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Kultur Timm Thaler: Eine typisch deutsche Geschichte
Nachrichten Kultur Timm Thaler: Eine typisch deutsche Geschichte
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09:17 27.01.2017
Bjarne Mädel (48) spielt den Vater von Timm Thaler (Arved Friese).
Bjarne Mädel (48) spielt den Vater von Timm Thaler (Arved Friese). Quelle: Verleih
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Potsdam

Mit der Verfilmung des Kinderbuchs von James Krüss hat sich Andreas Dresen (53) einen Herzenswunsch erfüllt. Der Regisseur und sein Hauptdarsteller Justus von Dohnányi über den Kinderfilm „Timm Thaler oder das verkaufte Lachen“. Premiere ist am 29. Januar im Filmpalast, Kinostart ist am 2. Februar.

1979 war die TV-Serie „Timm Thaler“ mit Thomas Ohrner fast ein Straßenfeger. Haben Sie die Fernsehserie auch gesehen?

Andreas Dresen: Nein, die ist komplett an mir vorbei gegangen. Ich lebte damals in Schwerin und wir haben viel Westfernsehen geschaut. Vermutlich war ich mit 16, 17 Jahren einfach schon zu alt dafür. Ich habe sie mir sehr viel später angesehen.

Justus von Dohnányi: Ich kenne weder die Serie noch das Buch von James Krüss. Ich bin kein großer Leser gewesen damals in dem Alter. Ich habe mehr Fußball gespielt und war viel im Wald unterwegs.

Dresen: Das Buch habe ich verschlungen als ich neun oder zehn Jahre alt war. Ich hatte eine kleine, billig gedruckte Taschenbuchausgabe, die ich mehrmals gelesen habe. Sie war am Ende ganz zerfleddert. Damals habe ich immer schon gedacht, dass diese Geschichte toll fürs Kino wäre. Und ich habe mich gewundert, dass sie nicht verfilmt wurde. Natürlich hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich das mal selbst tun darf.

Was ist denn so faszinierend an „Timm Thaler“?

Dresen: Es ist eine deutsche Geschichte – Goethes „Faust“ und Chamissos „Peter Schlemihl“! Und hier geht ein Kind einen Pakt mit dem Teufel ein, was noch einmal etwas ganz Besonderes ist. Außerdem ist „Timm Thaler“ eine spannende Abenteuergeschichte, eine Geschichte über Freundschaft verbunden mit einer gehörigen Portion Sozialkritik, die James Krüss nicht ohne Grund hineingepackt hat. Er kam ja gerade aus den Wirtschaftswunderjahren...

Vermutlich war das Buch aus diesem Grund in der DDR nicht verboten ...

Dresen: Ja, alles, was kapitalismuskritisch war, wurde natürlich gern genommen und veröffentlicht.

Bereiten Sie sich auf einen Märchenfilm mit Kindern anders vor als auf andere Filme?

Dresen: Viele logistische Fragen sind zu beantworten, wenn Kinder mitspielen und daher ist der Drehplan sehr ausgetüftelt. Wir hatten für Arved Friese, der Timm Thaler spielt, auch ein Double, den wir natürlich nur von hinten zeigen konnten. Das macht man, um den Hauptdarsteller zu entlasten und um Dreharbeiten möglich zu machen, auch wenn er schon den Drehort verlassen muss. Ansonsten erzählt man auch einen Märchenfilm genauso seriös wie andere Filme. Kinder sind schließlich ein anspruchsvolles Publikum.

Von Dohnányi: Für mich als Schauspieler macht es eigentlich keinen Unterschied. Man sollte sattelfest sein und offen für jegliche Anweisungen, die da noch kommen, damit man nicht nur eine Schmalspur im Kopf hat.

Dresen: Justus kam super vorbereitet und mit dem komplett gelernten Drehbuch am Set an, was mich wirklich fasziniert hat. Ich konnte eine beliebige Stelle antippen, auch eine Szene, die wir nicht am Tag gedreht haben, und er konnte den gesamten Text. Ich habe auch Harald Schmidt bewundert, der sehr kurzfristig seinen Text bekam. Seitenweise Moderationen von Pferderennen mit Namen und Nummern, die man sich eigentlich unmöglich merken konnte, hat er routiniert abgeliefert. Er hat ein fotografisches Gedächtnis, das ist sehr beeindruckend.

Justus von Dohnányi spielt die vielschichtige Rolle des Barons Lefuet. Welche Regieanweisungen gibt man dem Teufel?

Dresen: Ich wollte einen Teufel, der nicht nur böse ist, nicht nur mit einem eingefrorenen Gesicht durch die Gegend läuft, sondern der auf verzweifelte Art versucht, geliebt zu werden. Damit spiegelt er eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Er ist eine ambivalente Figur, die einem auch ein bisschen Leid tun kann.

Von Dohnányi: Mir gefiel der subversive Humor bei dieser Figur besonders. Und ich konnte so viele tolle Kostüme tragen, das war fast wie eine Modenschau.

