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Kultur Explosiv: Der alte Picasso im Museum Barberini
Nachrichten Kultur Explosiv: Der alte Picasso im Museum Barberini
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00:25 10.03.2019
Pablo Picasso: „Jaqueline in einem Sessel“, demnächst zu sehen  im  Museu Barberini in Potsdam.
Pablo Picasso: „Jaqueline in einem Sessel“, demnächst zu sehen im Museu Barberini in Potsdam. Quelle: Ralf Hirschberger/dpa
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Potsdam

Was für eine Energie? Und Kraft? Und was für ein Irrtum – seitens des französischen Kulturministeriums. Man dürfte sich dort heute wohl grämen. Als Pablo Picasso 1973 in Südfrankreich starb, zahlten seine Erben ihre Erbschaftssteuer mit Bildern. Und die Pariser Kulturbürokratie bediente sich nach gut Dünken: wählte Werke aus der blauen Periode, der rosa Periode, kubistische Klassiker, Bilder aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Alles Kunstwerke, die den spanischen Künstler bis dahin weltberühmt gemacht hatten. Vieles davon ist heute im Musée Pablo Picasso in Paris zu sehen. Was dort weitgehend fehlt, ist dessen Spätwerk. Sein Schaffen aus der sogenannten „Jacqueline-Epoche“ von 1954 bis 1973.

Das Museum Barberini zeigt 136 späte Picassos. Es ist die größte Ausstellung die das Barberini bislang organisiert hat. Alle Werk stammen aus der Sammlung Jacqueline Picasso, die ihre Tochter Catherine Hutin zur Verfügung gestellt hat. Hier eine kleine Auswahl.

Im Museum Barberini in Potsdam sind genau diese außergewöhnlichen Werke nun zu sehen. Sie zeigen einen hierzulande wenig bekannten Picasso – und einen, der lange Zeit völlig unterschätzt wurde. Lange galten die Arbeiten jener Zeit als Produkte eines alternden Stars, der sich mit einer jungen Frau, der 46 Jahre jüngeren Jacqueline Roque umgab und gegen den Tod anarbeitete. Nicht schlecht, aber eben nicht der Picasso, wie man ihn in die Kunstgeschichte einsortiert hatte. Mittlerweile hat die Riege der Kunstexperten ihre Meinung geändert, was mit dazu beitrug, dass immer wieder Teile des Spätwerks in Ausstellungen auftauchten. Doch selten in größerer Anzahl und schon gar nicht in Deutschland.

136 Picasso, viele noch nie in Deutschland gezeigt

Ab Freitag wird das anders. Mit „Picasso. Das späte Werk. Aus der Sammlung Jacqueline Picasso“ zeigt das Museum Barberini seine bislang größte Ausstellung zu einem Künstler. Insgesamt 136 Werke enthält die Schau, die sich in zwei Stockwerken über sieben Säle erstreckt und am Freitagabend eröffnet wird.

Gemälde, Druckgrafiken, Zeichnungen, Skulpturen und Keramiken sind zu sehen – viele darunter, die in Deutschland noch nie gezeigt wurden. Einige sogar überhaupt noch nie in der Öffentlichkeit, wie zu Beispiel ein Porträt von „Jacqueline mit angezogenen Beinen“ aus dem Jahr 1954 – ein farbenfrohes Porträt seiner jungen Frau, das sie in reduzierten Formen und klaren Linien darstellt und dabei – typisch für Picasso – aus unterschiedlichen Perspektiven gleichzeitig zeigt.

Jacqueline, Jacqueline...

Jacqueline ist der Star in dieser Ausstellung. Gut 400 Mal hat Picasso seine junge Muse porträtiert. Ende der 40er-Jahre hatte er Paris verlassen und war in den Süden Frankreichs gezogen. In einer Töpferei, mit der er zusammenarbeitete, lernte er 1953 die junge Jacqueline Roque kennen, mit der er den Rest seines Lebens verbringen sollte. Wie viele Jacqueline-Porträts in Potsdam zu sehen sind, kann nicht einmal der spanische Gastkurator Bernardo Laniado-Romero sagen. „Ich habe sie nicht gezählt“, räumt er ein.

