Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Stiftung regt Debatte über Schaltkästen an
Nachrichten Kultur Stiftung regt Debatte über Schaltkästen an
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:46 19.12.2016
Hier wird aus der Not eine Marketingmaßnahme gemacht: Margeriten, Mohnblumen und Firmenlogo verwandeln einen hässlichen Potsdamer Schaltkasten in einen Hingucker.
Hier wird aus der Not eine Marketingmaßnahme gemacht: Margeriten, Mohnblumen und Firmenlogo verwandeln einen hässlichen Potsdamer Schaltkasten in einen Hingucker. Quelle: Bernd Gartenschläger
Anzeige
Potsdam

Herr Nagel, warum stehen in unseren Städten und Dörfern so viele Schaltkästen herum?

Schaltkästen sind der sichtbare Ausdruck einer unterirdischen Infrastruktur, die oft unvermittelt oberirdisch zu Tage tritt. Sie erfüllen wichtige Funktionen. Selbst moderne Glasfaserkabel und erdverkabelte Energieleitungen benötigen Schalttechnik und Technikgebäude. Auch in der Versorgungstechnik halten digitale Technologien Einzug. Aber die Notwendigkeit solcher Stationen wird uns noch mindestens 50 oder 100 Jahre erhalten bleiben.

Wir haben Sie zusammen mit der Bundesstiftung Baukultur dazu aufgerufen, uns schöne und auch hässliche Schaltkästen zu fotografieren und einzusenden. Das Ergebnis finden Sie in dieser Bildergalerie.

Sollen wir die Schaltkästen verstecken oder zeigen?

Für mich sind Schaltkästen ein Symbol für Autismus und in dieser Form eigentlich unnötig. Wer über die Leitungsrechte verfügt, wer Gräben und Hausanschlüsse legt, sollte auch darüber nachdenken, wie man sie besser bündelt und in die gebaute Stadt integriert. Für Schaltkästen lassen sich zum Beispiel in der Erdgeschosszone von Häusern Vorkehrungen treffen oder sie lassen sich auch als Bänke oder Objekte nutzen. Um eine integrierte Lösung zu finden, müssen unterschiedliche Zuständigkeiten zusammengebracht werden.

Schaltkästen sind für Anwohner eine unheimlich Blackbox, manche brummen sogar!

Trafostationen, die Hochspannung in Niederspannung umwandeln, sind in der Tat auch Elektrosmog-Verursacher. Im direkten Umfeld ist das nicht banal. Wir müssen uns mit den Standorten auseinandersetzen. Schaltstationen lassen sich auch in unterirdische Schächte verlegen. Es gibt immer eine anspruchsvollere Lösung als das banale Hinstellen von Schaltkästen. Bisher sagen die Leitungsträger, wir stellen das Ding einfach da hin wo Platz ist, egal wie es aussieht. Wir haben das Grabungs- und Aufstellrecht im öffentlichen Grund, der Rest interessiert uns nicht. Und wir als Stadtnutzer haben uns angewöhnt, die Dinger zu übersehen. Oder wir versuchen aus der Not eine Tugend zu machen, und verschönern oder verschlimmbessern sie mit Graffiti. Das erhöht die Aufmerksamkeit. Deshalb möchten wir mit unserem Baukultursalon die banalen Schaltkästen auch mal zum stadtpolitischen Thema machen.

Ein Anwohner wird nicht gefragt, wenn so ein Kasten vor seinem Haus aufgestellt wird.

Private Bauherren geben sich oft viel Mühe mit der Gestaltung ihrer Grundstücke. Und dann kommt der Leitungsträger und knallt ihm so einen Schaltkasten vor die Tür. Das wollen wir vermeiden. Der Leitungsträger muss genauso viel Verantwortung für die gebaute Umwelt tragen wie die privaten oder öffentlichen Bauherren.

Schicken Sie uns Fotos von Schaltkästen!

Reiner Nagel (57) ist seit 2013 Vorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, die 2008 in Potsdam ihre Arbeit aufnahm. Der Architekt und Stadtplaner arbeitet unabhängig und im Auftrag des Bundesbauministeriums. Ziel ist es, die Qualität der gebauten Umwelt durch Debatten zu verbessern.

