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Kultur So erlebte Keimzeit-Sänger Norbert Leisegang die Wende in der DDR
Nachrichten Kultur So erlebte Keimzeit-Sänger Norbert Leisegang die Wende in der DDR
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09:51 18.09.2019
Keimzeit im Jahr 1989, die Band hatte ein Auftrittsverbot hinter sich. Sänger Norbert Leisegang als Zweiter von links, ganz rechts sein Bruder Roland, heute Bürgermeister von Bad Belzig. Quelle: Label
Bad Belzig

Politisch hatte Norbert Leisegang längst abgeschlossen mit der DDR, doch technisch hatte er noch Hoffnung. „Als wir 1989 Basslautsprecher brauchten, schauten wir nach West-Berlin. Sie kosteten 300 D-Mark – um sie nach Belzig zu bekommen, wo wir wohnten, kamen 100 D-Mark drauf. Und weil wir alles in Ost-Mark bezahlten, hat sich die Zahl versiebenfacht.“ Seine erste E-Gitarre, ebenfalls aus West-Berlin, kaufte er für 7000 Ost-Mark. „Um so viel Geld zu verdienen, mussten wir spielen, bis der Arzt kommt. “ Oft 120 Konzerte im Jahr.

Leisegang hat 1989 in der Band Keimzeit gesungen, das tut er heute noch. Sie haben Songs geschrieben, um den ewig gleichen Sound vom Sieg des Sozialismus zu übertönen. Als die Basslautsprecher angeschlossen waren, hörte man von den Parolen nichts mehr. Norbert Leisegang und seine Band, zu der auch seine beiden Brüder und zu Anfang auch die Schwester zählten, lebten in einer „Blase“, wie Leisegang das nennt: „Hippies, extrem gute Freunde und Familie.“

Im Militärdienst strich man ihm den Urlaub und den Ausgang, weil er kritisch war, nach seinem Studium der Mathematik zog er die Verpflichtung zurück, als Lehrer zu arbeiten. Leisegang verschrieb sich der Musik, der Staat drohte mit einem Disziplinarverfahren. „Für mich war die Politik der SED in Stein gemeißelt, ich hatte keine Hoffnung, dass Demonstrationen und ein Aufruf der Musiker dieses System ins Wanken bringen“, erinnert sich Leisegang.

Die Band im Jahr 2019, Norbert Leisegang im weißen Hemd, Schlagzeuger Roland Leisegang ist mittlerweile ausgestiegen. Quelle: Rüdiger Böhme

Niemand hatte die Band gefragt, ob sie die Resolution der Rockmusiker und Liedermacher vom 18. September 1989 unterschreiben würde, die im Berliner „Maxim-Gorki-Klub“ formuliert wurde. Sie war an die Nachrichtenagentur ADN, das „Neue Deutschland“, die „Junge Welt“ sowie an das Staatsfernsehen und den Rundfunk der DDR verschickt worden.

Doch die Forderungen nach Mitsprache und Wandel in der Politik, die sich am Gründungspapier des „Neuen Forums“ orientierten, wurden totgeschwiegen. Nur im „Morgen“, der Zeitung der Blockpartei LDPD, erschien der Text. Trotzdem sprach er sich herum, wurde auf Konzerten verlesen und unter der Hand kopiert.

Das Maß aller Dinge: Pink Floyd

„Das war der Aufruf einer älteren Generation“, sagt Norbert Leisegang heute. Er habe nichts gegen Silly, die Puhdys oder Pankow, aber er war damals 29, „und gefühlt noch mal zehn Jahre jünger“. Die Tönung seiner Lieder habe wenig mit den etablierten Bands der DDR zu tun gehabt. „Selbst wenn sie an uns rangetreten wären, ich hätte nicht unterschrieben.“ Sein Maß der Dinge war die englischsprachige Musik. Tom Waits, Pink Floyd, das hat für ihn Autorität gehabt.

Keimzeit schrieben 1987 das „Kinderlied“. Es ging um Eltern, die Panzer verschenken. Leisegang verurteilt das. Die Band bekam Ärger, durfte das Stück nicht aufnehmen, spielte es dennoch auf Konzerten. Das Kreiskulturamt in Belzig sprach ein Auftrittsverbot aus, dem Bezirkskulturamt in Potsdam hat die Band erzählt, die nächsten Auftritte seien mit 500 bis 800 Leuten ausverkauft. „Dann spielt doch weiter“, sagte das Bezirkskulturamt. Weil dort junge Leute saßen, und in Belzig halt ein Alter. „Die haben sich schon nicht mehr ausgetauscht, da spürten wir, das Land wird mürbe.“

Der Mauerfall als „müder Witz“

Leisegangs Vater, ein Lehrer in Belzig, der das Ende der Nazi-Zeit erlebt hatte, sagte seinen Kindern: „Lauft nicht ins offene Messer, provoziert nicht!“ Doch er war überzeugt: „Irgendwann könnt ihr die Welt bereisen, die DDR hält nicht auf ewig.“ Er war ein Mann, der gelernt hatte, dass politische Systeme einen Anfang haben, aber auch ein Ende.

Norbert Leisegang hat sich an der Musik in den USA orientiert, er übersetzte englische Texte und war sich sicher, „Jungs träumen von Amerika, die Mädchen von Paris.“ Und als die Mauer offen war, bekam er das zunächst nicht mit. „Wir drehten ein Video in den Studios in Berlin-Adlershof, jemand sagte, sie lassen jetzt die Leute in den Westen, doch das wirkte wie ein müder Witz, weil das dauernd jemand behauptet hat. Wir tranken nach dem Dreh ein Bier, legten uns aufs Sofa eines Kumpels und merkten am nächsten Morgen: Die Welt war eine andere.“

1993 reiste er nach San Francisco, „es war noch schöner, als ich mir erträumt habe.“ Er schlief drei Nächte im Hotel, ein Mann im Park hat ihm von einem Hippie-Bus erzählt, Leisegang schloss sich an und fuhr durchs Land.

Er ahnte nicht, dass ihm die DDR als Widerpart, rein künstlerisch gesehen. in Zukunft fehlen würde. „Ich möchte es am liebsten leugnen, doch ich sehe: Nach der Wende lassen sich nicht mehr so starke Lieder schreiben. Manche Fans behaupten, das Werk von Keimzeit habe nach der Einheit an Kraft verloren. Vielleicht ist etwas Wahres dran.“

Künstler in einer Diktatur schreiben die besten Songs, glaubt er. Erfolg hatten sie trotzdem nach der Wende, vor allem mit dem Lied „Kling Klang“, das wie ein greller Comic wirkt, wie eine Fantasie, von der man in der grauen DDR geträumt hat.

Auch politisch hat die Band im vereinten Deutschland Spuren hinterlassen: Roland Leisegang, bis vor ein paar Jahren Schlagzeuger bei Keimzeit, ist heute parteiloser Bürgermeister in Bad Belzig, dem Ort, wo Keimzeit einst begannen. Und wo sie Hippies waren. Die Stadt ist nun ein Kurort. Der Basslautsprecher hat alles ins Rollen gebracht.

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