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Kultur Fantastisch und mythisch: So sah Fontane den Stechlinsee – ein Rundgang
Nachrichten Kultur Fantastisch und mythisch: So sah Fontane den Stechlinsee – ein Rundgang
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12:35 14.10.2019
Natürlich gibt es eine Fontanestraße in Neuglobsow, dem einzigen Dorf am Stechlinsee. Quelle: Julian Michael Klein
Stechlin

Der Mann in Gummistiefeln guckt, ob seine Blumen ihre Köpfe hängen lassen, er ist nur eine Silhouette hinterm Gartenzaun, weit weg, zu weit, um ihn zu rufen. Er sucht Distanz, als wolle er die Leute meiden, weil er befürchten muss, dass man ihn sowieso vertauscht – mit dem Schlossherrn Dubslav aus dem Roman „Stechlin“ von Theodor Fontane. Denn viele Gäste am Stechlinsee (Oberhavel) glauben, diese Villa sei exakt das Schloss, von dem Fontane schrieb. Doch der hatte seinen morschen Prachtbau nur erfunden.

Schloss Stechlin ist nur erfunden

Der Mann in Gummistiefeln hat deswegen einen Zettel an den Gartenzaun gehängt, in Schönschrift, um die Wahrheit freundlich zu verpacken: „Ortskundige Fontane-Freunde, die den Roman ,Der Stechlin’ gelesen haben und nach dem Schloss Stechlin des Schlossherrn Dubslav suchen, glauben es hier gefunden zu haben. Sie irren.“

Er erläutert: „Die schlossähnliche Villa war ursprünglich ein schlichtes Fachwerkhaus und gehörte dem Rittmeister Michaelis. Ein angeblich durch Heereslieferungen im Ersten Weltkrieg und durch Materiallieferungen für den Reichsautobahn- und Fernstraßenbau wohlhabend gewordener Berliner Müllabfuhrbesitzer erwarb das Haus und ließ es Anfang der 1930er Jahre umbauen.“

Die Villa Bernadotte ist nicht das Schloss Stechlin, von dem Fontane schrieb. Quelle: Julian Michael Klein

Das Haus war ein Hochzeitsgeschenk an seine Tochter Erika, die sich mit Prinz Siegvard von Bernadotte, einem Bruder des schwedischen Kronzprinzen, vermählt hatte. Auch der Schauspieler Heinz Rühmann kam zur Hochzeit.

Wer ist berühmter, Heinz Rühmann oder Dubslav von Stechlin? Rühmann ist real, Dubslav nur die gut erzogene, doch aus der Zeit gefallene Figur aus einem Buch. Was wiederum berührt uns mehr, ein glücklicher Held aus dem Leben oder ein gescheiterter Patron aus der Literatur?

Bewunderer vom Hals halten

Die Villa Bernadotte wirkt wie die Bühne für beides, die Bücher und den Alltag. Sie hat einen spitzen Giebel und eine lange, steile Treppe, die ihr verlässlich die Bewunderer vom Hals hält. Man könnte dort Dornröschen inszenieren, aber halt auch Hochzeit feiern mit Heinz Rühmann. Das Haus gehört ins Zwischenreich aus Wahrheit und Fiktion. Genau wie der Stechlinsee, der seit Theodor Fontane das Scharnier zwischen der alten Zeit und der Moderne bildet, die sich in dem Roman belauern.

Fontane hat den See 1873 besucht, er war beeindruckt von der Schönheit, seinem Geheimnis und dem bigotten Wesen, das trotz der stillen Oberfläche mit der Todessehnsucht flirtet. Im „Stechlin“ hat er ihm ein Denkmal gesetzt, der Roman erschien 1897 zunächst in einer Zeitschrift, ein Jahr, bevor Fontane starb. Die Leser wurden aufmerksam auf diese Gegend um Neuglobsow – wer Geld hatte, baute sich eine Villa in Ufernähe. Die Grundstückspreise lagen 1903 bei 60 Pfennig, bis 1910 ging es auf sechs Goldmark hinauf.

