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07:02 16.12.2016
Der Sänger der Böhsen Onkelz, Kevin Russell, im Juni 2015 in Hockenheim (Baden-Württemberg) bei einem Konzert vor etwa 100 000 Zuschauern. Quelle: Foto: dpa
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Berlin

Die Böhsen Onkelz sind auf Tour und spielen am 16. und 17. Dezember zwei Konzerte in der Mercedes-Benz Arena Berlin. Bis heute polarisiert die frühere Rechtsrockband. Der Jugendforscher Klaus Farin hat den Weg der Gruppe seit ihrer Gründung Anfang der 80er- Jahre in Frankfurt am Main verfolgt.

Herr Farin, keine andere deutsche Band verkauft innerhalb kürzester Zeit mehr Tickets als die Böhsen Onkelz, warum?

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Ihr Mythos ist geblieben und nach der Auflösung vor zehn Jahren sind viele Fans dazugekommen. Junge Menschen, die nie die Gelegenheit hatten, wollen unbedingt ein Konzert der Band sehen.

Profitiert die Band sogar davon, dass sie fast keine Interviews gibt und nicht im Radio gespielt wird?

Die Bindung zu den Fans steigt natürlich, wenn man den Medien den Mittelfinger zeigt. Und es stärkt das Outsider-Image. Andererseits würde die Band ganz andere Massen erreichen, wenn sie – so wie einst Campino von den Toten Hosen – jeden Monat in drei Talkshows sitzen würden. Doch sie wollen ja nicht Everybody’s Darling sein.

Jugendforscher Klaus Farin. Quelle: Doris Hofer

Aber sie fordern, dass man sich mit ihnen auseinandersetzt. Wie soll das gehen, wenn die Band keine Interviews mit Kritikern führt und vielen Journalisten keine Akkreditierung für Konzerte erteilt?

Die Böhsen Onkelz haben früher sehr viele Interviews gegeben. Trotzdem bezeichnen die Medien sie über 30 Jahre nach ihrer rechtsextremen Phase noch als Rechtsrockband. Ich kann aus ihrer Sicht verstehen, dass sie kein Bock mehr auf die Journalisten haben.

Schon Anfang der 90er haben die Onkelz über die Medien „Ihre Lügen sind unsere Kraft“ gesungen. Das klingt, als sei es von der AfD.

Rocktexte sind keine Analysen, zwei Meinungen passen in keinen Rocksong. Fakt ist, dass die Böhsen Onkelz als Nazis stigmatisiert wurden, egal was sie wirklich gesagt haben. Sogar jetzt, als sie das Comeback bekanntgaben, schrieben einige Zeitungen wieder von der Rechtsrockband. Abgesehen davon wurden Medien früher auch von links als „Lügenpresse“ bezeichnet, zum Beispiel in der Kampagne gegen die „Bild“-Zeitung.

Wie wollen die Böhsen Onkelz denn wahrgenommen werden?

Sie inszenieren sich schon sehr als Outsider. Wenn Sie singen, „mit den Onkelz hast du nicht viel Freunde“, muss man erwidern – mag sein, außer ein paar Millio­nen, die die Platten kaufen. Klar, die Böhsen Onkelz haben auch Vorurteile gegenüber Journalisten. Für mich aber ist entscheidend, dass sie keine rassistischen Vorurteile haben. Sie positionieren sich gegen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus.

Sie haben etliche Fans der Böhsen On­kelz befragt. Was ist davon hängen geblieben?

Die Vielfalt der Fans. Sie kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Die Texte der Band vermitteln den Glauben an sich selbst: Vertraue auf deine eigene Kraft! Das kommt bei allen Menschen und Milieus gut an.

Unterscheiden sich die Fans aus Brandenburg von anderen?

Für viele ältere Fans aus Brandenburg sind die Böhsen Onkelz immer noch eine besondere Kult-Band, denn sie haben sie schon zu DDR-Zeiten sozusagen illegal gehört und als ihr Sprachrohr der Freiheit gesehen. Generell mussten Fans in der ehemaligen DDR nach der Wende jahrelang auf einen Auftritt der Band warten, denn die Band hatte beschlossen, die neuen Bundesländer zu boykottieren, solange dort so starke rassistische Einstellungen und rechtsextreme Gewalt dominieren.

Welche Rolle spielen Frauen bei den Böhsen Onkelz?

Es gab schon immer viele weibliche Fans. Das ist erstaunlich bei einer rein männlichen Band mit Männertexten. Zum Beispiel werden Beziehungsthemen nur aus der männlichen Perspektive beschrieben. Das gilt auch für Lieder über Sex, die früher sicher auch sexistisch waren.

Hat der Unfall mit Fahrerflucht ihres Sängers Kevin Russell der Band geschadet?

Das Verhalten von Kevin kam schlecht an. Viele Fans haben die Band verlassen. Einige warten noch immer auf klare Aussagen von ihm dazu. Die eine Entschuldigung, die es gab, reicht ihnen nicht. Denn für viele Fans waren auch die Musiker persönlich Vorbilder. Das ist Kevin nun offensichtlich nicht mehr.

Von Maurice Wojach

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