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Kultur Weltweite Umfrage: Was wollen Choreografen überhaupt ausdrücken?
Nachrichten Kultur Weltweite Umfrage: Was wollen Choreografen überhaupt ausdrücken?
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01:15 20.05.2019
Das sieht man nicht alle Tage: „Der Garten der Lüste“, eine Produktion der Compagnie Marie Chouinard eröffnete im die letzten Potsdamer Tanztage. Quelle: proma
Potsdam

Bei den Potsdamer Tanztagen werden noch bis zum 26. Mai 2019 insgesamt 14 Produktionen aus aller Welt gezeigt.

Shanti Vera, Chiapas (Mexiko)

Der mexikanische Choreograf Shanti Vera. Quelle: Paulina Cervantes

Welchen Stellenwert besitzt der Tanz in Ihrem Land?

Shanti Vera: Mexiko tanzt jeden Tag an allen Orten; es tanzt in den Riten, es tanzt in den politischen Parteien und es tanzt auch mit großer Dringlichkeit und Verzweiflung, das heißt, es tanzt aus Protest. Zusammenfassend gesagt: In Mexiko ist der Tanz Ritus, Party und Widerstand.

Unter welchen Bedingungen arbeiten Sie in Ihrer Heimat?

Ich bin ich freiberuflich tätig. Für mich ist das mehr als ein Status. Ich nehme diesen Zustand sehr intensiv wahr, betrachte ihn als eine Möglichkeit, meine Praxis ständig neu zu erfinden. Stets suche ich nach Räumen, die auch im Abseits liegen können, um zu arbeiten, Räume, die mir viel Zeit zum Forschen, Studieren und Spielen ermöglichen – das sind für mich übrigens Wörter, die die gleiche Bedeutung haben.

Was möchten Sie mit Ihrem Tanzstück bewirken?

Ich möchte meinen Körper erleben, wie er mir selbst begegnet, den anderen und der Welt. Meine Produktion heißt El Cuerpo Vacío (Der leere Körper). Sie stellt den Körper als absolutes Thema in eine Welt voller Vernunft, in eine Welt, in der der Körper zerlegt und nur für Überflüssiges und Nützliches benutzt wird. Sie verteidigt den Körper als sensibles, reflexfreudiges und wissendes Gebilde. Die Verteidigung des Körpers zielt darauf ab, die Welt zu erweitern.

Hat Sie das Bauhaus stilistisch beeinflusst?

Auf jeden Fall. Vor allem Wassily Kandinsky hat mich beeinflusst. Seit vielen Jahren habe ich mich von seiner Art inspirieren lassen, Räume aus dem Wesentlichen heraus zu komponieren und Spannung herzustellen. Sein Werk „Punkt und Linie zu Fläche“ lag jahrelang auf meinem Nachttisch. Er hat mir die Augen für die reine Form geöffnet. Für das Wesentliche, für Striche, Flüsse, Punkte, Farben, Linien.

Was erhoffen Sie sich von Ihrem Auftritt in Potsdam?

Eine erste Begegnung.

El Cuerpo Vacío (Der leere Körper). Europapremiere. 21. Mai, 20 Uhr. 22. Mai, 21 Uhr. T-Werk, Schiffbauergasse, Potsdam.

Eun-Me Ahn, Seoul (Südkorea)

Die koreanische Choreografin Eun-Me Ahn. Quelle: PROMO

Welchen Stellenwert besitzt der Tanz heute in Ihrem Land?

Eun-Me Ahn: In der Vergangenheit haben wir gesungen und das Tanzen war ein wichtiger Teil des täglichen Lebens. Eine Möglichkeit, sich zusammenzufinden und einer harten Realität zu entkommen, Glück ins Leben zu bringen, besonders nach dem Korea-Krieg. Heute ist es immer noch wichtig, aber es gibt mehr Sparten: K-Pop-Tanz, traditioneller Tanz, Ballett, Street Dance oder zeitgenössischer Tanz. Die Art und Weise, wie man sich dem Tanz nähert, ist stärker segmentiert.

Unter welchen Bedingungen arbeiten Sie in Ihrer Heimat?

