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Nachrichten Kultur Eine App zum Entdecken von Depression
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12:13 20.07.2018
Die medizinische App wertet Textnachrichten von Jugendlichen auf Anzeichen von Depression aus.
Die medizinische App wertet Textnachrichten von Jugendlichen auf Anzeichen von Depression aus. Quelle: Foto: Stefan Lüttke
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Potsdam

Der studierte Psychologe Stefan Lüttke hat im Rahmen seiner therapeutischen Ausbildung an der Universität Potsdam und der Universität Tübingen schon viele Kinder und Jugendliche behandelt. Der gebürtige Potsdamer Lüttke weiß, dass Depressionen auch bei Kindern und Jugendlichen ein großes Problem sind. Jährlich sind hierzulande mehr als 100 000 junge Menschen betroffen. Besonders riskant sei es, wenn diese schon einmal eine Depression hatten. Das Risiko eines Rückfalls sei groß. Dagegen möchte Lüttke ein Instrument entwickeln, das, wie er selber einräumt, auf den ersten Blick Misstrauen erregt: eine App.

„Die App ist für Smartphones gedacht“, sagt Lüttke. „Sie soll Informationen nutzen, die bei der Verwendung des Smartphones ohnehin entstehen.“ Lüttke denkt dabei vor allem an Textbotschaften, die über WhatsApp gesendet werden. Lüttke wählte diese Plattform wegen ihrer starken Verbreitung. „Mindestens 90 Prozent aller Jugendlichen benutzen sie.“ Geeignet wäre aber jedes andere Online-Medium, über das Jugendliche stark kommunizieren. Die dort geschriebenen Textbotschaften könnten von einer eigens entwickelten App als Material genutzt werden, um Hinweise auf eine erneute depressive Phase zu entdecken. Als Partner für sein Projekt hat Lüttke neben der ihn derzeit beschäftigenden Universität Tübingen die beiden Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kommunikationsnetze der Universität Würzburg, Anika Schwind und Michael Seubert, sowie den Professor für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Leipzig, Julian Schmitz, gewonnen.

„Aus der Arbeit mit Erwachsenen wissen wir, dass Depressive zum Beispiel oft in der ersten Person Singular schreiben“, sagt Lüttke. Das Denken kreise ständig um das eigene Selbst. Und natürlich seien die meisten Botschaften, die von Depressiven geäußert werden, negativ eingefärbt. Bei Kindern und Jugendlichen ist es nach Lüttkes Erfahrung nicht anders. Auch depressive Kinder und Jugendliche denken immer nur über die eigenen Schwächen nach und verlieren den Blick für die Außenwelt. Inhaltlich werden selbst positive Erlebnisse negativ gesehen. Die Mathearbeit fiel halt dann deswegen gut aus, weil man ausnahmsweise mal Glück hatte.

Ein Algorithmus für ein Frühwarnsystem

Lüttke war Anfang des Jahres als Gastwissenschaftler am University College in London mit seinen Kollegen und einem Informatiker dabei, aus einer Fülle von Material sprachliche und andere Indikatoren zusammenstellen, auf deren Grundlage sich dann ein Algorithmus für ein solches elektronische Frühwarnsystem entwickeln ließe. Neben den sprachlichen Indikatoren könnte man dafür auch Metadaten aus dem Smartphone nehmen: Die Häufigkeit der sozialen Kontakte, das Netzwerk des Nutzers oder sein Bewegungsradius und dessen Veränderungen. Seit Juni wird ein Prototyp der App getestet.

Diplom-Psychologe Stefan Lüttke Quelle: privat

Lüttke ist klar, dass diese Informationen alle äußerst sensibel sind. Deshalb sollten sie von der noch zu entwickelnden App auch nur zum Zwecke einer Benachrichtigung der Betroffenen eingesetzt werden. „Die App soll nicht frei zum Download bereitstehen“, sagt Lüttke. „Es soll sich um ein reines Medizinprodukt handeln, das in die Hände von Fachleuten gehört.“ Die App müsste verschrieben werden wie ein Medikament. Sie würde Jugendlichen, die schon einmal durch eine Depression gegangen sind, mit deren Zustimmung auf das Smartphone geladen. Dann könnte diese die von den Nutzern geschriebenem Botschaften auswerten.

System benachrichtigt junge Patienten

„Ein wichtiger Gedanke bei dem Ganzen war, dass das System automatisch funktionieren soll“, sagt Lüttke. Bislang prüfen Therapeuten den Zustand ihrer jungen Patienten oft noch, indem sie diese Fragebögen über ihr aktuelles Befinden ausfüllen lassen. „Das ist anstrengend und das macht nicht jeder – zumindest nicht sehr lange“, so Lüttke. Die App würde ständig arbeiten und automatisch mit einer Nachricht reagieren. Diese könne sich entweder nur an die betroffenen Nutzer wenden und ihr zum Beispiel raten, den Therapeuten aufzusuchen oder zumindest wieder etwas mit Freunden zu unternehmen – oder sie könnte zugleich den behandelnden Arzt oder Therapeuten informieren.

„Die Eigenverantwortung des Patienten ist dabei ganz wichtig“, sagt Lüttke. Gerade Depressive neigten zur Passivität und müssten ermuntert werden, für sich selbst richtige Entscheidungen zu treffen. So könne mit Patienten individuell vereinbart werden, welche Meldungen die App abgeben solle, wenn der Algorithmus eine Warnsignalen ermittelt hat, und ob zugleich auch der Arzt informiert werden soll.

Eine verschreibungspflichtige App

Da es bisher keine Pilotstudien zu dem Projekt gibt, konnte Lüttke keine normale Forschungsförderung bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beantragen. Die größte deutsche Fördergemeinschaft will in meist sicher gehen, dass bei den von ihr geförderten Projekten auch tatsächlich etwas herauskommt. Das ist bei dem Neuland, das Lüttke und seine Mitstreiter betreten, nicht garantiert. Lüttke ist dennoch optimistisch. Bei einer Crowdfunding-Aktion für die Vorstudien sind schon 14000 Euro zusammengekommen. „Ich hoffe, dass wir schon im Mai die ersten Jugendlichen für eine Studie mit einem Prototypen einladen können“, sagt er. Auch die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) sei an dem Projekt interessiert.

Dem Psychotherapeuten Lüttke ist bewusst, dass mit der App auch ein potenzielles Instrument einer neuartigen Überwachung entstehen könnte. Er will aber auch darauf achten, dass die App nur für therapeutische Zwecke und auf kontrollierte Weise eingesetzt wird – eben wie ein verschreibungspflichtiges Medikament. Und wer schon einmal eine Depression durchgemacht habe, wisse, wie sehr man sich nach jeder Hilfe ausstrecke. Lüttke ist sicher: Eine Frühwarn-App könnte die Behandlung von Depressionen revolutionieren.

Von Rüdiger Braun