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Kultur Rammstein rockten fulminant im Berliner Olympiastadion
Nachrichten Kultur Rammstein rockten fulminant im Berliner Olympiastadion
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00:24 26.06.2019
Till Lindemann, Sänger von Rammstein, am Samstag in Berlin – der Mann würde sich auch in einem „Krieg der Sterne“-Film“ wohlfühlen. Quelle: Christoph Soeder/dpa
Berlin

Die Menschen fürchten sich wieder. Die einen vor dem Klimawandel, die anderen vor den Flüchtlingen. Und alle vor dem bösen, dunklen R von Rammstein-Sänger Till Lindemann, der die Stimme derart runterdimmt, wie das nur Märchenonkel auf sehr alten Schallplatten konnten. Seine Tochter hat er jahrelang und liebevoll allein erzogen, doch auf der Bühne spielt er einen aufgekratzten Menschenfresser. Die Leute mögen das, denn Angst ist derzeit eine heiße Ware. Am Samstag kamen gut 65.000 Zuschauer ins Berliner Olympiastadion, es war seit Monaten ausverkauft.

Die provokanten Stars von Rammstein sind am Samstagabend im Berliner Olympiastadion aufgetreten – und begeisterten ihre Fans mit harten Tönen und viel Feuer.

Die Band hat zu sich gefunden, als die Sonne unterging. Im Schein des Feuers kam sie auf Temperatur, und das Böse, das sie so gern als Volkstheater inszeniert, wirkte plötzlich lebendig – ihre Lieder warfen Schatten, ihre Gesten atmeten Poesie. Es wurde klar: Hier standen keine Teufel auf der Bühne, sondern nette Männer, die sich wohlfühlen, wenn sie unter der Hitze eines Hochofens arbeiten dürfen. Sie trugen keine Helme, keinen Blaumann, sondern sehr robuste Schutzkleidung, wie man sie aus „Krieg der Sterne“-Filmen kennt.

Ihre Titel klingen wie schwedische Krimis: „Was ich liebe“, „Tattoo“, „Sehnsucht“, „Zeig dich“, „Mein Herz brennt“ oder „Puppe“. Von den ersten Songs blieb bloß der Monsterbass, der alles überlagerte, auch das Urteilsvermögen und die Suche nach Details. Möglich war nur, Bier zu trinken und zu schweigen. Was für einen Samstagabend gar nicht schlecht ist.

Verkündung des Alten Testaments

Der Sound ist im Olympiastadion nie besonders gut. Darunter litt vor allem die Stimme von Lindemann, der in guten Momenten so beweglich intoniert, als würde er das Alte Testament verkünden. Seine Stimme aber klang am Samstag stumpf, die Technik konnte die Nuancen nur sehr selten transportieren. Lindemanns Timbre fehlte das Feinnervige und die Psychologie, die sonst den Auftritt würzen. Doch die Bühne hat am Ende alles überstrahlt. So viel Feuer und Pyrotechnik – verrührt zu einem Wahnsinn, der eine Hitze durch das Stadion jagte und Fragen nach stimmlichen Facetten völlig an den Rand gedrängt hat.

Wer zu Rammstein geht, liebt die Band, als stehe sie für eine Religion. Eine Religion ohne Gott, doch mit einem Frontmann wie Lindemann, der kein Wort ans Publikum richtet, nicht fragt, wie es geht, sondern mit einem Fleischermesser über die Bühne läuft. Die Menschen lieben ihn dafür. Wer zu einem Rammstein-Konzert kommt? Menschen mit schwarzen Shirts und sparsamem Lächeln. Sie gucken ernst, aber sie schreien vor Glück, wenn Lindemann wieder sein R rollt, zum Beispiel im Wort „WeltempfängeRRR“, das einen zentralen Begriff im neuen Lied „Radio“ darstellt.

Erfolgreichster Start des Jahrtausends

Die Band Rammstein wurde 1994 in Berlin gegründet, ihr Sänger Till Lindemann (56 Jahre alt) kam in Leipzig zur Welt. Rammsteins Musikstil wird als „Neue Deutsche Härte“ beschrieben, es handelt sich um eine brachiale Form der Rockmusik mit provokanten, ironisierten Texten, die mitunter um sexuell extreme Spielarten und um den Faschismus kreisen.

Bis Anfang 2018 verkauften Rammstein mehr als 20 Millionen Tonträger – auch im Ausland, besonders in den USA hat die Band eine treue Fan-Gefolgschaft. International berühmt sind Rammstein für ihren intensiven Einsatz von Feuerwerk während der Live-Shows.

Das unbetitelte siebte Studioalbum der Band erschien am 17. Mai 2019 und stieg mit 260000 in Deutschland verkauften Exemplaren in der ersten Woche nach Veröffentlichung auf Platz 1 der deutschen Albumcharts. Es war der erfolgreichste Start einer Band in diesem Jahrtausend – und ist Rammsteins erstes Studio-Album nach einer zehnjährigen Aufnahmepause.

Im Tageslicht ist Rammstein nicht zu Hause, dann sieht man zu viel Schminke, zu viel Lebenswirklichkeit und viel zu wenig von dem dunklen Mythos, den diese Band, dieses immense Schattengewächs, in sich trägt. Erst nach 22 Uhr ist das Konzert erwacht. Feuer wurde aus dem Fundus geholt, um den letzten Rest an Ratio abzufackeln. Flammen, schwarzes Konfetti und Donner schmückten diese dunkle Messe, die mit dem Lied „Du hast“ auf Touren kam. Das Konzert war da schon eine gute Stunde alt. Es sollte volle 130 Minuten dauern.

Rammsteins Lieder muss man nicht mögen, man kann sie sogar für schlicht und kindlich halten – als sei das Böse eine Übersprungshandlung, die zelebriert wird, weil man Angst hat vor dem Monster unterm Bett. Doch was in der zweiten Hälfte dieses Auftritts visuell geboten wurde, als es krachte und blitze, macht sprachlos vor Bewunderung. Selbst Skeptiker merkten: Das ist Theater. Die Furcht, in diesem Stadion, das die Nazis bauten, werde eine Bühne für ausgesprochen rechte und deutsch-nationalistische Gedanken geboten, hatte sich zerstreut. Es war ein Varieté-Abend. Fast formvollendet.

Hier weiterlesen:

>Warmmachen für Rammstein – Fans warten schon

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Von Lars Grote

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