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Kultur DDR-Aufarbeitung aus den wilden Neunzigern
Nachrichten Kultur DDR-Aufarbeitung aus den wilden Neunzigern
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17:27 24.04.2019
Szene aus „Abschied von Agnes“. Michael Gwisdek (l.) als von den Wendewirren geplagter Wissenschaftler und Sylvester Groth als dämonischer Stasimann. Quelle: Promo
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Potsdam

Nach dem politischen Umbruch 1989 konnten Drehbuchautoren und Filmregisseure über die DDR endlich das erzählen, was sie wollten. Ohne Schere im Kopf und ohne eine staatliche Zensurkommission passieren zu müssen. „Auch die Marktrelevanz spielte damals in diesem Segment noch keine Rolle“, versichert Claus Löser.

An vielen Ortes des Landes

Der Filmhistoriker kuratiert die achtteilige Filmreihe Zeitschnitt, die in ihrer achten Ausgabe einen direkten Rückblick auf die Umbrüche und Aufbrüche der 1990er Jahre ermöglichen möchte. Die mit öffentlichen Mitteln geförderten Veranstaltungen machen auch in den Weiten des Landes Station, etwa in der Klostergalerie Zehdenick (13. Juni), im Kornspeicher Neumühle Neuruppin (18. September), im Kulturzentrum Das Haus in Niedergörsdorf (24. September) und im Kulturgasthof Alte Reederei in Fürstenberg/Havel (6. November).

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Bevor Hollywood die Stasi entdeckte

Als Auftakt wird morgen, 19 Uhr, im Potsdamer Filmmuseum „Abschied von Agnes“ zu sehen sein, ein nahezu vergessenes psychologisches Kammerspiel aus dem Jahr 1994. Zwölf Jahre bevor die nach Hollywood ausgerichtete Filmindustrie mit „Das Leben der Anderen“ das Stasi-Thema an eine große und ziemlich verstimmte Glocke gehängt hat, setzte Michael Gwisdek eine literarische Vorlage von Hans Löffler um. Gwisdek mimt darin auch die Hauptrolle eines Wissenschaftlers und sprang als Regisseur für Ulrich Weiß ein, der gesundheitlich angeschlagen war.

Von den Medien gehetzt

Gwisdek hat das Drehbuch umgeschrieben, das Drama noch einmal zugespitzt und den Film schnell gedreht. So vermittelt ,Abschied von Agnes’ eine erstaunliche Energie, die der Erregung der Stasi-Enthüllungsphase sehr nah kommt“, verspricht Löser. Sylvester Groth spielt darin einen diabolischen Stasimann, der aufgeflogen ist und von den Medien gehetzt wird. Er findet Unterschlupf bei einem Akademiker, der gerade Frau und Arbeit verloren hat. Bald wird ihm aber klar, dass dieser unbekannte Mann viel zu viel über ihn weiß ...

Eine Rarität aus Zelluloid

Der Film ist schon deshalb eine Rarität, da er in keiner Bibliothek zu haben ist, weil er nicht in digitalisierter Form vorliegt. „Das unterscheidet die Filme aus den 1990ern von sämtlichen DDR-Defa-Filmen, die dank der finanziellen Ausstattung der Defa-Stiftung längst ins digitale Zeitalter hinübergerettet worden sind“, so Löser. „Abschied von Agnes“ und auch „Julias Wahn“, ein Liebes- und Geheimdienstdrama von Hannes Schönemann aus dem Jahr 1999 (Aufführung am 22. November) können nur im Potsdamer Filmmuseum laufen. Denn dort existiert noch die Technik, um 35mm-Zelluloid-Kopien abzuspielen.

Von Karim Saab