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Nachrichten Kultur Waren Wolf Biermann und Manfred Krug Freunde?
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01:16 04.04.2019
Erregt die Öffentlichkeit gern mit seinen Urteilen: Wolf Biermann. Quelle: dpa
Potsdam

Wie hat Uschi Brüning das nur hinbekommen? Viele Jahre sang die begnadete Jazzsängerin Duette mit Manfred Krug, unbeirrt von dessen mal raubeinigem, mal zärtlichem, dann wieder aufbrausendem Charme. Neuerdings teilt sie die Bühne mit Wolf Biermann, einem anderen Kraftbolzen ähnlichen Kalibers. Beide Haudegen haben gemeinsam, dass sie das kleine Land mit dem großen Rand, die DDR, mit Ach und Krach hinter sich ließen.

Preußischer und afroamerikanischer Blues

Uschi Brüning blieb – in der DDR und auch ohne Allüren. Vor zwei Wochen auf der Leipziger Buchmesse präsentierte sie sich bei einer Großveranstaltung gemeinsam mit Wolf Biermann. Die beiden stellten neue Bücher vor, Brüning ihre Autobiografie „So wie ich“ und Biermann den Erzählband „Barbara“. Beide beteuerten ihre langjährige Freundschaft und stimmten sogar drei, vier Lieder an. Biermanns „Ich möchte am liebsten weg sein – und bliebe am liebsten hier“ erfuhr durch Uschi Brünings Jazz-Gesang noch einmal einen atemberaubenden Dreh. Und mit dem Gershwin-Klassiker „Summertime“ entzauberte sie den Barden, dessen Leben und Werk das deutsche 20. Jahrhundert so einzigartig bezeugt. Biermann, der Erfinder des preußischen Blues, klang plötzlich wie ein gestrandeter Fisch, der mit dem weichen afroamerikanischen Element, aus dem die Popkultur hervorgegangen ist, wenig anfangen kann.

Wahl zwischen zwei großen Künstlern

Zum Glück muss sich Uschi Brüning nicht zwischen Manfred Krug und Wolf Biermann entscheiden. Das verlangt nun aber Daniel Krug, der Sohn des 2016 verstorbenen Schauspielers. Im aktuellen „Spiegel“ wirft er Biermann vor, er würde seinen Vater verunglimpfen. Zunächst wehrt er sich gegen die Behauptung, Biermann und Krug seien „Freunde“ gewesen. Biermann schildert in seiner Geschichte „Zwei Selbsthelfer“ gleich mehrere äußerst kuriose Vorfälle aus seiner Sicht. Auch wenn man Krugs energisches Eintreten gegen die Biermann-Ausbürgerung 1976 noch nicht als Freundschaftsdienst werten muss, liefert Biermann in seiner auf Erlebnissen beruhenden Erzählung einige Anhaltspunkte dafür, dass sich die beiden Männer zeitweise wichtig waren. Krug chauffierte Biermann und seine Mutter zum Weihnachtsgans-Essen nach Hennigsdorf. Krug zählte zu den Gratulanten, wenn der verfemte Liedermacher in seiner Wohnung Chausseestraße 131 Geburtstag feierte. Biermann besaß Krugs Telefonnummer und traute sich, auch zu nachtschlafender Zeit bei Krugs anzurufen.

Im beleidigenden Duzton

Eigentlich möchte Biermann dem bewunderten Krug ein literarisches Denkmal setzen und benutzt Wendungen wie „Selfmade-Egoist“ und „Schlitzohr mit Ganovenehre“. Daniel Krug erkennt darin Verunglimpfungen und hat deshalb einen offenen Brief an Biermann in einem herablassenden Duzton verfasst.

Angebliche Millionärs-Feier

„Er hatte den Geist des Geldes auch im Sozialismus begriffen“, spöttelt etwa Biermann, wie es seine Art ist. Sicher könnte es sein, dass der Dissident hier auch Stasi-Gerüchten auf den Leim gegangen ist. Die behauptete nämlich, Krug sei ein geldgieriger Raffzahn, würde sich damit brüsten, Millionär zu sein und habe in seiner „großbürgerlichen Marmor-Villa in Pankow“ (Biermann) protzige Feste gefeiert. Auf Nachfrage beruft sich Biermann auf Jurek Becker, den er ebenfalls seinen „Freund“ nennt.

Unerhörte Begebenheiten

Den Humor seines Vaters hat Daniel Krug nicht geerbt. Und auch nicht das Gespür für literarische Formate. Biermann nennt sein Buch im Untertitel „Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten“. Die unerhörten Begebenheiten, die er mit barocker Fabulierlust ausschmückt, stehen nicht in seiner Autobiografie „Warte nicht auf bessere Zeiten“. Bevor seine Generation abtritt und in die Geschichte eingeht, versucht der Welten-Erklärer Biermann seinen Teil zur Anekdotenbildung beizutragen.

Keine Anzeige erstattet

Im Kern sind die nur 13 schmale Seiten umfassenden Erinnerungen an Manfred Krug auch von Belang, weil sie erzählen, was für starke Charaktere es waren, die in dem dogmatisch verregelten Staat Eigensinn bewiesen. Der Sachverhalt, dass der cholerische Mercedes-Fahrer Manfred Krug dem trotzigen Trabi-Fahrer Robert Havemann 1966 bei einem Streit auf der Autobahn drei Vorderzähne ausschlug, wird vom Krug-Sohn auch gar nicht angefochten. Der dissidentische Philosoph Havemann erstatte damals keine Anzeige, verpflichtete den Plauderer Biermann zum Stillschweigen, um die Opposition nicht zu schwächen.

Volkspolizisten extrem provoziert

Und dass Manfred Krug beim Biermann-Geburtstag erzählt hat, wie er einem verstörten Volkspolizisten bei einer Verkehrskontrolle die schlimmsten Beleidigungen ins Ohr geflüstert hat, ist auch gut vorstellbar. Dass es aber genau diese Worte waren („Du bist eine Fotze! Eine kleine dumme Fotze! Eine stinkende Fotze! Eine Fotze!“) ist nicht zu belegen, denn es existiert ja kein Mitschnitt. Biermann hat sein Talent und seine dichterische Fantasie in die Waagschale geworfen, um auch diese Szene zu überliefern.

Privilegiertes Maulheldentum

Biermanns Ziehsohn Manuel Soubeyrand, seit 2014 Intendant an der Neuen Bühne Senftenberg, trug die Geschichte „Zwei Selbsthelfer“ bei der Veranstaltung in der Leipziger Kongresshalle vor. Da war es also wieder, das Maulheldentum und auch der Galgenhumor aus DDR-Tagen. Titanen wie Biermann und Krug ist es auf ihre Art gelungen, die DDR-Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Dass sie dafür nicht im Gefängnis verschwanden, war ihr Privileg.

Kein Grund, sich zu „zerfreunden“

Uschi Brüning, der nichts fremder als Großmannssucht ist, lächelte zustimmend. Sie ist keine Frau, die sich als Heldin betrachtet. Im Gegenteil. 1976 unterschrieb sie die Petition gegen die Biermann-Ausbürgerung und zog dann ihre Unterschrift wieder zurück. Heute sagt sie: „Sie drohten unverhohlen mit Berufsverbot. Ewig habe ich mich geschämt. Ja, und Biermann hat jetzt erst von meinem Rückzug erfahren.“ Für den Liedermacher war das aber kein Grund, sich zu „zerfreunden“, wie er es nennt.

Von Karim Saab

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