Neuglobsow war mal ein armes Glasmacherdorf, durch Fontane kam es erst zu Ruhm und dann zu Wohlstand. Heute nennt man das Gentrifizierung, wenn die Preise steigen und das Publikum nicht mehr nur Bratkartoffeln will, sondern raffinierten Fisch und Schaumwein.

Bei Fontane hat der Stechlin-See fantastische Kräfte

Fontane beginnt seinen Roman fast mythisch: „Im Norden der Grafschaft Ruppin, hart an der mecklenburgischen Grenze, zieht sich von dem Städtchen Gransee bis nach Rheinsberg hin (und noch darüber hinaus) eine mehrere Meilen lange Seenkette durch eine menschenarme, nur hie und da mit ein paar alten Dörfern, sonst aber ausschließlich mit Förstereien, Glas- und Teeröfen besetzte Waldung. Einer der Seen, die diese Seenkette bilden, heißt ,der Stechlin’.“

Fontane lässt den See nicht einfach See sein, sondern sagt ihm Kräfte nach, die ins Fantastische und gar ins Fabelhafte spielen: „Alles still hier. Und doch, von Zeit zu Zeit wird es an ebendieser Stelle lebendig. Das ist, wenn es weit draußen in der Welt, sei’s auf Island, sei’s auf Java zu rollen und zu grollen beginnt oder gar der Ascheregen der hawaiischen Vulkane bis weit auf die Südsee hinausgetrieben wird. Dann regt sich’s auch hier, und ein Wasserstrahl springt auf und sinkt wieder in die Tiefe.

Das wissen alle, die den Stechlin umwohnen, und wenn sie davon sprechen, so setzen sie wohl auch hinzu: ,Das mit dem Wasserstrahl, das ist nur das Kleine, das beinah Alltägliche; wenn’s aber draußen was Großes gibt, wie vor hundert Jahren, dann brodelt’s hier nicht bloß und sprudelt und strudelt, dann steigt statt des Wasserstrahls ein roter Hahn auf und kräht laut in die Lande hinein.’“

Roman ist „die beste Werbung für den See“

In einem malerisch sanierten Glasmacherhaus sitzen Susen Liepner und Renate Fechner. Sie arbeiten in der Touristeninformation des Ortes und wissen, dass Fontane ihnen viel Arbeit abgenommen hat – „denn der Roman ist die beste Werbung für den See“, sagt Liepner.

Den „Stechlin“ kann man bei ihnen als Taschenbuch kaufen, 446 Seiten, 14 Euro. Sie sind auch präpariert für andere Bedürfnisse. Ein mundgeblasenes Bierglas ist für 18 Euro zu haben, doch auch ein Reisemagazin über Neapel steht im Ständer, falls das Märkische doch eine Spur zu nüchtern wirkt und man es würzen muss mit einer Prise Mittelmeer.

Renate Fechner (l.) und Susen Liepner (Touristeninfo Stechlin) Quelle: Lars Grote

Die Damen in der Info wissen über alle Wechselfälle des Stechlins Bescheid, sie erzählen vom Open-Air-Kino am Seeufer, wo die „Stechlin“-Verfilmung aus dem Jahr 1975 gezeigt wurde, die nicht am Stechlin gedreht werden durfte, weil der NDR keine Erlaubnis aus der DDR bekam. Sie erzählen von Literaturvereinen, die aus ganz Deutschland anreisen, mit Buch und Wanderstock unter dem Arm, und selbst an einem Wochentag im frühen Herbst kommt laufend Kundschaft durch die Tür. Der 200. Geburtstag des Dichters wird in enger Taktung gefeiert.

