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Kultur Potsdamer Schauspielstudenten führen die Schrecken einer Utopie vor
Nachrichten Kultur Potsdamer Schauspielstudenten führen die Schrecken einer Utopie vor
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18:56 25.10.2019
Mateo Wansing Lorrio (vorne) und seine acht Kommilitonen. Quelle: FOTO: Thomas M. Jauk
Potsdam

Ob Christen oder Kommunisten, Lehrer oder Konzernchefs – sie alle malen gern die Vision einer Gemeinschaft aus, in der das pure Glück herrscht. Natürlich ist es auch wünschenswert, dass sich Individuen verstehen, achten, mögen, selbst verwirklichen, gegenseitig unterstützen. Aber Konflikte werden gern ausgeblendet, um diese Wunschwelt zu wahren. Und wer einen Missstand beim Namen nennt, wird schnell im Namen der Gruppe zum Teufel gejagt.

Ein verschworener Organismus

Schauspielstudenten der Filmuniversität Babelsberg im dritten Studienjahr präsentieren sich jede Spielzeit in der Reithalle des Hans-Otto-Theaters mit einer Produktion unter professionellen Bedingungen. „Homo empathicus“ erweist sich in diesem Jahr als großer Glücksfall. Das Stück der 45-jährigen Dramatikerin Rebekka Kricheldorf ermöglicht es nämlich der Seminargruppe, sich als Ganzes, als verschworener Organismus, zu präsentieren. Bei herkömmlichen Vorlagen fällt es oft schwer, allen Mitwirkenden eine etwa gleichgroße Rolle einzuräumen.

Die Teletubbis lassen grüßen

Die vier Frauen und fünf Männer finden sich in zivilen Klamotten auf der Bühne ein. Ehe sie den angekippten weißen Scheibenplaneten betreten, schlüpfen sie in eine putzige Uniform – weiß wie die von Judokas oder Ärzten. In der Hüfte ausgestellt, als wären sie Teletubbies.

Der Misston wird zur Pointe

Ihre Dialoge künden von einer kollektiven Welt, in der gegenseitige Empathie, Achtsamkeit, Respekt und Fürsorge an der Tagesordnung sind. Geschwollen sprechen sie sich Mut zu, entschuldigen sich wortreich für Kleinigkeiten und entladen ihre positive Energie in wiederkehrenden rituellen Kurztänzen. Mit feinem Sinn für jede mimische und gestische Regung formt Regisseurin Ulrike Müller eine homogene, dynamische und wache Gemeinschaft, die sich stets einig ist und immer strebend sich bemüht, denn „Nichts ist so gut, dass es nicht noch besser werden könnte“. Der Reigen könnte langweilig werden wie jede Utopie, der die Misstöne fehlen. Seien es Engel im Himmel oder Astronauten in einem Raumschiff, Arbeiter, Bauern und Intellektuelle auf einem sozialistischen Gemälde, eine Therapiegruppe oder ein Team in einem Trainee-Programm – die Gehirnwäsche scheint vollkommen.

Szene aus „Homo empathicus“ von Rebekka Kricheldorf. Quelle: Thomas M. Jauk

Videoeinspieler mit kurzen Statements der Schauspielstudenten, die sich zu den großen Fragen des Lebens äußern, verleihen dem Abend jedoch auch noch eine zeitgenössische Dimension. Jan Lehmann (Bühne und Video) entdeckt dem Zuschauer eine Generation, die mit großem Ernst bei der Sache ist. Als gebe es keine Spaßgesellschaft. Der Besucher notiert diese Inszenierung gern in sein „Dankbarkeitstagebuch“, von dem in dem Text manchmal die Rede ist.

Nächste Aufführungen: 30. Okt. 19.30 Uhr, 8. Nov. 18 Uhr, 21. Nov. 19.30 Uhr. Reithalle Hans-Otto-Theater. Karten unter 0331/2840 284.

Von Karim Saab

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