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Kultur Potsdam lässt in Versailles eine Oper produzieren
Nachrichten Kultur Potsdam lässt in Versailles eine Oper produzieren
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20:08 06.06.2018
Proben der Oper „L'Europe Galante“ im Centre de Musique Baroque in Versailles: Sopranistin Chantal Santon-Jeffery und Bassbariton Douglas Williams in Aktion.
Proben der Oper „L'Europe Galante“ im Centre de Musique Baroque in Versailles: Sopranistin Chantal Santon-Jeffery und Bassbariton Douglas Williams in Aktion. Quelle: FOTOS: KARIM SAAB
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Versailles

Im Innenhof des Zentrums für Barockmusik stehen die Autos auf geschichtsträchtigem Katzenkopfpflaster. Benoît Dratwicki bittet den Besucher aus Potsdam noch einmal raus auf die Avenue de Paris. „Schauen Sie, das war um 1700 die breiteste und längste Straße der Welt“, sagt der Chef des Centre de Musique Baroque und zeigt nach links. Ausladende Platanen säumen parallel mehrere Fahrbahnen und Promenaden, die schnurgerade auf den zentralen Mittelbau von Schloss Versailles zulaufen. „Im Palais gegenüber residierte die Comtesse du Barry, eine Mätresse des Königs“, erklärt der künstlerische Direktor und fährt fort: „In unserem Haus Menus-Plaisirs saß die Verwaltung, die für alle höfischen Zeremonien zuständig war und auch für die Reisen, Theater-, Ballett- und Opernaufführungen des Königs“.

Im Erdgeschoss des Hauptflügels findet gerade eine Probe für die Barockoper „L’Europe Galante“ statt, die am 19. Juni in Potsdam erstmals zur Aufführung kommt. Es handelt sich um eine Musiktheater-Eigenproduktion, die von den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci in Auftrag gegeben worden ist. Die Inszenierung wird danach noch in Prag zu sehen sein. Ob es noch weitere Abnehmer gibt, steht noch nicht fest.

In einem modernisierten Innenraum des Barockmusik-Zentrums in Versailles erklärt der Regisseur Vincent Tavernier der Sopranistin Chantal Santon-Jeffery und dem Bassbariton Douglas Williams, wo sie sich das Publikum denken müssen. Eine Stuhlreihe steckt die Balustrade ab, die in der Pflanzenhalle der Potsdamer Orangerie in die Kulisse einbezogen wird. Der ausgedruckte Grundriss, eine Innenaufnahme und ein winziges Bühnenmodell liegen auf einem Klapptisch bereit, der neben dem Flügel steht.

Geprobt wird die erste Szene des letzten Aktes „La Turquie“. Nach heftigen Liebesdramen, die sich zuvor in Frankreich, Spanien und Italien zugetragen haben, folgt ein Happy End im türkischen Serail. Die Oper entstand 1697, 18 Jahre vor dem Tod des Sonnenkönigs Ludwig XIV. „Das Mädchen ist schüchtern und der Junge ist ganz geil auf sie und geht um sie herum“, erklärt der Regisseur. Der Sänger aus Boston wagt einen ersten Versuch. An seinem vollen, warmherzigen Gesang gibt es nichts auszusetzen, der Regisseur möchte aber, dass das Paar die Gefühlsregungen überzeichnet und ironisch gestaltet. Angeregt verständigen sich die Drei zwischen den Wiederholungen der Szene, mal in französisch, mal in englisch.

Wollen die Künstler aus der barocken Vorlage eine Parodie machen? Benoît Dratwicki erklärt die Grundidee. „Damals wirkten spanische, italienische oder türkische Szenen auf die Zuschauer noch exotisch. Wir spielen in unhistorischen, sommerlichen Kostümen und tun so, als würden sich ein paar junge Menschen aus ganz Europa zum Picknick treffen. Sie spielen, dass sie eine Oper aufführen und zeigen sich gegenseitig, wie das Leben in ihren jeweiligen Ländern ist.“

Nach der Probe bekennt die Französin, wie sehr sie sich auf Potsdam freut. Die Stadt und die Parks seien schöner als in Versailles, meint die Sopranistin mit den hochgesteckten Haaren und dem tiefen V-Ausschnitt. Das habe sie vor zwei Jahren feststellen können, als sie in Rameau’s „Pygmalion“ im Hans-Otto-Theater auf der Bühne stand. „Aber diesmal gibt es bei den drei Aufführungen nur 250 Zuschauerplätze, das wird ja fast wie eine private Party“, freut sie sich.

Höhepunkte der Musikfestpiele 2018

Vom 8. bis 24. Juni finden die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci statt. Die Auftakt-Veranstaltung unter der Überschrift „Grenzenlos Europa! Galante Eröffnung mit Barockmigranten“ ist bereits ausverkauft. Freitag, 19.30 Uhr, Friedenskirche.