Meine Arbeitsbedingungen sind ziemlich gut und ich habe mein eigenes Studio in Seoul und leite seit 30 Jahren eine unabhängige Kompanie. Aber es ist nicht leicht, in Korea im zeitgenössischen Tanz zu leben, da es nicht allzu viele Auftrittsmöglichkeiten gibt. Andererseits: Weil ich mit dem Überleben zu kämpfen hatte und finanziell immer am Rande war, musste ich kreativ sein und Energie entwickeln, um weiterzuarbeiten. Hoffentlich bin ich jetzt ein wenig berühmt geworden, und ich kann auf die Unterstützung öffentlicher Institutionen, von Fans und von wunderbaren Menschen zählen, die mit mir arbeiten.

Was möchten Sie mit Ihrem Tanzstück bewirken?

Die Rolle eines Künstlers besteht darin, einen neuen Blickwinkel, eine neue Wahrnehmung für ein bestimmtes Thema in der Gesellschaft zu entdecken. Tanz ist dafür ein fantastisches Medium: Man kann Dinge ohne Worte ausdrücken und manchmal sagt Bewegung viel mehr aus. Ich bin koreanisch, aber ich kann mich an Deutsche wenden und etwas mit ihnen teilen, ohne Sprachbarriere. Ein Tanzstück lässt Menschen nachdenken und Stellung beziehen. Wenn jeder Zuschauer mit neuen Ideen über die Gesellschaft und wie man sie verbessern kann, die Vorstellung verlässt, dann können wir die Welt nach und nach besser machen.

Deutschland feiert in diesem Jahr 100 Jahre Bauhaus. Hat Sie das Bauhaus stilistisch beeinflusst?

Ich glaube nicht, dass es einen direkten Einfluss auf meine Arbeit hat. Es war eine sehr wichtige kulturelle Bewegung, die einige neue ästhetische Standards definiert und die Welt beeinflusst hat. Als Künstler kann man etwas mehr oder weniger bewusst berücksichtigen. Alles wird Teil eines kulturellen Hintergrunds, aus dem man seine eigene Sprache entwickelt.

Was erhoffen Sie sich von Ihrem Auftritt in Potsdam?

Ich bin sehr glücklich, bei einem so schönen Festival aufzutreten. Ich fühle eine große Verbundenheit mit dem deutschen Publikum und hoffe, dass sich die Menschen nach dem Anschauen dieses Stückes ein wenig anders fühlen und neue Energie finden.

Let Me Change Your Name. 24. Mai, 19.30 Uhr, Nikolaisaal, Potsdam.

Lia Rodrigues, Maré / Rio de Janeiro (Brasilien)

Die brasilianische Choreografin Lia Rodrigues. Quelle: Sammi Landweer

Welchen Stellenwert besitzt der Tanz heute in Ihrem Land?

Lia Rodrigues: Brasilien ist ein riesiges Land mit vielen Erscheinungsformen von Tanz aller Art. Auch der Sinn des Tanzes ist vielfältig. In diesem Reichtum liegt die wahre Schönheit dieser Kunst. Das Wichtigste ist, die Freiheit zu empfinden und sich zu entscheiden, wie man sich ausdrückt und schöpferisch wird.

Unter welchen Bedingungen arbeiten Sie in Ihrer Heimat?

Wir brasilianischen Künstler können mit keiner staatlichen Unterstützung für unsere Aktivitäten rechnen. Gerade die neue Regierung des Faschisten Jair Bolsonaro gibt uns gar kein Geld. Unsere Investition ist Widerstand. Als Künstler versuchte ich, mit Vorschlägen, Initiativen und Aktionen zu reagieren. Seit 2004 entwickele ich verschiedene Projekte in der Favela von Maré, einer der größten und gewalttätigsten Favelas von Rio de Janeiro. Als ich mich entschied, meine Tanzgruppe in einer Favela zu gründen, war mir bewusst, dass wir mit Verhältnissen konfrontiert sind, die sich aus der wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheit ergeben. Mir geht es als Künstler nicht in erster Linie darum, Kunstwerke zu schaffen, ich möchte ein Territorium und Überlebensbedingungen entwickeln. Das ist die Grundlage für das Gedeihen von Kunst. Meine Kunst kann ich nicht von Maré trennen, das ist mein Platz in der Welt.

