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Kultur So war das Konzert von Rammstein in Berlin
Nachrichten Kultur So war das Konzert von Rammstein in Berlin
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18:41 23.06.2019
Till Lindemann im Olympiastadion. Quelle: Christoph Soeder/dpa
Berlin

 

Wie war Rammstein drauf?

Die Band hat zu sich gefunden, als die Sonne unterging. Im Schein des Feuers kam sie auf Temperatur, und das Böse, das sie so gern als Volkstheater inszeniert, wirkte plötzlich lebendig – ihre Lieder warfen Schatten, ihre Gesten atmeten Poesie. Es wurde klar: Hier standen keine Teufel auf der Bühne, sondern nette Männer, die sich wohlfühlen, wenn sie unter der Hitze eines Hochofens arbeiten dürfen. Es war wie ein Heimspiel für die Band.

Die provokanten Stars von Rammstein sind am Samstagabend im Berliner Olympiastadion aufgetreten – und begeisterten ihre Fans mit harten Tönen und viel Feuer.

Wie waren Sound und Bühne?

Der Sound ist im Berliner Olympiastadion nie besonders gut. Darunter litt vor allem die Stimme von Sänger Till Lindemann, der in guten Momenten so beweglich intoniert, wie es sonst nur die Märchenerzähler auf alten Schallplatten können. Seine Stimme aber klang am Samstag stumpf, das nahm ihr das Feinnervige und die Psychologie, die sonst zu den Auftritten gehört. Doch die Bühne hat am Ende alles überstrahlt. So viel Feuer und Pyrotechnik – gemischt zu einem Wahnsinn, der eine Hitze durch das Stadion jagte und Fragen nach stimmlichen Facetten völlig an den Rand gedrängt hat.

Wie war die Stimmung im Publikum?

Wer zu Rammstein geht, liebt die Band, als stehe sie für eine Religion. Eine Religion ohne Gott, doch mit einem Frontmann wie Lindemann, der kein Wort ans Publikum richtet, nicht fragt, wie es geht, sondern mit einem Fleischermesser über die Bühne läuft. Wie ein aufgekratzter Kannibale. Die Leute mögen das. Wer zu einem Rammstein-Konzert kommt? Menschen mit schwarzen Shirt und einem sparsamen Lächeln. Sie gucken ernst, aber sie schreien vor Glück, wenn Lindemann wieder sein R rollt, zum Beispiel im Wort „WeltempfängeRRR“, das ein zentraler Begriff im neuen Lied „Radio“ ist.

Was waren die besonderen Momente der Show?

Ganz klar die Zeit nach 22 Uhr, als es dunkel wurde und das Feuer aus dem Fundus geholt wurde, um den letzten Rest an Ratio abzufackeln. Feuerwerfer, schwarzes Konfetti und Donner schmückten diese dunkle Messe, die mit dem Lied „Du hast“ auf Touren kam. Das Konzert war da schon eine gute Stunde alt. Es sollte volle 130 Minuten dauern.

Fazit?

Rammsteins Lieder muss man nicht mögen, man kann sie sogar für schlicht und kindlich halten – als sei das Böse eine Übersprungshandlung, die zelebriert wird, weil man Angst hat vor dem Monster unterm Bett. Doch was in der zweiten Hälfte dieses Auftritts visuell geboten wurde, als es donnerte und blitze, macht sprachlos vor Bewunderung. Selbst Skeptiker merkten: Das ist Theater. Die Furcht, in diesem Stadion, das die Nazis bauten, werde eine Bühne für ausgesprochen rechte und deutsch-nationalistische Gedanken geboten, hat sich zerstreut. Es war ein Varieté-Abend. Fast formvollendet.

Erfolgreichster Start des Jahrtausends

Die Band Rammstein wurde 1994 in Berlin gegründet, ihr Sänger Till Lindemann (56) kam in Leipzig zur Welt. Rammsteins Musikstil wird als „Neue Deutsche Härte“ beschrieben, es handelt sich um brachiale Rockmusik mit provokanten, ironisierten Texten, die mitunter um sexuell extreme Spielarten und um den Faschismus kreisen. Bis Anfang 2018 verkauften Rammstein mehr als 20 Millionen Tonträger – auch im Ausland, besonders in den USA hat die Band eine treue Fan-Gemeinde – auch wegen der besonderen Shows.

Das unbetitelte siebte Studioalbum der Band erschien am 17. Mai und war der erfolgreichste Start einer Band in diesem Jahrtausend – und das erste Studio-Album nach zehn Jahren Pause.

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Von Lars Grote

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