Der Baukultursalon Schaltkästen findet morgen, 19 Uhr, in der Fabrik, Schiffbauergasse 10, in Potsdam statt und ist öffentlich. Er will sich dem Thema locker annähern und dann in eine fundierte Diskussion eintreten. Zugleich ist er Jahresausklang, anschließend mit Getränken und Livemusik.

Liebe Leser! MAZ und die Bundesstiftung Baukultur rufen dazu auf, schöne und hässliche Schaltkästen zu fotografieren und einzusenden. Stichwort: „Schaltkästen“. Wir stellen die Fotos online. Postadresse: MAZ, Friedrich-Engels-Straße 24,
14473 Potsdam. Mails: kultur@maz-online.de.

Sollen wir die Dinger nun verstecken oder verschönern?

In der Natur gibt es beide Grundprinzipien: Mimese und Mimikry. Sie lassen sich wie ein Chamäleon in die Umwelt einpassen. Oder als bunter Vogel anmalen. In alten Städten plädiere ich dafür, die Schaltkästen in Farbe und Form so unauffällig wie möglich zu gestalten, dass sie sich einfügen. Die Lebenswelt soll nicht durch Technik gestört werden. In unspektakulären Gegenden lässt sich aus den Schaltkästen auch mal ein Hingucker machen. In Neubaugebieten sollte man die Schaltkästen von Anfang an mitdenken und integrieren. Wir haben designte Bänke, Lampen, öffentliche Telefone, Absperrungen und Poller in den Städten. Aber Schaltkästen sieht man nur Standartlösungen, die nicht gestaltet sind.

Sie setzen also auf Künstler?

Natürlich können Schaltkästen Kunstobjekte sein. Ein gutes Beispiel gibt es in Münster. Dort hat die Stadt den Bildhauer Tobias Rehberger beauftragt, einige Schaltkästen als Kunstobjekte weiterzuentwickeln. Er hat an die Kästen dicke Rohre angesetzt, sie scheinbar miteinander verbunden und an eine Litfaßsäule angeschlossen. Das hat drei Effekte: Man guckt hin, weil es bunte, witzige Popart ist. Man denkt über das Thema unterirdische Stadt nach. Und: Seine Objekte wurden so akzeptiert, dass sie nicht zerstört oder mit Graffiti beschmiert wurden.

Ihnen reichte es also nicht, die Schaltkästen einfach nur zu bemalen?

Nicht jede Verschönerungsmaßnahme ist begrüßenswert. Oft sind die Themen abwegig. Plötzlich prangt auf dem Schaltkasten ein Igel, Schmetterling oder eine große rote Blume. Wenn die Stadtwerke oder die Telekom die Schaltkästen zum Besprühen freigeben, ist das nur oberflächliches Marketing. Es wäre substanzieller, Schaltkästen aus dem Weg zu räumen oder sie in Gebäude zu integrieren. Es gibt aber auch ansprechende Bildlösungen, etwa wenn Künstler aus den Schaltkästen etwas Objekthaftes machen. Dann sehen sie plötzlich aus wie ein Plattenbau oder ein Fahrzeug. Es gibt humorvolle Gesten, die entlarven, wie prominent die Schaltkästen im öffentlichen Raum stehen. Es gibt allerdings auch öffentliche Unternehmen, die ihre Schaltkästen für Werbeplakate vermieten und damit zu einer weiteren Verschandelung der Stadt beitragen.

Was erwarten Sie von Ihrer Tagung am 13. Dezember in Potsdam?

Wir wollen uns dem Thema locker annähern und dann in eine fundierte Diskussion eintreten. Es ist aber auch ein Jahresausklang und anschließend gibt es Getränke und Livemusik mit dem Trio Scho. Interview: Karim Saab

Von Karim Saab

Brandenburg “Bar at Buena Vista“ in Berlin - Heiße Rhythmen mit Kubas Altstars
11.12.2016
11.12.2016
10.12.2016