Was möchten Sie mit Ihrem Tanzstück bewirken?

Für mich ist es nicht die Rolle der Kunst, die Welt zu verbessern. Vielleicht möchte ich Reflexion anregen, Räume für Diskussionen fördern und intellektuelle und emotionale Begegnungen stiften.

Hat Sie das Bauhaus stilistisch beeinflusst?

Ich finde es interessanter, darüber nachzudenken, wie wir in der Gegenwart mit den Ideen des Bauhauses umgehen. In der Krise brauchen wir neue Denk- und Lösungsansätze, neue Weltsichten. Kunst und Design können helfen, das tägliche Leben der Menschen zu verbessern. Wir sollten die Rolle der Kunst in ihrem sozialen Kontext reflektieren und ihre pädagogisches Potenzial ernst nehmen.

Was erhoffen Sie sich von Ihrem Auftritt in Potsdam?

Ich habe großen Respekt vor der Arbeit der Fabrik, mit der ich seit 2001 partnerschaftlich verbunden bin und zusammenarbeite. Obwohl wir in sehr unterschiedlichen Realitäten leben, gibt es viele Gemeinsamkeiten. Die Fabrik Potsdam hat mich für die Gründung des Arts Center in Favela Maré inspiriert. Es ist eine Freude, meine Arbeit hier zu zeigen, zumal das Publikum unsere Entwicklung schon seit vielen Jahren verfolgt.

Formas Breves. Eine imaginäre Begegnung zwischen Oskar Schlemmer und Italo Calvino. Performance mit elf Tänzern. 15. Mai, 19.30 Uhr und 16 Mai, 20.45 Uhr. fabrik Schiffbauergasse, Potsdam.

Thomas Hauert, Brüssel (Belgien)

Der Schweizer Choreograf Thomas Hauert arbeitet in Brüssel. Quelle: Dominique Libert

Welchen Stellenwert besitzt der Tanz in Belgien?

Thomas Hauert: Der moderne Tanz genießt in Belgien hohes Ansehen und breite Unterstützung. Damit steht Belgien ziemlich einzigartig da. Die Grundlage dafür schuf der Franzose Maurice Béjart (1927–2007), der in den 1960er und 70er Jahren erst als Tänzer, dann als Choreograph in Brüssel wirkte und die Schule Mudra gründete. Daraus entwickelte sich eine dynamische und attraktive Tanzkultur, weshalb es auch mich nach Brüssel verschlagen hat.

Unter welchen Bedingungen arbeiten Sie in Ihrer Heimat?

Meine Dance Company kann sich nicht beklagen. Das heißt nicht, dass wir keine offenen Wünsche mehr hätten. Aber verglichen mit anderen Orten in der Welt geht es uns gut. In Belgien bekommt der zeitgenössische Tanz beachtliche Subventionen von der öffentlichen Hand. Das gilt sowohl für die wallonische wie für die flämische Region, die sich unabhängig voneinander entwickeln. Das Publikum zieht schon seit Jahrzehnten gut mit. Es gibt die unterschiedlichsten Ausprägungen von Tanz, nicht nur ein oder zwei Schulen.

Was möchten Sie mit Ihrem Tanzstück bewirken?

Natürlich wäre es schön, die Welt zu verbessern. Ich stecke seit Jahrzehnten alle Energie und Leidenschaft in die Arbeit. Meine Kunst soll nicht wie Wasser vom Publikum abtropfen. Ich mache mir aber auch keine Illusionen, denn ich weiß, wie kompliziert die Welt ist. Natürlich möchte ich die Sensibilität des Publikums schärfen, neue Gefühle und Ideen stimulieren. Unsere Gesellschaft hat kein einfaches Verhältnis zum Körper, da kann der Tanz etwas in Gang bringen, Türen und Augen öffnen. Ich möchte Mut machen, selber mit dem Körper zu experimentieren und die Welt mehr mit dem Körper zu erleben und zu verstehen.

Hat Sie das Bauhaus stilistisch beeinflusst?