Andrea Palent, die Chefin der Potsdamer Musikfestspiele (l.), und Benoît Dratwicki, der Chef des Zentrums für Barockmusik in Versailles (r.), bringen in diesem Jahr zum dritten Mal eine Bühnenproduktion heraus. Das Opernballett „L’Europe Galante“ von André Campra wird am 19., 21., 22. und 23 Juni, jeweils 20.30 Uhr, im Orangerieschloss Sanssouci aufgeführt.

Dem Potsdamer Abkommen ist eine Nacht mit Musik von Klassik bis Swing gewidmet. „1945. Die Alliierten machen Musik“. 15. Juni, 20 Uhr, Schloss Cecilienhof.

Die Lautenistin Christina Pluhar vereint Barockmusik sowie bosnische, griechische und bulgarische Folklore. „All’Improvviso Balkan“. 16. Juni, 22 Uhr, Orangerieschloss Sanssouci.

Tickets: 0331/288 88 28

„Französische Barockmusik führte lange ein Schattendasein“, erläutert Benoît Dratwicki. Deshalb wurde 1987 vom Pariser Kulturministerium seine Forschungseinrichtung in Versailles gegründet. Mehr als 40 feste Mitarbeiter kümmern sich heute um die wissenschaftliche Aufbereitung von mehr als 600 vergessenen Werken.

Italienische Komponisten wie Claudio Monteverdi oder Vivaldi sind weltweit populär. Wer aber rühmt Jean-Philippe Rameau oder André Campra? Letzterer schrieb die revueartige und unterhaltsame Oper „L’Europe Galante“, die Andrea Palent, die Leiterin der Musikfestspiele Sanssouci, für das diesjährige Programm entdeckte, das sich dem Thema Europa widmet. Dem Sonnenkönig in Versailles ging es ein Leben lang darum, die italienische Dominanz, die bis 1650 vorherrschte, zu brechen und zu übertreffen. Im französischen Hochbarock wurden Theater, Chorgesang, Orchester und Ballett zu einem neuartigen, monumentalen Bühnengenre zusammengefasst. Bei Gesamtkunstwerken wie „L’Europe Galante“ wirkten neben den Solisten mehr als 120 Künstler mit. Deshalb werden sie heute relativ selten aufgeführt.

„Mit den großen Besetzungen von damals können wir nicht mithalten. Immerhin fahren wir mit sieben Solisten, zwölf Musikern, 17 Chorsänger und sechs Tänzern nach Potsdam“, sagt Dratwicki. Mit Andrea Palent, die 2018 zum letzten Mal die künstlerische Leitung inne hat, verbindet ihn eine lange, erfolgreiche Arbeitsfreundschaft. So könnte es sein, dass auch diese dritte Koproduktion zwischen den Partnerstädten Potsdam und Versailles von den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik angekauft wird.

„Deutschen oder italienischen Opernensembles gelingt es kaum, französische Barockopern angemessen umzusetzen“, meint Dratwicki. In ihnen gebe es keinen Belcanto-Gesang mit Koloraturen wie in italienischen Arien. Außerdem würden sie deutlich höher gesungen. Eine interessante Besonderheit sei, dass die einzelnen Stücke scheinbar ineinander übergehen und manchmal über 20 Minuten keine Pause entstünde.

Beim Wiederbetreten des Zentrums für französische Barockmusik in Versailles springt dem Besucher an der Außenmauer ein Schild ins Auge. „Am 5. Mai 1789 sind an diesem Ort die Generalstände des Landes zusammengetreten.“ Da der erste und zweite Stand nicht auf Privilegien verzichten wollten und der dritte Stand, das Bürgertum, Wahlmitspracherecht und weniger Steuern forderte, entwickelte sich die Französische Revolution, die am 17. Juni ausbrach. Wenige Häuser weiter in der Avenue de Paris prangen in goldenen Lettern die drei Losungsworte Liberté, Égalité, Fraternité (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) am Hôtel de Ville (Rathaus).

Benoît Dratwicki führt den Besucher über eine Treppe auf den hinteren Teil des Grundstücks, wo 1789 eine Holzhalle gestanden hat, die auf Gemälden viel prächtiger und größer dargestellt wird, als sie gewesen sein kann. Hier nahm der Sturz der Dynastie der französischen Könige seinen Anfang. Vier Jahre später sollten Ludwig XVI. und seine Frau Marie-Antoinette mit der Guillotine hingerichtet werden. Ist es nicht ein später Triumph der Könige, dass heute in diesem Haus das kulturelle Erbe der absolutistischen Zeit gepflegt wird? „Nein“, antwortet Benoît Dratwicki entschieden, „nur der kleinste Teil der französischen Barockmusik ist höfischen Ursprungs. Die Opern wurden in Paris aufgeführt, Adel und König saßen vielleicht in speziellen Logen, aber jeder Bürgerliche konnte sich damals eine Eintrittskarte leisten“, betonte er.

Die Reise nach Versailles wurde vom Förderverein der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci e.V. finanziert.

Von Karim Saab