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Kultur „Standhafte Zähne, gute Lungen“
Nachrichten Kultur „Standhafte Zähne, gute Lungen“
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18:18 12.12.2017
Der Evangelische Posaunenchor Babelsberg probt im Gemeindesaal, Leiter Henning Melms vorne in der Mitte, ohne Instrument. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Henning Melms lässt die Trompete in der Tasche, sein Husten findet weder Melodie noch Rhythmus – „heute geht nichts mehr“, sagt er, ein leiser Mann mit ungebrochen guten Umgangsformen. Der Posaunenchor trifft ein, 15 Leute tragen ihre Stühle quer durch den Gemeindesaal. Handschlag, Schulterklopfen: „Gute Besserung“, heißt es reihum, die Leute wissen: Blech zu blasen, dafür braucht man eine maximal belastbare Gesundheit. „Standhafte Zähne und gute Lungen“, sagt Melms.

Henning Melms ist Chorleiter und Epizentrum dieser Proben, die immer mittwochs stattfinden. Der evangelische Posaunenchor Babelsberg hat in diesem Jahr die Pro-Musica-Plakette von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erhalten. Der Präsident verteilt davon in Deutschland jährlich nur eine gute Handvoll. 100 Jahre aktives Musizieren müssen nachgewiesen werden, das ist für die Babelsberger kein Problem. Sie haben sich 1885 gegründet, Henning Melms hatte die Chorleitung im Jahre 1993 übernommen, nachdem die alte Chefin ausgestiegen war, „sie hatte was am Ohr und konnte die Spitzen nicht mehr hören.“

„Blech ist nunmal laut“, sagt Melms, der ruhige Kerl, heute sind seine Sätze kurzatmig. Er ist 74 Jahre alt, mit 20 griff er zur Trompete. „Eigentlich sehr spät“, sagt er. Zu spät für den ganz großen Ehrgeiz. Sie haben sich in Babelsberg eingerichtet auf einem anspruchsvollen Niveau. „Doch es bleibt ein Hobby“, sagt ein anderer Trompeter. Üben ist nicht immer leicht. „Hängt vom Nachbarn ab“, sagt er. Zum Glück hat er ein Eigenheim.

Pro-Musica-Plakette für traditionsreiche Chöre

Der Posaunenchor Babelsberg wurde im Jahr 1885 anlässlich des 25. Jahresfestes des Evangelischen Männer- und Jünglingsvereins Nowawes gegründet.

Der Erste Weltkrieg zerstörte die blühende Arbeit, viele Musiker starben. Neugründung des Chores im Jahr 1925.

Bei 25 Mitgliedern liegt die Chorstärke mittlerweile. Leiter ist seit 1993 der Trompeter Henning Melms, 74 Jahre alt.

Die Pro-Musica-Plakette für verdiente, mindestens 100 Jahre alte Ensembles erhielt der Chor in diesem Sommer.

Weihnachts-Konzerte am 14. und 21. Dezember, je 18 Uhr, vor dem Rathaus Babelsberg.

Heute spielt der Babelsberger Posaunenchor im Landtag, gemeinsam mit den anderen fünf Bläserkreisen aus Potsdam und Umgebung – das hat Tradition, die Abgeordneten in der letzten Sitzung vor den Weihnachtsferien zum Singen zu bringen. „Die SPD singt am innigsten“, urteilt Melms. Er hängt dem Satz noch eine Weile nach, während sich die Kollegen einspielen. Doch er findet keine schlüssige Erklärung.

Wenn alle kämen, wäre der Posaunenchor, der den traditionellen Namen beibehält, auch wenn nicht nur Posaunen in der Rund sitzen, bei guten 25 Köpfen. „Von den 40 Einsätzen im Jahr spielen wir die Hälfte in der Adventszeit“, erklärt Henning Melms, ein Mann, der keine großen Reden schwingt und dessen Stimme sich mit Not gegen die Tube stemmt, die sich fünf Meter weiter im Gemeindesaal warmbläst.

„Blech ist was für Menschenmengen, wir kommen, wenn es feierlich wird.“ Melms weiß das und ist im Bilde, dass man nicht immer volle Pulle geben darf. „Wenn Chöre auf dem Weihnachtsmarkt dabei sind, nehmen wir uns zurück“, sonst würden die Sänger wie Statisten ohne Ton und Durchschlagskraft in der Manege untergehen.

Sie müssen proben für den Gottesdienst, das ist ihr Brotgeschäft, sie sind Teil der Gemeinde. „Henning Melms spannt seine Brust, er tritt ans Pult, ein Dirigent, ein Wegweiser, ein Einheizer, wenn heute auch mit einem Kopf aus Watte. Es läuft gut. „Es ist ein Ros’ entsprungen“, „Oh du Fröhliche“... Wenn die Bläser ihre Lieder spielen, ist das immer auch ein Zelebrieren, ein Gleißen und eine Chance, neben der Besinnung zu Weihnachten das laute, frohe und befreiende Fest zu entdecken.

Sie spielen im Gemeindesaal, in dem man Bälle feiern kann, nichts Intimes und Privates liegt in er Halle, weitläufige Akustik, grenzenloser Hall. Mit manchen geht das Pferd durch. Sie preschen durch die Lieder, Henning Melms zieht jetzt die Zügel an: „Ich frage euch nochmal, bin ich nicht zu sehen?!“ Soweit das seine Stimme hergibt, zeigt er Ungeduld. „Wir müssen uns dem Tempo der Sänger einpassen“, mahnt er. Die Sänger sind nicht da, es fehlt das Maß.

Melms dirigiert jetzt kräftiger, er hebt und senkt die Hände, die Gruppe pariert. „Mach hoch die Tür“, „Wie soll ich dich empfangen“. Ja, es läuft. Dort sitzt die bunte Runde, kräftige Männer neben jungen Frauen. Sie haben sich auf einen Ton geeinigt. Verschiedene Stimmen im Dienste einer filigran getakteten Musik. Vielleicht ist das der Sinn der Weihnacht.

Die Plakette des Bundespräsidenten liegt bei Henning Melms zu Hause, Bronze, 18 Zentimeter breit. Ein Harfenspieler ist darauf zu sehen. Sie ruht in einem Etui. Wo genau, das will er nicht verraten. Melms hütet einen Schatz daheim. Er schweigt, wo er genau versteckt liegt. Der Mann kann laut. Aber er kann auch leise.

Von Lars Grote

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