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Kultur Remarques „Nacht von Lissabon“ am Gorki Theater
Nachrichten Kultur Remarques „Nacht von Lissabon“ am Gorki Theater
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19:20 13.01.2019
Anastasia Gubareva und Dimitrij Schaad in „Die Nacht von Lissabon“ am Berliner Maxim Gorki Theater.
Anastasia Gubareva und Dimitrij Schaad in „Die Nacht von Lissabon“ am Berliner Maxim Gorki Theater. Quelle: Ute Langkafel
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Berlin

Die Nazis haben ihn gehasst und seine Bücher verbrannt. Aber da war Erich Maria Remarque, der mit seinem Antikriegs-Roman „Im Westen nichts Neues“ Weltruhm erlangte, bereits im Exil. Zunächst lebte er in der Schweiz, später, als in Europa der Krieg wütete, zog es den Pazifisten weiter nach Amerika. Neben Lion Feuchtwanger und Thomas Mann war er einer der wenigen Autoren, die auch in der Emigration einigermaßen auskömmlich vom Schreiben leben konnten.

Die Vertreibung ließ ihn nicht mehr los

Doch die Erfahrung von Vertreibung, Verfolgung und Heimatlosigkeit, von Angst und Ausgrenzung hat ihn zeitlebens nicht mehr losgelassen. Noch 1962 hat Remarque in einem seiner letzten Romane von der Flucht eines Deutschen durch halb Europa bis nach Lissabon erzählt, für den Pass und Visum wichtiger sind als alle materiellen Güter dieser Welt. Doch als seine todkranke Frau in den Selbstmord flüchtet, will er die überlebenswichtigen Reise-Dokumente an einen anderen Flüchtling zu verschenken: vorausgesetzt, er ist bereit, eine lange Reise durch die Nacht anzutreten und sich die traurige Geschichte des anderen anzuhören.

Flucht quer durch Europa

Im Berliner Maxim Gorki Theater inszeniert der deutsch-türkische Regisseur Haken Savas Mican eine Bühnenfassung von Remarques „Die Nacht von Lissabon“. Eigentlich sind es gleich mehrere, sich überlagernde und bis ins Heute fortschreibende Versionen. Denn der Regisseur ist, zusammen mit Video-Künstler Benjamin Krieg, jene Strecke abgefahren, die im Roman Josef und Helen auf ihrer Flucht von Osnabrück über Zürich und Paris bis nach Lissabon nehmen.

Die Hauptdarsteller sind selbst Geflüchtete

Auf der nackten Rückwand der leergefegten Bühne sehen wir die Video-Schnipsel dieser Odyssee durch ein Europa, das neuerdings wieder Grenzzäune errichtet und Flüchtlinge zurückweist. Auszüge aus dem Reisetagebuch des Regisseurs, dessen Vater vor vielen Jahren als „Gastarbeiter“ nach Deutschland kam, vermischen sich mit den Texten von Remarque. Dimitrij Schaad und Anastasia Gubareva, auch sie sind vor Jahren als Flüchtlinge in Berlin gestrandet und hier zu großartigen Schauspielern im „postmigrantischen“ Maxim Gorki Theater geworden, schlüpfen in diverse Rollen. Sie sind mal Verfolgte, mal Verfolger, mal im Gestern, mal im Heute. Sie treten aus dem Spiel heraus und erzählen von sich selbst, von ihren Freunden und Kollegen, die auch vor Krieg und Diktatur flüchten mussten und seitdem nicht mehr wissen, was Heimat bedeutet. Mal musizieren die beiden grandios zwischen den Zeiten und Texten irrlichternden Akteure auch live mit dem kleinen, vorwiegend aus Migranten bestehenden Orchester, singen sehnsüchtige Melodien, die an türkische, russische, französische, portugiesische Volkslieder erinnern.

Ein Funken Hoffnung

Es ist einer dieser seltenen Abende, die den Zuschauer bewegen, berühren, erschüttern - und doch nicht verzweifeln lassen. Denn das facettenreiche und vorwitzige Spiel von Schaad und Gubareva, ihre Lust, schockierende europäische Deformationen mit satirischen Überzeichnungen und selbstironischen Einlassungen zu unterlaufen, ihr Vermögen, Privates und Politisches, Unterhaltsames und Lehrreiches miteinander zu kombinieren, hinterlässt einen Funken Hoffnung. Auch wenn die Flucht von Josef und Helen in Verzweiflung und Tod endet, zeigen uns die beiden hinreißenden Akteure doch auch, dass Europa zwar hochgradig verwirrt ist, es aber nicht immer so bleiben muss: Die Not ist groß, aber die Rettung ist nah.

Nächste Vorstellungen: 17.01., 24. 01. 07.02., 19.30 Uhr.

Von Frank Dietschreit