen, dessen Fischmarkt und Wirtshäuser im Roman eine rustikale Kulisse abgeben, verfügte damals über einen Hafen und war ein prosperierendes Zentrum der „Hechtreißerei“. Heute wird Wriezen nicht mehr mit „t“ geschrieben und liegt elf Kilometer von der Oder entfernt. Dem Preußenkönig ist es vor zweieinhalb Jahrhunderten allerdings nicht gelungen, die Urgewalt der Natur ein für alle Male zu bannen. Wriezen liegt im Hochwassergebiet, wenn Starkregen und Schmelzwasser die Oder anschwellen lassen. Mitte des 18. Jahrhunderts war es für die Menschen in den wendischen Runddörfern noch eine Selbstverständlichkeit, dass Sümpfe und Wiesen, Sandbänke und Inseln zwei Mal im Jahr unter Wasser standen. Selbst im heutigen Stadtgebiet von Berlin, etwa zwischen Wilmersdorf und Charlottenburg, gab es gefährliche Moore.

Der Leser begleitet Leonhard Euler auf seinen strapaziösen Kutschfahrten von Berlin nach Sanssouci und in das Oderbruch. Obwohl der große Mathematiker gerade an seinem Hauptwerk, der Introductio, arbeitet, muss er zur Stelle sein, wenn der König ruft. Sein Gönner lässt bei einer Tafelrunde „Erdtoffeln“ auffahren und macht die handverlesenen Gäste mit seiner Vision vertraut. Der Lebensraum, in dem sich zwei wendische Sippen mit Mücken, Aalen, Sumpfschildkröten und Wölfen arrangiert haben, soll zerstört werden. Friedrich möchte im Oderbruch 1252 Familien in 33 neuen Ortschaften ansiedeln. Die ersten Flüchtlingstracks aus der Pfalz treffen gerade im gelobten Land Preußen ein. Die abgerissenen Gestalten wirken ungebildet und fremd und auch Markgraf Karl, ein Vetter des Königs, befürchtet, dass die Gesellschaft nun ihren „Kern“ verliert: „Das macht auf mittlere Frist instabil und stürzt auf lange ins Chaos.“

Für die Entwässerung und Urbarmachung soll Euler die Berechnungen vornehmen. Welche Erdmassen müssen bewegt werden? Wie hoch haben die Deiche zu sein? Er gerät mitten in handfeste Interessenkonflikte – die in einem Mord gipfeln. Ein leitender Ingenieur, der Franzose Mahistre, wurde umgebracht. Euler übernimmt den Fall. Da ihm bald auch der königliche Schreiber Rumi zur Seite steht, erinnern die Ermittlungen an eine Sherlock-Holmes-und-Dr.-Watson-Geschichte.

Die Mord-Aufklärung verbindet sich mit der Epoche der Aufklärung, in der die Erkennbarkeit und Veränderbarkeit der Welt zum Leitgedanken wurde. Ohlers Buch vergegenwärtigt die Wertekonflikte zwischen Wildnis und Zivilisation, Poesie und Rentabilitätsdenken, Identitätswahrung und Fortschritt. Sein Rationalist Euler macht bei ihm einen Sinneswandel durch. Das alles weiß Ohler mit einer Sprache zu erzählen, die dem barocken Ton im Hier und Heute ein kreatives Asyl gewährt. Der Roman ist so prall wie ein gutes Weihnachtsgeschenk.

Norman Ohler: Die Gleichung des Lebens. Kiepenheuer & Witsch, 414 Seiten, 22 Euro.

Von Karim Saab

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