Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Tatort-Star feiert umjubeltes Theater-Comeback
Nachrichten Kultur Tatort-Star feiert umjubeltes Theater-Comeback
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:08 18.12.2016
Jörg Hartmann Quelle: Schaubühne
Anzeige
Berlin

Professor Bernhardi ist zum Erbrechen zumute. Ihm wurde gerade ein Deal eingeflüstert, scheinheilige Argumente sollten ihn überzeugen, einen Spitzenposten in seiner Klinik an einen Katholiken zu vergeben – und nicht an eine Jüdin. So könne er, der selbst Jude ist, beweisen, dass er nicht antikatholisch sei. Bernhardi aber verachtet derlei Geschacher. Nachdem sein Widersacher den Raum verlässt, schüttelt sich der Klinikleiter, als habe er ein faules Ei verschluckt. Ihm entfährt ein Geräusch des Ekelns, ein „böaah“. Dann desinfiziert er seine Hände, als habe die Intrige durch bloßes Zuhören seinen Leib beschmutzt.

Die körperlichen Auftritte von Jörg Hartmann bleiben im Kopf

Anzeige

Keinem ist schöner zum Kotzen zumute als Jörg Hartmann. Wenn der Potsdamer Schauspieler in seinen Rollen mit der Ironie am Ende ist, wird’s körperlich. Unvergessen, wie er als Hauptkommissar Faber im „Tatort“ ein Waschbecken zertrümmerte. Sein „Professor Bernhardi“, der am Samstag an der Berliner Schaubühne Premiere feierte, ist aber keiner, der wild um sich schlägt. Etwas Handhygiene als Mittel zum Frustabbau, das muss reichen.

Die Hauptrolle in dem von Thomas Ostermeier inszenierten Arthur-Schnitzler-Stück bedeutet eine Zäsur in Hartmanns Karriere. Nach fast zehn Jahren, in denen er keine neuen Theaterrollen mehr gespielt hat und ihm der TV-Durchbruch mit „Weißensee“ und dem „Tatort“ gelang, kehrt er ins Ensemble der Schaubühne zurück. Sonst auf vermeintliche Kotzbrocken abonniert, denen er Menschliches verleiht, knöpft sich Hartmann in „Professor Bernhardi“ die Heldenhaftigkeit der Hauptfigur vor.

Der Schaubühnen-Intendant verlässt sich in der Inszenierung aufs Wort

In dem 1912 uraufgeführten Stück geht es um Bernhardis Umgang mit einer jungen Patientin, die an einer Infektion stirbt. Der Tod ist nicht aufzuhalten, die Frau aber weiß nichts davon, fühlt sich eigentlich gut. Bernhardi will ihre Euphorie bewahren. Er hindert einen katholischen Priester am letzten Besuch, weil er ihr den nahenden Tod offenbaren würde. Bernhardis Gegner – und selbst ein paar Freunde – versuchen vom Tabubruch ihres Chefs zu profitieren. Antisemitismus schleicht sich in die Debatte, Bernhardi verliert - was ihm am wichtigsten ist – seinen Beruf und geht ins Gefängnis.

Schaubühnen-Intendant Ostermeier verlässt sich in der Inszenierung ganz aufs Wort. Fast drei Stunden duellieren sich der charakterfeste Klinikleiter und seine medizinisch mittelmäßigen Widersacher. Hartmann, der sich privat gern über gesichtslose Neubauten in seiner Potsdamer Wahlheimat echauffiert, steht in einer sterilen Klinikszenerie. Für optischen Kontrast sorgt allein eine Wandmalerin, die parallel zur Handlung wie in einem Skizzenheft Detailangaben aufzeichnet. An der Wand hängen keine Bilder, da steht „Photografien an den Wänden“.

Herausragender Theaterabend dank des Hauptdarstellers

Pünktlich zur Debatte über die postfaktische Ära, in der gefühlte Fakten mehr zählen als wirkliche Tatsachen, ist uns „Professor Bernhardi“ in der Textfassung von Florian Borchmeyer erstaunlich nah. Es ist die Rede von einer Partei von „Populisten“, die ihren Juden- und Intellektuellenhass auf den erfolgreichen Arzt projizieren. Die Ausreden der karrieregeilen Klinikkollegen erinnern an die Ich-habe-ja-nichts-gegen-Ausländer-aber-Rhetorik einiger AfD-Mitläufer. „Gegenüber anständigen Juden gibt es keinen Antisemitismus“, heißt es.

Zum herausragenden Theaterabend entwickelt sich das Stück durch seinen Hauptdarsteller. Hartmann ist ein Meister der Differenzierung. Mit Kleinigkeiten verleiht er seinem Charakter Risse. Politischen Debatten entzieht sich Bernhardi, in dem er der Qualität des frisch entkorkten Weins huldigt. Seine Eitelkeit kennt kaum Grenzen, die Annahme des Mediziners, politische Debatten dem Rest des Volkes zu überlassen, fällt ihm wie ein Klotz auf die Füße. Ein Ministerialbeamter kontert den eitlen Arzt, der sich als moralischer Sieger wähnt, mit markigen Sätzen aus. Wer von morgens an immer nur das Richtige täte, säße noch vorm Abendbrot im Gefängnis, sagt er. Hartmanns Blick entleert sich, er schüttelt nur noch mit dem Kopf – es ist, als könne man der Selbstgewissheit des Professors beim Verschwinden zuschauen. Lauter und langer Applaus.

Von Maurice Wojach

Kultur Warum schwindeln in Ordnung ist - Die Lüge vom Weihnachtsmann
17.12.2016
17.12.2016
16.12.2016