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Kultur Potsdamer Winteroper mit Schuberts „Lazarus“
Nachrichten Kultur Potsdamer Winteroper mit Schuberts „Lazarus“
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16:28 24.11.2019
Die Sopranistin Dorota Szczepańska als Maria in der Potsdamer Winteroper. Quelle: FotoS: Stefan Gloede
Potsdam

Der Weg in die Potsdamer Friedenskirche ist stimmungsvoll ausgeleuchtet. Vogelstimmen erschallen im Innenhof. Im Kirchenschiff setzen sich die Besucher rings um ein hölzernes Podest. Darauf steht das Bett des Lazarus, der im Sterben liegt.

Franz Schuberts unvollendetes Oratorium „Lazarus“ handelt von einer Gesellschaft am Sterbebett. In Potsdam haben der Dirigent Trevor Pinnock und der Regisseur Frederic Wake-Walker dieses Fragment mit der Kantate „Lonely Child“ des kanadischen Komponisten Claude Vivier ergänzt. Am Freitag hatte der 90-minütige Doppelabend „Lazarus ∞ Lonely Child“ Premiere.

Schuberts Oratorium nimmt die Geschichte von der Auferstehung des Lazarus auf, wie sie im Johannes-Evangelium berichtet wird. Der Tenor Toby Spence, der meist im Liegen singt, geht die Titelpartie allerdings so kraftvoll und etwas mariniert britisch-nasal an, dass man ihm die Rolle des Totkranken nicht recht abnimmt.

Bass Ashley Riches als Simon und Tenor Angelo Pollak als Nathanael. Quelle: Stefan Gloede

Am Sterbebett finden sich die Schwestern, der beste Freund, die Freundin ein. Wake-Walkers Personenregie bleibt sparsam. Behutsam zeichnet der Regisseur eine familiäre Konstellation, die ganz gegenwärtig anmutet. Maria (Dorota Szczepanska), die eine Schwester, singt mit lieblich-lyrischen Sopran und leidet eher innerlich. Martha (Johanna Winkel) hingegen geht ihre Rolle dramatischer an; schwankt zwischen Zorn und Verzweiflung.

Schuberts „Lazarus“ ist nicht einfach auf die Bühne zu bringen, da es sich um ein waschechtes Konzertstück ohne jede „Action“ handelt. Rein konzertant würde Schuberts eindringliche Musik wohl kaum weniger intensiv wirken. Will man innere Befindlichkeiten visualisieren, steigt hingegen auch die Kitsch-Gefahr.

Lauryna Bendžiūnaitė als Jemina am Freitagabend bei der Premiere der Potsdamer Winteroper. Quelle: Bernd Gartenschläger

Als etwa die ihrerseits von den Toten auferstandene Jemina (mit natürlicher Sinnlichkeit: Lauryna Bendžiunaitè) eintrifft, stimmt Lazarus einen dieser überirdisch schönen Gesänge an, wie sie nur Schubert hinkriegt: Sanfte Streicher-Terzen und lieblich schunkelnde Synkopen umschmeicheln eine herzzerreißende Melodie. Möchte man da gleichzeitig sehen, wie Jemina mit Lazarus auf dem Bett kuschelt?

Die vorzüglich zusammenspielende Kammerakademie Potsdam hat den Altarraum besetzt. Sie wird von dem Aufführungspraxis-Veteran Trevor Pinnock geleitet, der mit feingliedrigen, akkurat modellierenden Gesten für einen klaren und zugleich fülligen Klang sorgt. In besonders feierlichen Momenten kommen drei Posaunen zum Einsatz.

