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00:19 26.10.2017
Bundeswehrsoldat Oliver bei einer Therapiestunde in Paretz.
Bundeswehrsoldat Oliver bei einer Therapiestunde in Paretz. Quelle: Hollmann
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Paretz

Langsam gleitet die Kamera über nebelverhangene, weite Wiesen im Havelland. Die Sonne geht auf, Pferde grasen, Füchse jagen über das Grün. Eine idyllische Landschaft und für die Soldaten und Soldatinnen, die nach Paretz kommen, ein „Ort des Friedens“. Sie haben in ihren Auslandseinsätzen Grauenhaftes erlebt und erhoffen sich an diesem besonderen Ort Hilfe von Claudia Swierczek und ihrer pferdegestützten Traumatherapie.

Ohne Pferde „würde ich nicht mehr leben“

Während sie im Einsatz noch „funktionierten“, gefasst und kontrolliert reagierten, kommt der Zusammenbruch zu Hause. Wie bei Roman, der schreckliche Erlebnisse mit sich herumträgt. Seine Wunden sieht man ihm nicht an. Doch sein seelisches Gleichgewicht ist gestört, nachts hat er Alpträume, macht die Kampfgefechte noch einmal durch. Die ständige Angst, die dauernde Bedrohungslage, die seinen Einsatz bestimmten, lassen ihn nicht los. Posttraumatische Belastungsstörung nennen Ärzte das. Die Schulmedizin konnte Roman nicht dabei helfen, ins Leben zurückzufinden. Claudia Swierczek und ihre Pferde schon. „Ohne die Pferdetherapie würde ich nicht mehr leben“, sagt Roman.

In Leonhard Hollmanns beeindruckendem Dokumentarfilm „Stiller Kamerad“ gibt es viele solcher starken Sätze, die einen lange nicht loslassen. Der Student der Babelsberger Filmuniversität hat eineinhalb Jahre mit einer Kamera beobachtet, wie drei traumatisierten Soldaten der ungewöhnliche Therapieansatz geholfen hat.

„Pferde sind Körpersprachen-Experten“

„Pferde sind Körpersprachen-Experten“, sagt Claudia Swierczek. „Sie scannen unser Innerstes und spiegeln das, was wir nicht aussprechen können.“ Tatsächlich ist es faszinierend zu sehen, wie der Umgang mit Pferden hilft, Vertrauen auf- und Angst abzubauen. Eine Szene zeigt Oliver. Er zuckt zusammen, als die Paretzer Dorfsirene ertönt, weil er sie mit einer Sirene im Lager assoziiert, die bei Taliban-Angriffen schrillte. Er klammert sich an das Pferd, krault es und versucht, regelmäßig zu atmen. Die Therapeutin fragt, ob es ihm schon besser gehe. Ja, antwortet er und man sieht, wie das Pferd kaut und damit Olivers Anspannung verarbeitet.

Soldaten öffnen ihr Seelenleben

Regisseur Hollmann, der seinen Film mit Unterstützung der Filmuniversität und einer Crowdfunding-Aktion finanzierte, ist durch eine Arte-Sendung auf das Thema aufmerksam geworden. Jahre später lernte er Claudia Swierczek in Paretz kennen. „Sie selbst war schließlich mit einem Film einverstanden und auch einige Soldaten haben sich bereit erklärt, sich bei der Therapie filmen zu lassen, “ erzählt der 29-Jährige. Er habe alleine, ohne Team gedreht, um in den Therapiestunden keine Unruhe zu verbreiten. Trotzdem ist es nicht selbstverständlich, dass Menschen ihr Seelenleben vor einer Kamera bloß legen. „Die Soldaten öffnen sich, weil sie zeigen möchten, dass diese Art der Therapie ihnen hilft.“ Sie fühlen sich im Stich gelassen, so der Filmemacher, weil diese Trauma-Behandlung von der Bundeswehr nicht anerkannt wird. „Sie hoffen darauf, dass durch den Dokumentarfilm die Bundeswehr Verantwortung übernimmt, damit anderen Betroffenen geholfen werden kann,“ erklärt Hollmann. Bislang kommen Stiftungen für die Kosten auf.

Auch Mandy, die als Sanitäterin im Kosovo war, ist überzeugt, dass ihr die Stunden in der Natur, die Arbeit mit den Pferden, deren Wärme und Geruch helfen. Sie wird die verstörenden Bilder und den bestialischen Gestank eines Massengrabes mit Frauen und Kindern nicht los. Herkömmliche Gesprächstherapien hat sie hinter sich. Erfolglos. „Gerade habe ich angefangen zu erzählen, sind plötzlich die 45 Minuten schon um“, sagt sie. Claudia Swierczek nimmt sich dagegen so viel Zeit, wie nötig.

„Na, gehst du wieder Pferde streicheln?“, spottete einst ein Freund, als er von Romans Therapie erfuhr. Längst weiß er es besser.

Hofer Filmtage im Internet

Auf Facebook: www.facebook.de/stillerkamerad

Von Claudia Palma

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