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Kultur Takis Würgers Buch „Stella“ löst Debatte in den Medien aus
Nachrichten Kultur Takis Würgers Buch „Stella“ löst Debatte in den Medien aus
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00:21 18.01.2019
„Es musste ein Roman werden“: Takis Würger, Autor von „Stella“. Quelle: Sven Döring / Agentur Focus
Hannover

Stella war die Marylin Monroe unserer Schule.“ Der Satz steht in dem Buch „Stella“ von Peter Wyden, und er zeugt davon, wie schwierig der Umgang mit Erinnerungen ist. Denn 1935, als der Autor noch Peter Weidenreich hieß und Klassenkamerad von Stella Goldschlag in der Berliner Goldschmidt-Schule war, kannte er die damals erst neunjährige Marylin Monroe natürlich nicht. Gleichviel, WydensStella“, 1993 bei Steidl erschienen, ist ein im Bemühen um historische Wahrhaftigkeit geschriebenes Sachbuch. In unserem Interview sprach Hannah Suppa mit ihm über Schuld und den Druck des Erfolgs.

Stella Goldschlag (1922-1994)

Stella“ heißt, ein Vierteljahrhundert später, auch das neue Buch von Takis Würger (Hanser-Verlag, 224 Seiten, 22 Euro), das bei Erscheinen prompt eine Flut von Verrissen hervorgerufen hat. „Ein Ärgernis“, urteilt die „Süddeutsche Zeitung“. „Histotainment voller Klischees“, schreibt die „Zeit“. „Kitsch“, gar „Relotius reloaded“ ist in der „Frankfurter Allgemeinen“ (FAZ) zu lesen - unter dem Titel: „Wer braucht so ein Buch?“

Erzählung „im Bum-Bum-Stil“

Was ist passiert? Gönnt das Feuilleton dem aus der Region Hannover stammenden Autor und „Spiegel“-Redakteur nicht den Versuch, nach „Der Club“ den nächsten Bestseller zu landen? Tatsächlich gibt es gewichtige Einwände gegen Würgers zweiten Roman – wegen seines Sprachstils, der mäßigen Handlungsmotivation und des Umgangs mit historischen Fakten: Der Ich-Erzähler Friedrich klärt uns da erst über seine schwere Kindheit mit trinkender Mutter und meist handlungsreisendem Vater auf – und reist dann nach Berlin. Da gibt es dann schon einmal einen Huch-Effekt. Denn es ist das Jahr 1942, er reist aus der neutralen Schweiz also in die Nazihauptstadt. Von dort hätten viele lieber den umgekehrten Weg angetreten.

Wenn Dandys reisen

Friedrich indes logiert in einem „Grand Hotel“, ordert dort Champagner für jene Stella, die sich Kristin nennt, Pervitin-Drogenpralinen lutscht und ihn mit dem ausgerechnet „jüdischen“ Jazz liebenden SS-Mann Tristan bekanntmacht. Zu Schauer und Verruchtheit dieser Ménage à trois kommt noch weltläufige Attitüde, man parliert über Jesiden und Drusen, unter seinen Büchern entdeckt Stella „Zum ewigen Frieden“. Das ist von Immanuel Kant –klar, wenn Schweizer Dandys reisen, haben sie stets Kant zur Hand. So blauäugig dieser „Fritz“ durch die Naziwelt stolpert, so sensibel ist er doch dabei: „Ich wollte nicht, dass mein Freund Tristan in der SS ist. Ich wollte nicht, dass Kristin für ein Ministerium arbeitet. Ich wollte, dass wir drei weiter tanzen." Und so dominiert auch sprachlich, was die FAZ Würgers „parataktischen Bum-Bum-Stil“ nennt.

Wen das nicht stört, der könnte diese süffige Coming-of-Age-Story vom Jüngling im ersten Liebesrausch so bedenkenlos wegschlürfen wie das Pärchen den Perlwein. „Ich hatte dieser Frau nichts entgegenzusetzen“, sagt Friedrich. Doch schon allein, ob das Liebe ist, wird hier nicht weiter reflektiert. Allzu locker transponiert Würger Gegenwartsjargon („Alles gut?“ „Alles gut!“) und hormonellen Schwulst in die historische Kulisse. Und bedenkenlos montiert er dazwischen Zeitereignisse von 1942 und Prozessakten, die ahnen lassen, welche Untaten Stella alias Kristin begeht – lange bevor in der zweiten Romanhälfte auch der Ich-Erzähler kapiert, dass dieser jüdische Vamp untergetauchte Juden an die Gestapo ausliefert, um sich und ihre bereits internierten Eltern vor der Deportation nach Auschwitz zu schützen.

