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Nachrichten Kultur Eine Reise ins Ich des Wutbürgers
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14:40 09.12.2018
Die Ensemble-Schauspieler Ulrike Beerbaum, Philipp Mauritz, Marie-Therése Fischer, Kristin Muthwill, Andreas Spaniol, Mascha Schneider und Moritz von Treuenfels spielen alle gemeinsam einen monologisierenden Wutbürger. Quelle: Thomas M. Jauk/Stage Picture
Potsdam

Mit „Personen: 1 Mann oder viele“, schreibt Sibylle Berg als Anweisung über ihren Theatermonolog „Viel gut essen“. Mit Schauspielern hält man es offenbar wie mit Blumen. Der Schenkende, in diesem Fall das Potsdamer Hans-Otto-Theater, wählt in der Regel eine ungerade Zahl. Auf der Reithallen-Bühne steht mehr als ein Mann, es sind nicht drei oder fünf Akteure, es sind sieben. Für diese Großzügigkeit bedankt sich das Publikum bei der Premiere am Samstagabend mit einem kräftigen Schlussapplaus. In den mischt sich dann auch Bühnenbildner Harm Naaijer und trägt ein Shirt mit der Aufschrift „Meer Theater“.

Die Schauspieler teilen sich eine Rolle

Sieben Schauspieler teilen sich also einen Text, den sie manchmal auch chorisch sprechen. Das war genauso bei der letzten Ensemblepremiere an gleicher Stelle. Die sehenswerte Inszenierung von „paradies spielen (abendland. ein abgesang)“ richtete sich ebenfalls mit einem starken Furor gegen die Auswüchse einer neoliberalen Welt. Doch während der österreichische Dramatiker Thomas Köck hypnotische Textflächen herstellt, mag es die Kolumnistin und Romanautorin Sibylle Berg realistisch-konkret.

Ziemlich am Anfang sagt ihre männliche Hauptfigur auch ausdrücklich: „Ich habe es gern konkret. Ich bin gerne IT-Mitarbeiter. Ich halte mich gerne im Wettbewerb auf. Ich komme gerne nach Hause. Der Geruch nach Kind und Frau, nach Essen und Reinigungsmitteln waren mir immer Signal für Entspannung.“

Lieblingslied: „The Final Countdown“

Doch das gesprochene Wort weicht in dieser Aufführung mitunter vom Skript ab. An dieser Stelle fällt auch der Satz „Ich habe gerne Teamarbeit“. Für das Team der Schauspieler auf der Bühne gilt dieses Bekenntnis. Sie demonstrieren ein komplexes Einvernehmen, agieren in Tempo, Artikulation und Gestik fein temperiert und abgestimmt. Moritz von Treuenfels darf kurz auch einmal schreien. Dann aber sitzt er wieder am Konzertflügel und alle singen mit viel Ausdruck „The Final Countdown“ von Europe (erklärtermaßen das Lieblingslied des Erzählers) oder auch „Heute beginnt der Rest Deines Lebens“ von Udo Jürgens.

Gehobener Business-Look in der Küche

Die vier Frauen und drei Männer tragen alle schwarze Brillengestelle, wie sie derzeit Mode sind. Die Frauen treten in figurbetonten Röcken und hochhackigen Schuhen auf. Das Design ihrer roten Lackledergürtel ist differenziert. Die Männer haben einen Schlips oder eine Fliege angelegt.

Zur Spielsituation stellt der gehobene Business-Look einen Bruch her, denn der Mittvierziger steht zu Hause in seiner Küche und kocht. Einmal bindet sich Philipp Mauritz ein Geschirrhandtuch um. Sieben rote Küchenelemente wurden zu einer schicken Küchenzeile aufgefahren. Während ein Topf mit Wasser brodelt und Möhren zerkleinert werden, redet sich die Ich-Figur den Lebensfrust von der Seele.

Empörung auf großer Bühne

Seine Mutter brannte mit einem schwarzen Asylanten durch, der schweigsame Vater wurde Alkoholiker. Er wollte mit seiner Kleinfamilie alles besser machen. Doch seine Frau liebt ihn nicht mehr und ist mit dem Sohn ausgezogen. In der Firma wird er nicht befördert, sondern bekommt Frau Hüdüczü, eine junge Türkin, als Chefin vor die Nase gesetzt. Er läuft Sturm und wird entlassen und fürchtet, dass seine Mietwohnung einem Asylantenheim weichen muss.

„Jeder Asylant hat hier mehr Rechte als ich“, empört er sich im Chor schreien alle „Steht auf Ihr Bürger, es ist Krieg!“. Und der Mann droht: „Wir empören uns. Wir werden viele. Wir müssen zusammenhalten, eine Armee formen. Darum sind wir hier. Die Mobilmachung des gesunden Menschenverstands. Wir sind das Volk. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“

Stück war seiner Zeit voraus

Das Stück wurde am 17. Oktober 2014 in Köln uraufgeführt. Eine Woche später fand in Dresden die erste Pegida-Demo statt. Die zeitgeschichtliche Entwicklung hat diesem Wutbürger seither recht gegeben. 2017 gehörte er sicher zu den AFD-Wählern, die 94 Abgeordnete in den Bundestag entsenden konnten. Diese Partei argumentiert heute offen völkisch und fordert von den Theatern in der Bundesrepublik, dass sie sich an ein Neutralitätsgebot halten. Das Hans-Otto-Theater hält sich in diesem Falle daran: Die Gedanken eines Wutbürgers werden nicht explizit gewertet – der Zuschauer soll sich selbst ein Urteil bilden.

Man kann der Potsdamer AFD-Ortsgruppe durchaus raten, sich die Inszenierung einmal anzuschauen. Die Hauptfigur wird nicht denunziert und Zuschauer nicht bevormundet. Brüllend komisch wird es jedenfalls nie. Und die meisten Besucher werden für das Schicksal und die Argumente des Zu-kurz-Gekommenen Verständnis entwickeln, obwohl ja eigentlich nur Klischees bedient werden.

Potsdam mit islamischer Note

Regisseur Marc Becker lässt die Schauspieler stets sehr frontal zum Publikum agieren und ihre Worte gestisch unterstreichen. Irgendwann donnert es drei Mal und die drei Türen, in denen sich bisher nur das bedrohliche Dunkel des Draußen zeigte, eröffnen einen Ausblick auf ein islamisiertes Potsdam. Durch ein orientalisch anmutendes schmiedeeisernes Gitter ist der Alte Markt mit der Nikolaikirche zu sehen. Der eine wird darin eine dekorative Bereicherung erkennen, der andere eine reale Gefahr.

Info Nächste Aufführungen: 13. und 21. Dez., 12. und 26. Jan., 19.30 Uhr. Reithalle Hans-Otto-Theater, Schiffbauergasse Potsdam. Karten unter 0331/9811-900

Von Karim Saab

Es ist Zeit. Zeit der Erkenntnis: Ahadventszeit. Zeit für Listen. To-do-Listen. To-go-Listen, To-buy-Listen, To-bake-Listen, To-be-or-not-to-be-Listen, To-last-Listen, To-list-Listen, Toulouse-Listen. Bloß nichts vergessen.

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