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Kultur Premiere von Jaroslav Rudis’ „Nationalstraße“
Nachrichten Kultur Premiere von Jaroslav Rudis’ „Nationalstraße“
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16:32 29.09.2019
Die vier Darsteller von Vandam: René Schwittay (o. l.), Katja Zinsmeister (o. r.), Paul Wilms (u. l.), Joachim Berger (u. r.). Quelle: Thomas M. Jauk
Potsdam

Vandam hat viele Gesichter, doch sein Weltbild ist kurz, knackig und nicht verhandelbar. „Sie labern dich voll, du sollst kaufen und dich kaufen lassen“, sagt er. Zu solchen Unkenrufen trägt er einen weißen Anzug, wie man das von Udo Jürgens kannte – das gibt ihm die Autorität des Minnesängers und des Menschenkenners, der die Wahrheit meist auf kleiner Flamme kocht. Weil Details und Nebensätze nerven. „Frieden ist eine Illusion, ich bin ein Krieger“, ruft er, man sieht die kleinen Spucketropfen an den Lippen, wenn er sich zu solchen Statements aufschwingt. „Weiber und Politik, da wirst du matschig in der Birne!“

Aber auf Sylva, die Wirtin seiner Stammkneipe, lässt er nichts kommen. „Ihr Lächeln ist ‘ne Wucht!“, er lächelt selbst, wenn er an Sylva denkt, als würde er den Mond anheulen. „Sylvas Brüste liegen super in der Hand“. Die anderen Frauen? „Sind heute alle Öko-Bio-Feministinnen.“ So lautet das Mantra von Vandam, einem Mann, der die Reithalle des Potsdamer Hans-Otto-Theaters am Freitag bei der Premiere von „Nationalstraße“ in Atem hält. In der ersten halben Stunde spielt ihn René Schwittay im Stile eines Kneipenschlägers, der nur mit Mühe Contenance wahrt. Ihm zucken immerzu die Fäuste.

Zweisprachiger Autor

Jaroslav Rudiš wurde am 8. Juni 1972 in Turnov geboren, er ist ein tschechischer Schriftsteller, Dramatiker und Drehbuchautor, der auch in deutscher Sprache schreibt.

Sein Roman „Nationalstraße“ ist auf Tschechisch im Jahr 2013 erschienen, auf Deutsch 2016.

Weitere Vorstellungen von „Nationalstraße“ in der Reithalle des Potsdamer Hans-Otto-Theaters: 4., 9., 26. Oktober, 23. November, 14. Dezember.

Karten in der MAZ-Ticketeria unter 0331/2 84 02 84.

Es gibt drei weitere Besetzungen für den Teufelskerl Vandam, bei dem man sich nicht sicher ist, ob er eher Teufel oder Kerl ist. „Ich bin kein Nazi!“, schreit er, „ich bin ein Römer.“ Das nimmt man ihm nicht unbesehen ab. Paul Wilms, Katja Zinsmeister und Joachim Berger geben ihm an diesem Abend weitere Facetten, jeweils in einem Monolog von einer halben Stunde. Bei Wilms ist er der coole Hund, der heimlich um den toten Vater weint, weil der sich Weihnachten vom Plattenbaubalkon gestürzt hat, aus dem neunten Stock. Auf den Skoda der Familie. Bei Zinsmeister mimt er den Frauenheld, der Sylva glücklich machen will – er lässt sich einen blasen, nein, zweimal, Sylva möchte dafür etwas Liebe. Daran scheitert Vandam, der seinen Namen nach dem Action Jean-Claude Van Damme bekommen hat. Bei Berger schließlich ist er ein Haudrauf, der die Welt umkrempeln will, er ruft „Heil Hitler“, kriecht durch den Wald hinter dem Plattenbau, wo er gelebt hat. Und verreckt.

Ursprünglich ist „Nationalstraße“ ein Roman, Jaroslav Rudis hat ihn 2013 auf Tschechisch veröffentlicht, drei Jahre später erschien er auf Deutsch. Regisseur Frank Abt hat ihn in Potsdam auf die Bühne gebracht, ohne echtes Spiel, getragen nur von Monologen – illustriert mit rollenden Augen, geworfenen Armen und einem tief in die Hände gegrabenem Gesicht. Stets stehen die Schauspieler solo auf der Bühne. Das zehrt an den Kräften des Personals, immer wieder gibt es kleine, kurze Versprecher, nicht weiter schlimm. Nur Paul Wilms scheint handwerklich auf dem brisanten Feld des Monologs nahezu tadellos. Er zeigt Vandam als präpotenten Draufgänger, „die jungen Frauen heute können nicht mehr bumsen“. Cool gespielt, gekonnt arrogant. Schwittay wirkt intensiv und magisch, Zinsmeister moduliert den Ton der Monologe meisterhaft. Und Berger zeigt den Bad Boy smart, fast anziehend in seiner Lässigkeit, und doch verbirgt er nicht: Vandam lebte nur von Floskeln, frei von Substanz – wenn es einen Motor gab in dessen Leben, dann die Selbstgerechtigkeit. Und 200 Liegestütze, die er täglich absolviert.

Die Bühne öffnet sich während des Stück, das zwei Stunden dauert, zu sehen ist das Einmaleins der Kleinbürger: Kleines Bett, Fernseher, funktionaler Tisch (Bühne und Kostüme: Annelies Vanlaere). Die Musik zwischen den Monologen stammt von Moritz Krämer und Francesco Wilking, den Köpfen von Höchste Eisenbahn, einer der besten deutschen Bands. Mal klingt sie nach Salsa, mal nach Elektro, dann nach Akustik und ein wenig nach Schlager. Die Lieder fügen sich zum einfühlsamen Soundtrack des Vandam, der zwar mit seinen Kräften protzt, aber am Ende an den bürgerlichen Träumen scheitert, weil er in der Rolle eines undressierten Außenseiters untergeht. Vandam gibt sich als Held, der 1989 die friedliche Revolution in Prag lostrat – diesen Mythos festigt er mit derben Sprüchen, die von Ressentiments getragen sind. Er gibt sich als Mann des Volkes, doch predigt die Glaubenssätze der rechten Populisten.

Der Abend in der Reithalle ist fesselnd, weil er die Perspektive bricht, und doch verlässlich einen roten Faden hält: Es geht fast manisch um Vandam, dessen verqueres Weltbild so lebendig dekliniert wird, dass sich sein Bild am Ende schärft.

Von Lars Grote

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