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Nachrichten Kultur So lief der Alltag der DDR-Bürger in Ost-Berlin
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00:23 12.05.2019
Ein Bild aus der Berliner Schau „Die halbe Haupstadt“. Quelle: Oliver Ziebe, Berlin
Berlin

Mit einer Rakete fängt alles an. Der silber-blaue Flugkörper ist leicht abgewetzt, sein Innenleben besteht aus kaum mehr als einem lose hängenden Steckdosenkabel. Hinter der Rakete zeigen quadratische Bilder, wo das an frühe Science-Fiction-Filme erinnernde Relikt einst stand. Im Vergnügungspark Plänterwald, dort, wo heute Frösche quaken und überwucherte Überreste von Karussells die Fantasie der geführten Besucher füttern. Im Museum Ephraim-Palais beginnt mit der Rakete der Rundgang einer Ausstellung, in der eine Stadt zu entdecken ist, die nicht mehr existiert: Ost-Berlin.

10 von 1000 Fundstücken. Die Ausstellung über Ost-Berlin nimmt die Erinnerungen der Menschen ernst, ohne Ostalgie zu vermitteln.

„Die Rakete steht für den Fortschrittsglauben im Sozialismus“, sagt Jürgen Danyel, „zugleich erzählt der Ort vom Niedergang der DDR.“ Der Historiker und sein Team vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam haben in Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum Berlin mehr als zwei Jahre an dem Projekt gearbeitet. Dass ausgerechnet Brandenburger Wissenschaftler auserwählt sind, die Berliner Geschichte in einer Schau auf drei Etagen zu präsentieren, erklärt der 60-Jährige mit der Expertise seines Instituts. „Wir beschäftigen uns schon lange mit der deutsch-deutschen Teilung und immer ging es uns darum, die Geschichte der Gesellschaft differenziert zu betrachten“, sagt der Historiker. Danyel will Ost-Berlin für Nachgeborene und Besucher aus aller Welt erfahrbar machen. Bislang dominierten zwei Extreme die Rückschau: Die Stadt als machtpolitisches Zentrum der SED-Diktatur und der Prenzlauer Berg als Enklave der Künstler-Boheme. In der Ausstellung geht es um all die Geschichten dazwischen.  

Persönlicher Zugang

Der Besucher tritt in die Ausstellung, als befände er sich auf einem Ausflug. Der Blick auf den Stadtplan, der den Boden des Foyers bedeckt, präsentiert West-Berlin als blinden Fleck. Hinauf zum Planmodell bedecken Schlagworte die Treppenstufen. Es sind Begriffe, die befragte Personen mit Ost-Berlin assoziieren. „Geisterbahnhöfe“, „Trist“, „Ampelmännchen“, „Kontrolle“, „Baden im Müggelsee“. Im ersten Stock stehen einer Hochglanz-Malerei des Zentrums mitsamt Fernsehturm alternative Sichtweisen gegenüber. Die Stadt als von Grautönen überdecktes Niemandsland. Der Besucher orientiert sich in einem Raum voller Reiseführer, fährt per Video-Projektion mit der Tramlinie 58 durch die 80er-Jahre und begegnet persönlichen Geschichten vom Ankommen in Ost-Berlin. Ein DDR-Bürger fotografiert die Mauer und landet dafür im Gefängnis Hohenschönhausen in U-Haft. Ein Junge aus Namibia wird Teil eines staatlichen Hilfsprogramms und wächst bei einer Ost-Berliner Pflegefamilie auf. Thematisch in Räume unterteilt konzentriert sich die Ausstellung aufs Wohnen, aufs Einkaufen - etwa im Centrum Warenhaus – und in einem von Volkspolizisten im Marionettenformat bewachten Bereich auf die Kunst.

Blick hinter die Protokollstrecke

Immer wieder gelingt es, mit Fotografien den Alltag abzubilden. Ein meterlanges Straßenpanorama illustriert die Greifswalder Straße. Genau diesen Blick müssen die Funktionäre gehabt haben, als sie sich entlang der Protokollstrecke aus der Siedlung Wandlitz in die Stadt fahren ließen. Zum Beispiel Stasi-Chef Erich Mielke. „Wenn an einem Geschäft Kacheln herunterfielen, hat der sich das notiert und angeordnet, es zu reparieren“, sagt Danyel. Die maroden Bauten in den Seitenstraßen bekam er nicht zu Gesicht. Faszinierend ist auch, mit Blick auf die heutige Hipster-Metropole, wie sehr die industrielle Arbeit Ost-Berlin geprägt hat. Die Stadt roch nach Maloche. In der Prenzlauer Allee stand das Backwarenkombinat, in der Landsberger Allee der Schlachthof. Nicht zu kurz kommen auch das Alltagsvergnügen, die Gänge in den Friedrichsstadt-Palast, die durchzechten Kneipennächte im Metzer Eck.  

Walter Ulbricht im Keller

Schritt für Schritt und Etage für Etage offenbart der Rundgang ein immer differenzierteres Bild vom Leben in Ost-Berlin. Mit persönlichen Exponaten erzählen Bewohner auch ihre eigenen Geschichten. Eine junge Frau schreibt, dass ihr Großvater als Schlosser den Auftrag erhielt, nach Walter Ulbrichts Tod 1973 dessen Büste aus dem Roten Rathaus einzuschmelzen. Nach dem Tod des Großvaters 2004 tauchte die Büste in seinem Keller auf. Er hatte sie drei Jahrzehnte lang versteckt.  

1000 Objekte und viele Veranstaltungen

Zur mehr als 1000 Objekte und 38 Medienstationen umfassenden Ausstellung gehört ein umfassendes Veranstaltungsprogram. Die Internetseite www.ost.berlin bietet weitere Informationen und Fotos. Begleitend zur Ausstellung ist der Essayband „Ost Berlin. 30 Erkundungen“ im Ch. Links Verlag erschienen.

Die Ausstellung ist von Samstag an bis zum 9. November geöffnet, und zwar Dienstag und Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch von 12 bis 20 Uhr. Der Eintritt kostet sieben Euro, ermäßigt fünf Euro.

Das Museum Ephraim-Palais gehört zum Stadtmuseum Berlin und liegt in der Poststr. 16.

Die Ausstellung ermöglicht ehrliches Erinnern und vermeidet oberflächliche Nudossi-und-Pittiplatsch-Ostalgie. Vor allem aber lädt sie ein, Ost-Berlin neu zu entdecken. Ein Besuch im Ephraim-Palais sollte nur der Anfang sein.

Von Maurice Wojach

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