Fontane erweiterte die Sage vom roten Hahn

Und trotzdem müssen Frau Liepner und Frau Fechner fachlich einschreiten. Nicht nur das Schloss hat Fontane erfunden, „er hat auch die Sage vom roten Hahn erweitert“. Sie kopieren gleich den Zettel, auf dem der Mythos vom Hahn präzise nachgewiesen wird, in den Worten von Karl Eduard Haase, der die „Sagen aus der Grafschaft Ruppin und Umgebung“ 1887 notiert hat: „Vor vielen Jahren lebte im Fischerhaus Stechlin ein Fischer namens Minack.

Der war ein sehr roher und wilder Mann, der im Vertrauen auf seine gewaltigen Kräfte weder Mensch noch Geister fürchtete. Selbst wenn ihm Nachbarn und Freunde den guten Rat gaben, er solle vor dem großen roten Hahn im Stechlinsee Respekt haben und sich wohl hüten, an den und den Orten zu fischen, wo der Hahn es nicht dulden wolle, so lachte er nur darüber.“ Das war ein Fehler, denn im Märchen wird stets jener bestraft, der nicht gottesfürchtig lebt und glaubt, die dicksten Fische fängt man mit den derbsten Sprüchen.

Bei Fontane hat der rote Hahn das Erdbeben in Lissabon verkündet und den abgelegenen Stechlin auf diese Weise mit dem Lauf der Weltgeschichte kurzgeschlossen Quelle: Julian Michael Klein

Man ahnt, die Sache ging schief. Minack also fuhr hinaus, „er wusste, dass sich hier die Maränen, sehr geschätzte Fische aus der Familie der Lachse, zahlreich aufhielten. Es war böses, stürmisches Wetter, und mit Zittern und Zagen folgten ihm seine Gesellen“. Minack handelte maßlos, „aus den schäumenden Wogen rauschte der rote Hahn empor. Während er mit seinen mächtigen Flügeln das Wasser peitschte, betäubte er mit donnerndem Krähen den unglücklichen Fischer und zog ihn mit sich hinab in die Tiefe.“

Hahn ist Wappentier der guten Mahlzeit

Bei Fontane hat der rote Hahn das Erdbeben in Lissabon verkündet und den abgelegenen Stechlin auf diese Weise mit dem Lauf der Weltgeschichte kurzgeschlossen, ihn gar zum Seismographen der globalen Katastrophen gemacht. Susen Liepner erzählt, nach dem Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull im Jahr 2010 hätten sich Leute erkundigt, ob der rote Hahn wieder gekräht habe.

Auf zum Fischer am Stechlin, um nachzusehen, ob es diesen Hahn noch gibt. Ja, da hängt er, über der Scheune, wo die Fischersfrau dabei ist, ihre weiße Wäsche aufzuhängen. Unterm Hahn sieht man ein Schild: „Esst mehr Fisch, immer nur Wurst ist doch auch Käse.“ Man spürt, der Hahn hat an Autorität verloren. Er ist nicht mehr der Drache, der den Übermut des Menschen gerne auch drakonisch in die Schranken weist.

Er gleicht nun einem Wappentier der guten Mahlzeit. Man sollte einfach mal Regina Paulick in der Fischerküche fragen, die darauf Wert legt, eine geborene „Böttcher“ zu sein. Weil die Familie Böttcher die Fischerei samt Restaurant in dritter Generation führt. Das Geschäft liegt hundert Meter vor Neuglobsow, immer am Ufer entlang, gegen den Uhrzeigersinn.

Die Maräne ist eine Delikatesse

Regina Paulick hält sich mit dem roten Hahn nicht auf, der gilt hier nur noch als Maskottchen, doch sie kennt sich aus mit der Maräne, dem Edelfisch, nach dem die Kunden alle fragen. Man kriegt ihn gebacken, geräuchert oder sauer eingelegt, je Portion 10,50 Euro.

Die Maräne ist ein seltener Fisch, er braucht „klares, sauberes und tiefes Wasser“, erzählt Paulick, das alles haben sie zu bieten am Stechlin. Vor guten 15 Jahren hat ein Doktorand über die Maräne im Stechlin geforscht, er fand heraus, dass es die Sorte aus dem See wirklich nur hier gibt, neun bis zwölf Zentimeter lang. Er nannte sie Fontane-Maräne, denn er selbst hieß Schulz – eine „Schulz-Maräne“ hätte es an Glanz vermissen lassen.

