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Nachrichten Kultur Weihnachten mit dem Zirkus Roncalli
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19:59 19.11.2019
Roncalli-Direktor Bernhard Paul mit Tochter Lili Paul vor dem Tempodrom in Berlin.
Berlin

Während zwei Stelzenwesen durch die schmale Tür zum Berliner Tempodrom staksen, lässt sich ihr Chef in den Ledersessel fallen. Roncalli-Direktor Bernhard Paul blättert im eigenen Programmflyer, lässt die Scheinwerfer dimmen, weil sie ihn blenden.

Nun mehr sparsam beleuchtet gerät die Stimmung des Pressetermins geradezu heimelig – gar familiär. Schließlich hat neben Bernhard Paul auch seine jüngste Tochter Lili im kurzen paillettenbesetzten Kostüm Platz genommen. Bei Zimtsternen und Spekulatius plaudern die beiden über den anstehenden 16. Roncalli Weihnachtscircus. Wobei, eigentlich spricht fast nur der Vater. Jede Antwort entwickelt sich zum Ausflug durch rund vier Jahrzehnte Zirkusgeschichte.

Feste Familienbande

Während das Verhältnis zum Roncalli-Mitgründer André Heller in den 1970ern schnell in die Brüche ging, hält die Familienbande fester denn je. Beim diesjährigen Gastspiel können die Besucher neben dem Direktor alle seine drei Kinder erleben. Lili, Vivi und Adrian werden unter anderem auf Rollschuhen im Spagat durch die Manege flitzen.

Lilian Paul Quelle: JK-Design

Dieser Familiensinn verbindet Roncalli mit anderen verbliebenen Zirkusbetrieben. Bei den wenigsten aber läuft das Geschäft so gut wie bei Bernhard Paul und seinem Team. An die 40 000 Tickets haben sie für den Weihnachtscircus bereits verkauft. Vielleicht, weil ihr Konzept eher dem Zeitgeist entspricht als das der geschrumpften Konkurrenz.

Alle Tierdressuren gestrichen

Bereits im vergangenen Winter strich Roncalli alle Tierdressuren aus dem Programm. Im regulären Wanderzirkus zeigten Paul und Co. in diesem Jahr erstmals Elefanten und andere Tiere als 3D-Hologramme. In 145 Ländern hätten die Nachrichten über die Zirkussensation aus Deutschland berichtet, sagt Roncalli-Sprecher Markus Strobl.

Tierschutzorganisationen feiern seitdem den Zirkus als Vorbild für die ganze Branche. „Es ist einfach nicht sinnvoll, Nilpferde und andere Tiere im Hochsommer im Stau über die Autobahn zu transportieren“, sagt Bernhard Paul. Außerdem entspreche das auch nicht mehr dem Wunsch des Publikums. „Pferde aus Sternenstaub interessieren auch die Kinder viel mehr als Pferde, die die ganze Zeit im Kreis rumlaufen.“

Bicycle Quelle: roncalli

Wenn der mit einer üppigen Portion Schmäh ausgestattete Österreicher über seine Vision vom modernen Zirkus spricht, geht es nur kurz um die neuesten Attraktionen. Etwa um den Breakdancer Kai Eikermann, der sich beim Weihnachtscircus in einen lebendigen Cola-Automaten verwandelt. Oder um den poetischen Clown Carillon, der einen Zylinder mit eingebauter Dampflokomotive trägt.

Kein Plastik, kein Fleisch

Vor allem aber geht es um den Menschen an sich. „Die Welt ist eigentlich furchtbar und nur erträglich in dieser visionären Gegenwelt“, sagt der 72-Jährige. Im Zirkus sei er seine eigene Partei und könne durchsetzen, was den Politikern nur bedingt gelinge. Da wäre zum Beispiel die Sache mit dem Müll.

Auch in diesem Jahr verzichtet der Weihnachtscircus, der nebenbei erwähnt auf fleischlose Essensangebote setzt, gänzlich auf Plastik. Die hübsch verzierte Papiertüte fürs Popcorn sei bereits ein Sammlerobjekt, sagt Bernhard Paul und erzählt, was er bei einer Ayurveda-Kur in Sri Lanka erlebt hat. „Jeden Tag schwimmt dort eine solche Menge an Plastikmüll im Meer – das braucht man doch fast alles nicht!“

Hologramme statt echter Dressur

Der Weihnachtscircus ist vom 19. Dezember bis 5. Januar im Berliner Tempodrom am Anhalter Bahnhof zu sehen.

Eintrittskarten gibt es ab rund 21 Euro an den Vorverkaufsstellen.

Circus Roncalli wurde 1975 von den Österreichern Bernhard Paul und André Heller gegründet und mit poetischen und fantasievollen Programmen bekannt.

Paul und André Hellerzerstritten sich nach der Zirkus-Gründung. Es ging um das Gesamtkonzept und ums Geld. Roncalli hebt sich von anderen Zirkus-Unternehmen unter anderem dadurch ab, dass dort schon seit den 1990ern keine Wildtiere mehr auftreten.

In diesem Jahr wurden erstmals statt echter Dressur Hologramme von Tieren gezeigt.

Bleibt die Frage, ob der Mensch in zehn oder zwanzig Jahren noch den Zirkus-Besuch braucht. Schließlich hat Bernhard Paul einst selbst den Tod der Zirkusse prophezeit – und in vielen Fällen recht behalten. Lili Paul-Roncalli und ihre Geschwister wollen das Erbe des Vaters fortsetzen, der Generationenwechsel naht. „Mein Vater hat den Zirkus neu erfunden mit Dingen, die eigentlich gar nicht dazu gehörten“, sagt die 21-Jährige.

Diese Mischung der Kunstformen gelte es beizubehalten. Dann übernimmt wieder der Direktor. Er erinnert an die berühmten Seifenblasen-Nummern vom Roncalli-Clown Pic, die in keiner Zirkus-Tradition standen und sich schnell zum Klassiker entwickelten. Die Prophezeiung zum Schluss: „Wenn sich der Zirkus nicht erneuert, wird er scheitern.“

Von Maurice Wojach

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