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Kultur Händels Theodora in der Potsdamer Winteroper
Nachrichten Kultur Händels Theodora in der Potsdamer Winteroper
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18:01 23.11.2018
Schwer aufgebrezelt auf dem Catwalk: Der Chor der Potsdamer Winteroper in der Friedenskirche am Park Sanssouci. Quelle: Stefan Gloede
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Potsdam

Was bleibt dieser Theodora anderes übrig als der Tod? Von der Staatsmacht genötigt ihren Glauben zu verleugnen und die Götzen des Zeitgeistes anzubeten, fühlt sie sich aufgefordert, Haltung zu zeigen. Und das bedeutet in diesem Fall, lieber sterben, als so leben zu müssen. Die diesjährige Potsdamer Winteroper führt mit Georg Friedrich Händels Oratorium „Theodora“ ein Drama zwischen Fremd- und Selbstbestimmung auf und bringt aufwühlendes Musiktheater in die Friedenskirche.

Die Oberflächlichkeit des Barock

Händel hatte die Handlung seines Oratoriums seinerzeit in die Zeit der Christenverfolgung im spätrömischen Kaiserreich verlegt. Die Christin Theodora begehrt gegen die hedonistische Scheinwelt der Römer auf. Doch zielte der Komponist zugleich auf die repräsentative Oberflächlichkeit der Barockzeit, hinter der die Einzigartigkeit des einzelnen Menschen zu verschwinden drohte.

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Postmoderne Beliebigkeit

Sabine Hartmannshenn, die Regisseurin der diesjährigen Winteroper, verlagert das Geschehen in die neoliberale Gegenwart. Bei der Premiere am Donnerstagabend schritten zu den getragenen Klängen von Händels Ouvertüre schwer aufgetakelte Models über einen elf Meter langen Catwalk durch das Kirchenschiff am Publikum vorbei. Die christlichen Insignien an ihren Luxusklamotten dienten als launige Accessoires nicht etwa der Manifestation einer Überzeugung. In Zeiten postmoderner Beliebigkeit dürfte Weihnachtsschmuck im Haar oder Jesus-Bilder auf den Socken schnell wieder aus der Mode kommen.

Die Friedenskirche hat nur 314 Plätze

Die Potsdamer Winteroper wird seit 13 Jahren gemeinsam von der Kammerakademie Potsdam und dem Hans-Otto-Theater veranstaltet. In diesem Jahr wird sie zum letzten Mal in der nur 314 Hörer fassenden Friedenskirche aufgeführt. 2019 kehrt die Oper an ihren Ursprungsort, das Schlosstheater am Neuen Palais zurück. Dann steht Mozarts „La clemenza die Tito“ auf dem Programm. „Theodora“ von Georg Friedrich Händel wird noch vier Mal aufgeführt: heute sowie am 29. und 30. November und am 1. Dezember, jeweils um 19 Uhr in der Friedenskirche.

Dazwischen Theodora. Schon bald von Valens, dem Statthalter des Kaisers, zur Strafe für ihre Verweigerung nicht mit dem Tode bestraft, sondern zur Prostitution gezwungen, ringt sie mit ihrem Schicksal. Der römische Offizier Didymus verliebt sich in sie wird Christ und verhilft ihr zur Flucht. Vergebens. Sie wird es mit dem Tod bezahlen und auch er wird am Ende für sein Liebe und seinen Glauben hingerichtet. Davor der Kampf zwischen spätrömischer Dekadenz und christlichem Aufbegehren, zwischen Sehnsucht nach Liebesglück und drohendem gesellschaftlichen Untergang.

Wechselbäder der Gefühle

Dirigent Konrad Junghänel, bei der Winteroper kein Unbekannter, ist er als musikalischer Leiter nun schon zum vierten Mal dabei, hat die gut dreistündige Partitur auf knapp zwei Stunden gerafft und sorgt mit der Kammerakademie Potsdam dadurch für eine kompakte Aufführung. Hochkonzentriert führt er das Orchester durch die zahlreichen getragenen, langsamen Passagen und unterstützt so die Wechselbäder der Gefühle der Protagonisten auf der Bühne.

Die Friedenskirche vibriert fast

Dort finden existenzielle Dramen statt. Schmerz und Verzweiflung, Liebe und Hoffnung. Die walisische Sopranistin Ruby Hughes als Theodora entführt in herzzerreißenden Arien in schwindelhohe Tonlagen. Unangefochtener Premierenstar ist allerdings der US-amerikanische Countertenor Christopher Lowrey, dessen knabenhafter Sound die Friedenskirche fast zum vibrieren bringt. Es ist, als könne man seine Tränen der Verzweiflung hören. Neal Davis (Bass) als Valens gibt überzeugend den übergriffigen Brutalo, während sein Handlanger Septimus, der Tenor Hugo Hymas, mit abnehmender Überzeugung für Ruhe und Ordnung auf dem Laufsteg zu sorgen versucht. Immer wieder aus dem Konzept gebracht von der Altistin Ursula Hesse von den Steinen als mütterliche Christin Irene, die den Models vom Vocalconsort Berlin und der Vokalakademie Potsdam immer wieder in wenig Nächstenliebe nahe zu bringen sucht.

So klingt Todessehnsucht

Absoluter Höhepunkt der diesjährigen Winteroper ist das erste Duett zwischen dem Liebespaar. Es kommt spät, denn Theodora ist bereits tot in die im Laufsteg eingebaute Grabkammer gesunken und unverhofft ganz oben auf der Kirchenempore vor der Orgel wieder aufgetaucht. Im Dialog zwischen Liebhaber und Geliebten, zwischen Himmel und Erde – flankiert von Oktavsprüngen des Orchesters – schrauben sich Sopranstimme und Countertenor in die Höhen des Jenseits. So klingt Todessehnsucht. Es ist beruhigend, dass das Paar am Ende Hand in Hand und ganz leibhaftig aus der Friedenskirche schreitet.

Von Mathias Richter

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