Herr von Dohnányi, Sie sind auch Regisseur. Halten Sie sich am Set zurück oder machen Sie auch Vorschläge?

Von Dohnányi: Klar, wenn ich eine Idee habe, bringe ich sie ein. Aber das ist doch der normale Weg. Man spielt etwas vor, zeigt, was man sich gedacht hat und der Regisseur guckt sich das an und sagt, ob es passt und ihm gefällt.

Dresen:Und ich freu mich natürlich über jede Idee, die eingebracht wird.

Von Dohnányi:Da ist auch jeder Regisseur anders. Es gibt welche, die alles genau vorgeben, vor allem am Theater.

Dresen:Ja, ich kenne Kollegen, die wie Diktatoren auftreten und trotzdem keine schlechten Filme machen, das muss man ehrlicherweise dazu sagen. Viele Wege sind möglich. Für mich ist ein gemeinsames Arbeiten sehr schön, da fühle ich mich am wohlsten.

Herr Dresen, im Abspann danken Sie dem 2011 verstorbenen Produzenten Bernd Eichinger. Warum?

Dresen: Ich habe Anfang der 2000er Jahre mit ihm und einer Autorin ein Projekt entwickelt, aus dem dann nichts wurde. So etwas kommt vor. Wir haben dann mit einem Bier die Sache begraben und in diesem Gespräch hat er mich gefragt: Was würdest du gerne machen? Eine Frage, die Produzenten viel zu selten stellen. Und ich sagte, dass ich gerne einmal für Kinder arbeiten würde und ich mich wundere, dass „Timm Thaler“ noch nie fürs Kino verfilmt worden ist. Und da sagte Bernd Eichinger, für dieses Buch hat Constantin die Rechte. So kam ich mit diesem Projekt zur Constantin, Bernd Eichinger hat mich reingebracht.

Und doch hat die Realisierung so lange gedauert.

Dresen: Ja, das war ein Langzeitprojekt. Es ist ein teurer Film und nicht im Bereich meiner üblichen Möglichkeiten, ich bin ja mehr im Arthouse-Independent-Bereich unterwegs. Aber „Timm Thaler“ lässt sich nur in einer bestimmten Größenordnung realisieren.

Von Dohnányi: Ja, als ich das Buch las, habe ich auch gedacht, was kommt denn da jetzt auf uns zu? Das lässt sich ja unmöglich alles auf die Leinwand bringen.

Dresen: Stimmt. Eine Weltreise, wie sie James Krüss im Buch beschreibt, fiel bei uns natürlich weg. Aber unserem Drehbuchautor Alexander Adolph ist es gelungen, die große Welt in eine kleine Welt zu übersetzen. Es gibt die Armengasse, in der Timm Thaler wohnt, das Luxus-Hotel als Sehnsuchtsort und dazwischen die Pferderennbahn, wo ein armer Mann zum reichen Mann werden kann. Und über allem thront die Machtzentrale des Barons.

Haben Sie eng mit Alexander Adolph zusammengearbeitet?

Dresen: Wir haben die ganze Zeit miteinander geredet, uns immer wieder getroffen. Entscheidend war, dass wir den gleichen Ansatz hatten: Ein klassisches Märchen zu erzählen und es nicht in die Gegenwart zu holen und zu modernisieren. Wir wollten die Geschichte in den 20er Jahren belassen, ohne uns historisch auf dieses Jahrzehnt festzulegen. Mehr als dreieinhalb Jahre haben wir das Buch entwickelt.

Von Dohnányi: Ich fand es sehr bemerkenswert, dass der Drehbuchautor bei den Leseproben mit den Schauspielern dabei war. Das habe ich noch nicht oft erlebt.

Dresen: Der Autor ist für mich ein Partner und kein Dienstleister, dafür ist seine Arbeit auch viel zu wichtig. Leider wird sie häufig unterschätzt.

Viele Szenen des Films spielen auf der Galopprennbahn. Man sieht Menschen am Wettschalter, auch Timms Vater gibt sich der Spielleidenschaft hin. Wie ist es bei Ihnen?

Von Dohnányi: Da besteht bei mir keine Gefahr. Ich war in Hamburg einmal auf einer Trapprennbahn, weil meine Tochter unbedingt hingehen wollte. Und ein zweites Mal war ich mit Andreas in Hoppegarten, einer sehr schönen Anlage mit sagenhafter Atmosphäre.

Dresen: Ich bin kein Glückskind, gewonnen habe ich noch nie. Als ich zum ersten Mal gewettet habe, wurde mein Pferd noch vor dem Start disqualifiziert.

Und diese Frage muss am Ende noch sein: Über was können Sie am meisten lachen?

Dresen: Wenn Menschen denken, sie haben diese Welt im Griff und dann an einer Drehtür scheitern.

Von Dohnányi: Über die alltäglichen Unzulänglichkeiten  und verzweifelten Versuche von uns allen, unser Leben zu meistern. Der Alltag schreibt die groteskesten Geschichten.

Von Claudia Palma

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