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Kultur Potsdamer Regisseur Andreas Dresen räumt beim Deutschen Filmpreis ab
Nachrichten Kultur Potsdamer Regisseur Andreas Dresen räumt beim Deutschen Filmpreis ab
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18:11 04.05.2019
Dream-Team: Regisseur Andreas Dresen (l) und Schauspieler Alexander Scheer (r) freuen sich nach der Verleihung des 69. Deutschen Filmpreises über ihre Auszeichnung in der Kategorie "Bester Spielfilm in Gold". Quelle: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/
Berlin

Wenn das kein gutes Omen war: Mit Bauhelm auf dem Kopf war Alexander Scheer über den roten Teppich spaziert – und hatte damit an seine Kinofigur Gerhard Gundermann erinnert. Und dann räumte Andreas DresensGundermann“ am Freitagabend beim Deutschen Filmpreis ab. Sechs Auszeichnungen gab es insgesamt, darunter die goldene Lola für den besten Film sowie die für Regie, Drehbuch und Hauptdarsteller Scheer, im Film ein schniefender Typ mit übergroßer Brille. „Es war die Rolle meines Lebens“, so Scheer. „Und aus dieser Ost-Nummer komme ich sowieso nicht mehr raus“. Auch die gebürtige Potsdamerin Sabine Greunig, die seit Jahrzehnten mit Andreas Dresen arbeitet, konnte sich freuen über eine Lola für ihr Kostümbild in „Gundermann“. Laila Stieler, die ausgezeichnete Drehbuchautorin, bedankte sich mit einem Zitat Gerhard Gundermanns: „Manchmal bin ich so glücklich, dass ich keine Musik brauche.“

Zärtlich nähert sich Dresen dem singenden Baggerfahrer und ausgespitzelten Stasi-Spitzel. 30 Jahre nach dem Mauerfall ist „Gundermann“ ein Film, der beharrlich Widerstand gegen die übliche Schwarz-Weiß-Zeichnung der DDR leistet – und wohl auch deshalb in den Augen der knapp 2000 Mitglieder der Deutschen Filmakademie ein verdienter Sieger war. „Es ist an der Zeit, dass wir komplexere Geschichten erzählen aus Ost und West“, sagte Dresen im Palais am Funkturm. Und: „Kommt und lasst uns feiern! Vor 30 Jahren ist die Mauer gefallen. Wie geil ist das denn?“

Die Silberne Lola holte sich das bislang sträflich unterschätzte Flüchtlingsdrama „Styx“. Die packende Geschichte einer Seglerin im Atlantik gewann gleich vier Lolas – auch die für Hauptdarstellerin Susanne Wolff und Kameramann Benedict Neuenfels. Talal Derkis „Of Fathers and Sons“ über eine Islamistenfamilie in Syrien gewann nicht nur den Dokumentarfilmpreis, sondern auch den für den besten Schnitt.

Regisseurin Margarethe von Trotta („Die bleierne Zeit“) stand schon vorab als Ehrenpreis-Trägerin fest – die 77-Jährige ist bis heute ein rebellischer Geist im deutschen Kino. Der umstrittene Oscar-Kandidat „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmarck ging bezeichnenderweise leer aus, Fatih Akins Frauenmörder-Groteske „Der goldene Handschuh“ blieb nur die Lola fürs Maskenbild.

Deutscher Filmpreis/ Goldene Lola:

Gundermann“, Regie Andreas Dresen

Silberne Lola: Styx

Bronze: „Der Junge muss an die frische Luft“

Beste Regie: Andreas Dresen („Gundermann“)

Bester Hauptdarsteller:

Alexander Scheer („Gundermann“)

Hauptdarstellerin: Susanne Wolff („Styx“)

Szenenbild: Susanne Hopf („Gundermann“)

Kostümbild: Sabine Greunig („Gundermann“)

Nebendarsteller: Alexander Fehling („Das Ende der Wahrheit“)

Nebendarstellerin: Luise Heyer (Der Junge muss an die frische Luft) Drehbuch: Laila Stieler („Gundermann“)

Doku: „Of Fathers and Sons“ von Talal Derki

Tongestaltung:Styx

Maskenbild: „Der goldene Handschuh“

Besucherstärkster Film: „Der Junge muss an die frische Luft“ (3,6 Mio)

Ehrenpreis: Margarethe von Trotta

Kinderfilm: „Rocca – verändert die Welt“, Katja Benrath

Schnitt: Anne Fabini („Of Fathers and Sons“)

Kamera: Benedict Neuenfels („Styx“)

Musik: Hochzeitskapelle („Wackersdorf“)

Bernd-Eichinger-Preis:

Christian Becker

Allenthalben wurde die Magie des schwächelnden Kinos beschworen. Umso begeisterter fiel der Applaus für Caroline Link aus, deren Hape-Kerkeling-Biografie „Der Junge muss an die frische Luft 3,6 Millionen Zuschauer vor die Leinwand gelockt hatte. Dafür gab es nicht nur die Ehrung als besucherstärkster Film, sondern auch die bronzene Lola. Die Akademie arbeitet erkennbar daran, die Grenze zwischen E und U zu schleifen.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters betonte, dass das Kino als Begegnungsort gerade jetzt wichtig sei, „da sich die Fronten in unserer Gesellschaft verhärten“ und „sich die Menschen zunehmend abgehängt fühlen“. Für das laufende Jahr spendierte sie fünf Millionen Euro Soforthilfe für Kinos im ländlichen Raum. Rund 17 Millionen Euro sollen 2020 beim neuen „Zukunftsprogramm Kino“ folgen.

Politische Akzente setzte auch Ulrich Matthes. Der frisch gekürte Akademiepräsident forderte die Gäste auf, Position gegen den Rechtspopulismus zu beziehen und zur Europa-Wahl am 26. Mai zu gehen – frei nach dem Titel von Spike Lees Film: „Do The Right Thing“. Seiner Vorgängerin Iris Berben sang er das Frank-Sinatra-Ständchen „The Lady is a Tramp“. Berben hatte Tränen in den Augen.

Keine Frage, die früher gelegentlich als spröde geltende Filmakademie hat sich im Feiern mit Berührtsein-Bonus geübt. Nach der Gala, auf der das Filmorchester Babelsberg für die musikalische Untermalung sorgte, ging es zur Party - mit vegetarischem Essen. Auf Nachhaltigkeit setzt die Akademie auch.

Von Stefan Stosch und Claudia Palma