Szene aus Lazarus – Lonely Child in der Potsdamer Friedenskirche. Quelle: Stefan Gloede

Während Lazarus begraben wird, bricht das Stück ab. Das Finale, in dem Jesus den vier Tage zuvor verstorbenen Lazarus auferstehen lässt, hat Schubert nicht vertont. Warum? Schubert war zwar religiös, aber alles andere als ein buchstabentreuer Katholik. Pfarrer beschimpfte er als „dumm wie ein Erzesel, und roh wie ein Büffel.“ Mit dem christlichen Dogma der Auferstehung des Leibes konnte er wohl einfach nichts anfangen.

„Lazarus“ blieb also Fragment. Die Leerstelle füllt der Regisseur Frederic Wake-Walker mit der 1980 entstandenen, 20-minütigen Komposition „Lonely Child“ von Claude Vivier. Nachdem Lazarus’ Leichnam in die Gruft gelassen wird, setzt unmittelbar, mit einem szenischen Schock-Effekt, die zwei Jahrhunderte jüngere Musik ein.

Die Winteroper gibt es 2005

Seit ihrer Gründung 2005 hat sich die Potsdamer Winteroper zu einem Höhepunkt der Musiksaison in der Landeshauptstadt entwickelt.

Bei dieser jährlichen Musiktheater-Inszenierung kooperieren Kammerakademie Potsdam und Hans Otto Theater.

Ursprünglicher Veranstaltungsort war das Schlosstheater im Neuen Palais. Ausweichquartier während der Sanierung des Neuen Palais ist die Friedenskirche Sanssouci.

Hier wurden im Rahmen der Winteroper schon mehrfach Oratorien szenisch umgesetzt, so 2018 „Theodora“ und 2016 „Israel in Egypt“; beides von Georg Friedrich Händel.

Im kommenden Jahr zieht die Potsdamer Winteroper wieder ins Schlosstheater.

Im November 2020 kommt dort Benjamin Brittens „The Rape of Lucretia“ auf die Bühne.

Vivier selbst sprach von einem „langen Gesang der Einsamkeit“. Pinnock und die Kammerakademie entführen hier in eine surreale, befremdliche Klangwelt. Das Orchester ist um exotische Schlaginstrumente erweitert; immer wieder hallt ein japanischer Tempel-Gong durchs Kirchenschiff. Die Instrumente schmiegen sich in Vierteltönen aneinander, so dass ein feines Rauschen entsteht, das immer wieder die Klangfarbe wechselt.

Auf der Bühne erleben wir eine Fantasiewelt. Zuweilen allzu harsch singt Johanna Winkel das Wiegenlied für das „einsame Kind“, eine endlos kreiselnde Melodie. Im Schwarzlicht zucken derweil allerlei dunkle, spukhafte Gestalten.

Trevor Pinnock dirigiert die Potsdamer Kammerakademie. Quelle: Bernd Gartenschläger

Claude Viviers Musik kann man kaum hören, ohne an sein grausiges Ende zu denken: Mit gerade mal 34 Jahren wurde der homosexuelle Komponist in seiner Pariser Wohnung erstochen. Den Täter, einen jungen Stricher, hatte er am Vorabend in einer Bar aufgegabelt.

Dramatisches Ende eines kurzen, aber schillernden Lebens: 1948 in Montreal geboren, verbringt Vivier die ersten Lebensjahre in einem katholischen Waisenhaus und wird dann adoptiert. Der Knabe will zunächst Priester werden. Später wendet er sich der Musik zu und studiert in Europa. In Köln hinterlässt Karlheinz Stockhausen, der Papst der seriellen und elektronischen Musik, bei ihm tiefen Eindruck.

Seine unbekannte Herkunft, die Homosexualität und die spirituelle Suche – all das spiegelt sich in Viviers Musik. In „Lonely Child“ sucht der Komponist nach einer behüteten Kindheit, die er nie erlebt hat. Mit Schuberts „Lazarus“ passt das nicht so recht zusammen – auch wenn das „einsame Kind“ auf der Bühne am Ende seinen schillernden Kunststoff-Panzer ablegt und Lazarus begegnet.

Von Antje Rößler

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