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18:42 27.07.2017
Anne Schwanewilms singt die Eva und mimt zugleich Wagners Gattin Cosima. Quelle: Fotos: Festspiele Bayreuth, Javier Del Real
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Bayreuth

Was für eine Woche für die in Zeuthen (Dahme-Speewald) lebende Sopranistin. Anne Schwanewilms erntete eben noch als Eva in die „Meistersinger von Nürnberg“ Beifall und vereinzelte Buh-Rufe. Kaum ist die umjubelte Premiere der bei den Bayreuther Festspielen überstanden, kommt die Nachricht, dass ihre jüngste Operneinspielung mit dem Echo Klassik 2017 ausgezeichnet wird. In Alban Bergs „Wozzeck“ singt sie die Marie. „Es ist eine sehr facettenreiche Partie mit einer enormen Bandbreite an Emotionen, die zu interpretieren mir riesigen Spaß macht“, erzählt sie.

In Zeuthen lebt Anne Schwanewilms seit 2004. Sie genießt die fast ländliche Ruhe an der Dahme sehr. „Ich bin kein Stadtmensch“, betont die Sängerin, die insbesondere als Richard-Strauss-Interpretin weltweit gefeiert wird. Zeuthen ist zwischen all den Engagements immer wieder ihr Rückzugsort. Aufgewachsen ist die 1967 Geborene im beschaulichen Gelsenkirchener Ortsteil Resse. Hier sang sie früh im Chor. Das Singen gehörte also bei ihr schon immer dazu. Aber eben Kirchenmusik, das Opernfach war ihr völlig fern. Tiermedizin wollte sie eigentlich studieren, doch ihr Notenschnitt reichte nicht. Stattdessen absolvierte sie eine Lehre zur Floristin.

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Sie arbeitete bereits erfolgreich in dem Beruf, als sie den Rat bekam, ihre Stimme doch vielleicht mal ausbilden zu lassen. Bei einem Auftritt auf einer Hochzeitsfeier war sie aufgefallen. Da war Anne Schwanewilms bereits 22 und tauchte nun in eine – wie sie sagt – fremde Welt ein. Sie entschied sich, ein paar Jahre in ihrem eigentlichen Beruf zu pausieren und das mit dem Singen mal auszuprobieren. „Das eine war der Beruf, aber der Gesang ist meine Berufung. Das öffnet die Seele.“

Die Bayreuther Festspiele 2017

Bis zum 28. August stehen in Bayreuth rund 30 Vorstellungen auf dem Spielplan. Mit einer umstrittenen Wiederaufnahme von Richard Wagners „Tristan und Isolde“ wurden die Bayreuther Festspiele am Mittwoch fortgesetzt. Die düstere und provokative Inszenierung des Liebesdramas um den Ritter Tristan und seine Geliebte Isolde stammt aus dem Jahre 2015. Regisseurin Katharina Wagner, Chefin der Festspiele, erntete auch im dritten Jahr dieser Produktion lautstarke Buh-Rufe.

Deutlich besser ging es dem in Potsdam lebenden Christian Thielemann, Musikdirektor der Festspiele und Dirigent des Abends. Seine fulminante Interpretation der Wagnerschen Partitur ging schon vom ersten Takt des Vorspiels tief unter die Haut. Gefeiert wurden auch der Heldentenor Stephen Gould als Tristan und Petra Lang als Isolde.

Mit dem „Parsifal“ gingen gestern die Festspiele weiter. Die Inszenierung des ehemaligen Intendanten des Hans-Otto-Theaters, Uwe Eric Laufenberg, geht in diesem Jahr in die zweite Runde. Im Sommer 2016 hatte er die Saison auf dem Grünen Hügel eröffnet. Kritiker hatten die religionskritische Interpretation des Bühnenstücks sehr unterschiedlich bewertet, die Reaktionen reichten von großem Lob bis zu heftiger Kritik.

Die Neuinszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“, bei der Anne Schwanewilms die Eva singt, wird heute, 20.15 Uhr bei 3sat ausgestrahlt. Die Aufzeichnung dauert fast fünf Stunden und geht bis 1.05 Uhr in der Früh.

Drei Anläufe brauchte es für sie an der Kölner Musikhochschule, dann studierte sie im Eiltempo und wurde bereits 1990 Mitglied im Kölner Opernstudio, ab 1994 gehörte sie zum Ensemble der Oper, arbeitete hier unter anderem mit Harry Kupfer, der stets mit Sängern auch große darstellerische Qualität erreichte. „Ich möchte Schauspiel singen“, betont Anne Schwanewilms, die für ihre fein nuancierten Darstellungen starker Frauen gelobt wird.

Eine solche gibt sie nun auch in Barrie Koskys Bayreuther „Meistersinger“-Inszenierung. Bei ihm ist die Eva nicht einfach schüchtern. Sondern zugleich ist sie Cosima, Wagners Frau. Es ist diese psychologische Tiefe, das Spiel mit Wagners Leben, die Doppelrolle, die Stärke und Reife, die Eva genau dadurch bekommt – was manche im Premierenpublikum am Dienstag irritierte. Genau das aber bewog Anne Schwanewilms, die Eva überhaupt zu singen. Es ist ihr Rollen-Debüt, aber beileibe nicht ihr erster Auftritt auf dem Grünen Hügel. In Bayreuth sang sie bereits 1996 die Gutrune in Wagners „Götterdämmerung“. Zu jener Zeit vollzog sie allmählich einen stimmlichen Wechsel hin zum Sopran. Ihr Studium hatte sie noch als Alt begonnen. In einer ganz anderen Rolle wird sie Ende September in Berlin zu erleben sein. Dann leitet sie einen Meisterkurs für Gesang an der Musikhochschule „Hanns Eisler“. Und kann daheim sein, in Zeuthen, in ihrem schönen Garten-Refugium.

Von Karen Grunow

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