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Kultur Stars kommen gerne in die „Tiefste Provinz“
Nachrichten Kultur Stars kommen gerne in die „Tiefste Provinz“
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15:01 08.12.2017
Theater "Tiefste Provinz" in Kremmen mit Band Dalibors Roadshow des Betreibers.
Theater "Tiefste Provinz" in Kremmen mit Band Dalibors Roadshow des Betreibers. Quelle: Tiefste Provinz
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Kremmen

Andreas Dalibor fährt einen Wagen, der ohne Schwierigkeiten über eine ungemähte Wiese käme. Er ist butterweich gefedert und hat breite Reifen, doch im Radio läuft jetzt die Musik der frühen Jahre – Ton, Steine, Scherben mit den Liedern aus der Zeit, als das Leben noch ein Querfeldeinlauf war. Jeder Stoß ein blauer Fleck, jeder Fluch ein ungebändigter Akkord. Dalibor mag diese Band, auch wenn jetzt nur noch zwei von damals mit dabei sind. Er hat die „Scherben“ neulich eingeladen, „was soll ich sagen, das Publikum ist abgegangen, die Männer mit Schlips haben gegroovt, als seien sie wieder 20.“

Er selbst wird 60 im nächsten Jahr. Andreas Dalibor erzählt davon bei durchaus frischer Temperatur, der kleine Ofen in der Ecke gibt sein Bestes, doch den Mantel lässt man lieber an. Die „Tiefste Provinz“ ist aufgeräumt, gut verputzt, die 100 Stühle stehen ordentlich in Reih‘ und Glied. Schnell räumt Dalibor ein, dass „Tiefste Provinz“ in Kremmen (Oberhavel) nicht gut ankam als Name für den Konzertsaal. Es gab Empörung. Vor zwölf Jahren hatte er den Saal eröffnet, im Scheunenviertel von Kremmen, dem größten zusammenhängenden Scheunenverbund in Deutschland, etwa 70 stehen dort. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass Andreas Dalibor ein Mann mit Witz und einem glücklichen Händchen ist. Er holt große Namen in die „Tiefste Provinz“, Sebastian Krumbiegel von den Prinzen kam, auch Heinz-Rudolf Kunze, der sich leicht pikiert gegeben hat, dass kein Backstageraum vorhanden war. Er musste durch die Zuschauerreihen und wurde huldvoll angefasst, nahezu gestreichelt. Hat ihm nicht gefallen.

Heute spricht man mit Hochachtung von der „Tiefsten Provinz“

Spätestens seit Ton, Steine, Scherben da waren, hat der Ort verstanden, dass Andreas Dalibor ein Hauptgewinn für Kremmen ist. Man spricht mit Hochachtung von der „Tiefsten Provinz“. Gerade wegen der Enge und ihrer Tuchfühlung.

Andreas Dalibor baute eine Scheune zum Theater um. Quelle: Tiefste Provinz

Ton Steine Scherben in Kremmen

Andreas Dalibor arbeitet als Sozialarbeiter. Vor zwölf Jahren kaufte er eine Scheune in Kremmen (Oberhavel) und baute sie zum Theater „Tiefste Provinz“ aus (Scheunenweg 11, Kremmen, www.tiefsteprovinz.de).

Ausgewählte Termine im Jahr 2018: Ton Steine Scherben (3. März), Kremmener Bluesnacht (31. März), Arno Zillmer (13. April).

Dalibors Roadshow, die Band des Theaterbetreibers, hat gerade ihr zweites Album veröffentlicht: „Wir könn‘ tanzen!“ (NBR/NewBelRec).

Was ist das Konzept seines kleinen, gedrängten Konzertsaals, der durchaus in Richtung Hexenkessel geht? Er holt nicht aus zu gut belegten wirtschaftlichen Glaubenssätzen, sondern räumt ein: „Ich lade ein, wen ich immer schon mal treffen wollte.“ Das ist ein beneidenswert sorgloses Konzept, und es geht tatsächlich auf. „Seit vier Jahren machen wir leichten Gewinn.“ Er und drei ehrenamtliche Helfer kümmern sich um die Scheune, die er vor zwölf Jahren kaufte, damals mit Hilfe eines Freundes, eines Bikers, der mit 60000 Euro ankam – „die gibst du mir zurück, wenn der Laden läuft“, sagte der Biker. Keine Unterschrift, nur ein Handschlag. So macht man Geschäfte in der „Tiefsten Provinz“, so pflegt man hier Freundschaften.

