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Kultur Wenzel und die Wucht der leisen Worte
Nachrichten Kultur Wenzel und die Wucht der leisen Worte
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11:25 09.12.2016
Heimgesucht von vielen Fragen: Wenzel.
Heimgesucht von vielen Fragen: Wenzel. Quelle: Salvadore Brandt
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Berlin

Er wirft wieder mal mit Fragen nur so um sich: Hans-Eckardt Wenzel. „Welche Worte tragen weiter, wenn sie sanfter sind und leise? Welche Sehnsucht stimmt mich heiter? Welche Trauer macht mich weiser?“ Um wohl gefügte Worte ist der Musiker nie verlegen. Gerade hatte er mit Steffen Mensching – mit ihm dichtet, singt und schauspielert Wenzel trotz Pausen seit Jahrzehnten – für die Theaterbühne „nochmal das Fahrrad erfunden“. Doch das grandiose Clowns-Duo Meh und Weh kochte dabei eben nicht „Letztes aus der Da Da Er“ genüsslich auf. So billig waren die zwei nicht zu haben. Vielmehr warfen sie einen frischen, schrägen und bitterbösen Blick auf die aktuelle Verfasstheit Deutschlands. Das Publikum half sogar mit bei der Suche nach der Demokratie.

Ein Suchender, ein Fragender, ein Zweifler ist Wenzel stets geblieben. Unrast die zugleich Plage und Erfüllung für ihn ist. Es reißt den Poeten fort und die Sehnsucht treibt ihn bald zurück. Diese Unruhe ist den Liedern seiner jüngsten Platte „Wenn wir warten“ anzumerken. Am Freitag stellt Wenzel sie bei seiner Schallplattenveröffentlichungsfeier in Berlin offiziell vor.

Bringen neue Lieder unter die Leute: Wenzel und Band. Quelle: Salvadore Brandt

Die neuen Stücke entstanden unterwegs in Europa. Das Akkordeon bringt uns an manche Küste. In die Karibik vielleicht, wenn etwa ein Reggae-Stück heranschaukelt: Hier dann etwas Americana mit Slidegitarre. Da eher der Ansatz zum Chanson oder ein angejazzter Anflug von einem Brecht-Weill-Song. Dort die Ballade nur mit dem Piano. Und daher um so anrührender. Rumba tanzt Wenzel, das Volksliedhafte bleibt weiterhin spürbar. Wenzel kennt die weite Welt und spielt mit ihr. Er trat mit Arlo Guthrie, Billy Bragg oder Konstantin Wecker auf.

Im Titelsong, der anfangs ein wenig von Simon und Garfunkel borgt, hangelt Wenzel sich an einer Assoziationskette entlang. Schiffsreise, Gefängniszelle, Krankenhaus. Hoffen und Harren. Warten auf den ersten oder letzten Tag. Ausgang ungewiss. Wenzel, inzwischen 61 Jahre alt, kommt in „Nicht viel“ auf die Zerbrechlichkeit einer irren Welt und des Einzelnen zu sprechen. Seine Bilanz: „Es ist nicht viel, das mich am Leben hält. Ein Nachmittag mit dir ganz nackt und klar. Die Sternschnuppe, die in die Birke fällt. Als ich weit von dir fortgefahren war.“

Ganze 13 Lieder hat Wenzel, der sanft-heisere Sänger auf Sinnsuche, am Ende gesungen. Zahlenmystik? Vielleicht. Die 13 gilt als manchem als Glückzahl, anderen als das Gegenteil. Muss man Wenzel das alles abkaufen? Vor beinahe zehn Jahren schon warnte er: „Glaubt nie, was ich singe“. Aber einiges schon. Und wenn wir warten, dann auf seine neuen Fragen.

Konzert: Freitag, dem 9. Dezember, um 20 Uhr, Kesselhaus in Berlin-Prenzlauer Berg.

Von Ralf Thürsam

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