Diese Abgründe werfen existenzielle Fragen auf. Doch denen stellt sich Takis Würger nicht. „Die Aktenlage über Stella Goldschlag ist einfach zu schlecht“, hat er dazu in einem Interview gesagt. „Deshalb musste es ein Roman werden.“

Splatter-movie-mäßig

Klar, wer Belletristik schreibt, muss sich nicht auf Fakten festlegen. Aber wer mehr als Kolportage bieten will, wer es auf die Aura des Authentischen abgesehen hat und seine Fiktionen deshalb mit historischen Fakten durchsetzt, sollte auf deren Genauigkeit achten. Und wenn die Akten nichts hergeben, kann man Zeitzeugen befragen. Gut 150 solche Interviews hat Peter Wyden für sein „Stella“-Buch geführt. Tatsächlich hat Stella von August 1943 an als „Greiferin“ Hunderte Untergetauchte an die Nazis ausgeliefert. Wyden zufolge hat sie nach der Auschwitz-Deportation ihrer Eltern im Oktober 1944 Juden bisweilen auch geholfen. Womit sich das spätere, schroffe Urteil über die Frau, die nach dem Krieg zehn Jahre in Gefängnissen von SBZ und DDR verbracht hat, etwas relativieren müsste.

Doch nichts davon bei Takis Würger. Dessen kühnster, tja: Kunstgriff? liegt darin, Stellas Tätigkeit als „Greifer“ für die Gestapo ins Jahr 1942 zu verlegen, als die reale Stella den realen SS-Mann Walter Dobberke im Sammellager Große Hamburger Straße noch gar nicht kannte. Das hält Würger nicht davon ab, Dobberke als Folterer mit Prügelschlauch und scharfer Klinge („Er leckte das Messer ab“) geradezu splatter-movie-mäßig zu charakterisieren. Am Ende wendet sich der persönlich so schlichte, doch politisch sonderbar sensible Friedrich mit Grausen - und reist in die Schweiz zurück, so unmotiviert, wie er gekommen ist.

Historische Details, Stellas Motivation, der Kulturbruch, den sie zu verarbeiten hatte – diese Dimensionen kommen bei Würger nicht vor. Jan Süselbeck, Professor an der Uni Calgary und Experte für die literarische Verarbeitung der NS-Zeit, mutmaßt in der „Zeit“, dass dem Autor „überhaupt nicht bewusst war, wie heikel sein Thema angeblicher jüdischer Schuld im Holocaust“ sei. „Solchen Fragen sollte man zumindest nicht mit stilistischen Fingerübungen beizukommen versuchen, wie man sie in der Journalistenschule lernt.“

Lektüre „auf dem Vulkan“?

Das Literaturverzeichnis bei Wyden ist sieben Seiten lang. Länger als das Literaturverzeichnis bei Würger ist dessen wiederum parataktische („Ich danke …. Ich danke …“) Danksagung, die ihrerseits Fragen aufwirft: Warum hat ihm keiner geraten, Dokumentarisches entweder zu vermeiden oder redlich statt reißerisch damit umzugehen? Hat der Verlag nur auf den Geschäftserfolg geschielt? Immerhin ist allein Würgers Lesung im Schauspiel Hannover am nächsten Montag schon seit Tagen ausverkauft. Wollte man vom seit „Babylon Berlin“ kultischen Flair des Tanzes auf dem Vulkan düsterer Zeiten profitieren? Hat der erfahrene Verleger Jo Lendle aufs Alter sein literarisches Gespür verloren? „Ich habe Ihren Roman auf einem Vulkan zuende gelesen“, wird er in der Danksagung zitiert. Es bleibt also auch für diesen Verleger schwer, keine Satire zu schreiben.

Von Daniel Alexander Schacht

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