Für sie ist der Hahn nur Maskottchen: Regina Paulick (Fischerei Stechlin) beschäftigt sich lieber mit einem anderen Wahzeichen des Sees – der Maräne. Quelle: Lars Grote

Gerade verkauft Regina Paulick ein Maränenfilet nach Matjes-Art, eingelegt in Öl. Die Geschäfte laufen gut, auch im Winter haben sie am Wochenende offen. „Der See ist ein Magnet“, sagt sie, Fontane sei Dank. Mit der Maräne kommt ein exklusiver, schmackhafter Fisch hinzu.

Diese Standortvorteile sind ein Segen, auch wenn just der Standort vor 50 Jahren verlegt wurde, weil das Stammhaus, das nicht mehr westlich, sondern fortan östlich von Neuglobsow lag, in die Drei-Kilometer-Sperrzone des Atomkraftwerks Rheinsberg fiel. Das AKW wurde ans Ufer des Stechlins gebaut, man hat es 1966 in Betrieb genommen, seit 1990 ist es stillgelegt. Kameras zur Überwachung gibt es weiterhin am Zaun.

Kraftwerk wie Geisterschloss

Das Kraftwerk steht wie deplatziert in dem Idyll, es wirkt so artfremd wie der rote Hahn, der freche Fischer in die Tiefe zerrt und bei Fontane die Vulkane und die Erdbeben verkündet. Warum zieht so ein friedliches Gewässer, das von 17 Kilometern Uferweg gerahmt wird, die Sage vom rabiaten Hahn an, warum stand ihm ein unförmiges Kraftwerk zur Seite, das heute wie ein Geisterschloss aussieht?

So harmlos, wie der ahnungslose Gast vermutet, sei der See halt nicht, beteuern die Fischer – der Stechlin sei kompliziert, es gebe Strudel, er zeige Jähzorn, auch wenn er das zunächst verbirgt.

Schon Fontane hat davon geschrieben. Nicht in seinem Roman, sondern auf den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, wo er dem See erstmals begegnet ist – er hat ihm die Seele vermessen, wie ein Psychologe: „Da lag er vor uns, der buchtenreiche See, geheimnisvoll, einem Stummen gleich, den es zu sprechen drängt.

Aber die ungelöste Zunge weigert ihm den Dienst und was er sagen will, bleibt ungesagt. Und nun setzen wir uns an den Rand eines Vorsprungs und horchen auf die Stille. Die blieb, wie sie war: Kein Boot, kein Vogel; auch kein Gewölk. Nur Grün und Blau und Sonne.“ Fast schließt er den Bericht mit dem naiven Ton von einem Kinderbuch.

Einer der am besten untersuchten Seen

So oder so, der Stechlin ist einer der weltweit am besten untersuchten Seen. Literarisch hat Fontane im Roman und seinen Wanderungen glänzende Arbeit geleistet. Doch auch die Gewässerforscher vom Leibniz-Institut, das auf dem vormaligen Areal der Fischerei zu Hause ist, haben diesen See in beispielloser Gründlichkeit geprüft, weil das Kraftwerk vor der Haustür lag. Dort wurde erwärmtes Kühlwasser eingeleitet, das hat dem See geschadet. Heute hat er brillante Trinkwasserqualität. Alles bestens also?

Fontane schrieb über den Stechlin: „Und Launen hat er und man muss ihn ausstudieren wie eine Frau.“ Von Frauen wusste Theodor Fontane einiges, zumindest von den selbst erfundenen, sei es Jenny Treibel, Melusine oder Effi Briest. Auch von stillen Wassern, die tief sind, verstand er eine Menge.

Mehr zum Thema: Alle bisher erschienenen Wanderungen lesen Sie auf unserer Multimedia-Seite "Auf Fontanes Spuren".

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