Das wird mir des Öfteren bescheinigt. Das Bauhaus schwingt bei mir sicher mit. Ich habe schon während meines Studiums in Rotterdam das Triadische Ballett von Oskar Schlemmer gesehen. Natürlich habe ich auch viel gelesen und Ausstellungen besucht. Aber daraus habe ich keine konkreten Schlüsse gezogen. Das hat mich alles unterbewusst beeinflusst.

Was erhoffen Sie sich von Ihrem Auftritt in Potsdam?

Für uns sind das zwei Vorstellungen von vielen. Nach einem Gastspiel in Metz in Frankreich hatten wir ein paar Wochen Pause. Um die Form zu halten, haben wir uns gut vorbereitet. Aber das ist unser Job. Zehn Tage später gastieren wir dann mit einem anderen Stück in Zypern.

„How to Proceed“. Deutschlandpremiere. ZOO/Thomas Hauert. 17. Mai, 20 Uhr. 18. Mai, 19.30 Uhr. Fabrik, Schiffbauergasse, Potsdam.

Jonas Lopes und Lander Patrick, Lissabon (Portugal)

Das portugisische Choreografen-Duo Jonas & Lander. Quelle: promo

Welchen Stellenwert besitzt der Tanz in Ihrer Heimat?

Jonas & Lander: Was für eine breite Frage! Nun, in unserem Land ist der Tanz immer noch eine Manifestation, die bei Menschen und Tieren zu finden ist, in der sie kommunizieren, flirten und manchmal auch schwitzen. Der zeitgenössische Tanz ist ein armer Verwandter anderer Kunstformen wie Theater, Kino, Musik und bildende Kunst. Aber der Tanz wird in unserem Land sehr geschätzt, weil er eine Domäne ist, in der es sichtbar wird, wenn Künstler Risiken eingehen und neue Möglichkeiten des Ausdrucks eröffnen.

Unter welchen Bedingungen arbeiten Sie in Ihrer Heimat?

Glücklicherweise haben wir die notwendige Unterstützung erhalten, damit wir unseren Weg mit Freude weitergehen können. Unsere Produktion „Lento e Largo“ ist innerhalb eines zweijährigen Förderprogramms entstanden, an dem neun Institutionen beteiligt sind. Diese Unterstützung war fundamental, weil sie es uns ermöglicht hat, Wünsche umzusetzen, die mehr Struktur erfordern.

Was möchten Sie mit Ihrem Tanzstück bewirken?

In Portugal haben wir den Ausdruck „Tirar o tapete“, das heißt in etwa „den Teppich hochnehmen“. Wir fanden Ihre zweite Frage lustig, weil sie ein altruistisches Bedürfnis oder eine zu erfüllende Mission impliziert. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir das auch für uns selbst tun. Wir würden also sagen, dass wir egoistische wie auch uneigennützige Zwecke finden können: Wir wollen den Teppich unter den Füßen des Publikums wegziehen, indem wir auf gemeinsame Zeichen und ihre Darstellungen anspielen und auch Bedeutungssysteme untergraben. Aber wir ziehen uns auch selbst den Teppich unter unseren Füßen weg, indem wir öffentlich einen Diskurs anregen, der sich vielleicht auch gegen uns wendet, bei dem wir Angst und Freude empfinden, ein wenig wie beim Fallschirmspringen…

Hat Sie das Bauhaus stilistisch beeinflusst?

Es hat unseren persönlichen Stil, etwa wie wir uns täglich kleiden (kleiner Scherz), nicht beeinflusst. Aber vor allem das Triadische Ballett von Oskar Schlemmer ist Teil der Konstruktion unserer künstlerischen Identität. Ob sichtbar oder nicht, seine Arbeit hat uns stark beeinflusst und war viele Jahre lang unser Leuchtturm.

Was erhoffen Sie sich von Ihrem Auftritt in Potsdam?

Es wird unser erster Auftritt in Potsdam sein, wir sehr gespannt. Wir erwarten, dass wir nichts erwarten. Und sind gespannt auf die Erfahrung.

Lento e Largo. Jonas & Lander. Deutschlandpremiere. 23. Mai, 19 Uhr und 24. Mai, 21 Uhr. Waschhaus Arena, Schiffbauergasse, Potsdam.

Von Karim Saab

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