Dalibors spezieller Humor

Dalibor lebt nicht von seiner Scheune, dafür lag sie seinerzeit nicht attraktiv genug, als er sie kaufte. Wenn er sich mit seinem Auto durch den leisen Regen schiebt, den man nicht sehen, aber fühlen kann, sagt er, vor dem feinen Restaurant des Scheunenviertels: „Hier ist die City“, er fährt 50 Meter weiter, „und hier ist das Ghetto“. Weil hier nicht mehr so viel los ist, keine Tafeln mit den Tagesangeboten vor der Tür. Auch das ist Ironie, in Kremmen ist man längst vertraut mit der Diktion und dem Humor von Dalibor. Ein Spargelhof hatte sich angesiedelt, das tat dem „Ghetto“ gut. Auch der „Tiefsten Provinz“. Es kehrte Leben in die Ecke, sofern man überhaupt von „Leben“ sprechen kann, wenn der Dezember all seine graue Depression über das Land geworfen hat.

Volles Haus. Die „Tiefste Provinz" ist längst ein Geheimtipp. Quelle: Robert Tiesler

„Ich bin Sozialarbeiter“, erläutert Dalibor, ein Mann mit lässig ungestutztem Bart, schwarzem Hemd, schwarzer Mütze, die blaue Brille hat er sich in seinen Ausschnitt gehängt. Seine Augen sind unaufgeregt, doch wach. Er betreut eine Erziehungswohngruppe in Beetz, einem Ortsteil von Kremmen. Dort leben Jugendliche aus schwierigen Elternhäusern. Wenn er von den Jugendlichen spricht, kommt er gleich auf Cindy von Marzahn. Die hat er mal im Internet gesehen, als sie noch nicht berühmt war. Er fand sie „krass und übertrieben“, doch auf solche Leute steht er. Er hat sie angeschrieben und schloss mit den Worten: „Cindy, ick will dir!“

Cindy von Marzahn hat geheult vor Rührung

Cindy aus Marzahn rief ihn zurück, nach ein paar Wochen. „Hier Ilka Bessin“, meldete sie sich unter dem bürgerlichen Namen. Er war verwirrt. Wollte sie abwimmeln. „Du hast geschrieben, Cindy, ick will dir!“, rief sie kampfeslustig, da fiel der Groschen bei Dalibor. Seine Jungs, die er betreut, hatten Cindy nach der Show in der „Tiefsten Provinz“ einen Kuchen gebacken. Sie hat geheult vor Rührung: „Das hat noch keiner gemacht!“

Deutschland älteste Boygroup

Der Sprung von Cindy zu Adelheid ist schwierig, aber notwendig. Denn „Adelheid“ ist der Hit, den Dalibors eigene Band gelandet hat. „Hit“, bei diesem Wort lacht er. Es ist ein Lied, das bei Youtube eine freundliche dreistellige Klickzahl erwirtschaftet hat, „doch die Leute tanzen, wenn sie es hören, sie können nicht anders.“ Es beginnt mit den Zahlen: „Sie hatte gelbe Zähne und ’ne Spange quer im Mund. Sie ist ’ne ziemlich Kleene, dafür ist sie rund.“ Das ist Comedyrock, er spielt ihn mit seiner Band Dalibors Roadshow, sie nennen sich „Deutschlands älteste Boygroup“.

Sie spielen Funk, mitunter sprühen Funken. Es gibt nur ein Problem: Die Band ist zu groß für Dalibors Theater. Sechs agile Männer auf der Bühne, Sänger Dalibor zieht sich alle paar Minuten um, mal Blaumann, mal Ballettkleid. So viel Bewegung sprengt die „Tiefste Provinz“. Deshalb stellten sie die Platte neulich in Berlin vor, Zehlendorf, Club A 18. Andreas Dalibor verlässt seine Provinz nicht gerne. Doch er hat ein Auto, das ihm jeden Weg ebnet. Auch in die große weite Welt..

Von Lars Grote

08.12.2017
08.12.2017