Es dürfte auch schwer fallen. Denn die Gesichtszüge der jungen Frau – Picasso muss von ihren dunklen Augen und ihrer kerzengeraden Nase fasziniert gewesen sein – tauchen nicht nur auf den zahlreichen mit „Jacqueline“ betitelten Werken auf. Auch auf vielen anderen Bildern, auf denen Frauen zu sehen sind, darunter viele Akte, erscheinen Anspielungen auf Jacqueline.

Der alte Picasso sorgt für eine Synthese aller Stile

Charakteristisch für Picassos spätes Werk ist nicht nur, dass immer wieder dieselbe Muse auftaucht. Auffällig ist vor allem seine Stilbreite. Picasso trägt alle Stilrichtungen seiner früheren Phasen zusammen und kombiniert sie neu. Mal arbeitet er überraschend eng am Gegenstand, so dass selbst die Gesichter fast schon realistisch erscheinen, dann wieder gewagte Reduktionen in Linien und Formen bis in die radikale Abstraktion: Blau Periode, rosa Periode, Kubismus, klassizistische Anleihen – alles bereits Bekannte ist vorhanden und trotzdem neu und anders.

Pablo Picasso – Das späte Werk

Lange unterschätzt und deshalb selten zu sehen: die späten Arbeiten von Pablo Picasso (1881-1973).

Das Museum Barberini zeigt 136 Werke aus der Sammlung Jacqueline Picasso (1927-1986), seiner letzten Frau. Bei den Gemälden, Druckgrafiken, Zeichnungen, Skulpturen und Keramiken handelt es sich um Leihgaben ihrer Tochter Catherine Hutin.

Picasso. Das späte Werk. Aus der Sammlung Jacqueline Picasso. Museum Barberini, Potsdam, Alter Markt. Mi-Mo, 10-19 Uhr, Do bis 21 Uhr. Eintritt 14 Euro/10 Euro. 9. März bis 16. Juni.

In den meisten Fällen entfernt sich Picasso freilich von seinem Gegenstand. Selten nur soll Jacqueline Modell gestanden haben. Picasso arbeiten mit seinen Erinnerungen an Details, an Episoden und an Emotionen.

So dekonstruiert er eine dargestellte Person, zerlegt sie in Elemente, Ansichten, Durchsichten und baut sie schließlich in neuer Gestalt wieder zusammen – mal zärtlich in Hochachtung, wie bei vielen Jacqueline-Porträts, mal grob und brachial, als wolle er eine Geschichte des Leidens und der physischen Gewalt erzählen.

Pop-Art und die Beatles: Der Einfluss der 60er-Jahre

Diese Kraft, bisweilen auch erotische Energie, zeigen die in Potsdam ausgestellten Werke. Und sie zeigen, dass Picasso sich nicht als Solitär verstand. Allenthalben Referenzen an die Kunstgeschichte, seine Helden Delacroix, Velasquez, Degas, Manet und zugleich an den Zeitgeist: an die Ästhetik der 60er-Jahre, deren Schönheitsideale und an die Kollegen aus der Pop-Art-Abteilung.

„Picasso war ein zeitgenössischer Künstler, der die psychodelischen Formen eines Beatles-Covers durchaus aufnahm und verarbeitete“, sagt Kurator Laniado-Romero.

Verweise auf den algerischen Unabhängigkeitskampf

Und nicht nur das. Picasso hat auch noch in hohem Alte sehr genau wahrgenommen, was um ihn herum geschah. Wenn er 1954 Jacqueline in orientalischem Outfit malt, dann ist das nicht nur eine Hommage an die Odalisken seines gerade verstorbenen Freundes und Konkurrenten Henry Matisse und ein Verweis auf „Die Frauen von Algier“ von Delacroix. Der politisch aktuelle Bezug war der Beginn des Unabhängigkeitskampfes in Algerien.

Von Mathias Richter