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Kultur „Wie die Kinder von Golzow“
Nachrichten Kultur „Wie die Kinder von Golzow“
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12:27 28.02.2013

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MAZ: Herr Abma, vor kurzem saßen Sie mit Justizminister Volkmar Schöneburg auf einem Podium und diskutierten über ihren Film „Nach Wriezen“. Wie fand er ihn?

Daniel Abma: Der Minister fand ihn sehr gut, weil er ein Thema anspricht, mit dem er sich gerade selbst sehr beschäftigt. Er möchte das Resozialisierungsgesetz ändern, zum Beispiel, dass es mehr Ausbildungsangebote im Gefängnis gibt. Es geht ihm um die zu hohe Rückfallquote – so wie man es auch im Film sieht.

 

War es ihr Ziel, diesen Missstand aufzuzeigen?

Abma: Ich habe vor dem Film als Medienpädagoge im Gefängnis in Wriezen gearbeitet. Die Schließer dort haben immer gesagt: „Von den Zehnen hier bekommst du acht wieder zurück.“ Da dachte ich: Das ist erstens nicht gut für die Stimmung unter den Jugendlichen, und zweitens habe ich es einfach nicht geglaubt. Ich glaubte an die Jugendlichen, die waren voll motiviert.

 

War es schwer, Vertrauen zu den drei Protagonisten aufzubauen?

Abma: Das war unterschiedlich: Imo kannte ich bereits aus meinem Medienprojekt, da war es einfacher, sein Vertrauen zu gewinnen. Jano kannte ich vorher überhaupt nicht, aber der war so offen wie er auch im Film rüberkommt. Bei Marcel war es sehr schwierig. Wir haben ihn ein Jahr lang im Gefängnis gefilmt – und von diesem Jahr ist keine Szene im Film. Im Nachhinein war dieses Jahr nur Beziehungsaufbau.

 

Marcels Fall ging vor elf Jahren durch die Medien, er tötete im uckermärkischen Potzlow einen 16-Jährigen mit einem „Bordstein-Kick“. Verliert er durch den Film seine Anonymität?

Abma: Wir haben viel darüber geredet, auch mit den anderen beiden Protagonisten, das ist schließlich meine Pflicht. Der Film wurde auch rechtlich geprüft und wir zeigen keinerlei Szenen, die die Anonymität der Jugendlichen gefährden. Alle drei sind ausdrücklich mit dem Film einverstanden.

 

Hatten Sie während den Dreharbeiten Angst?

Abma: Vor allem in der Anfangsphase kam das schon mal vor. Wir als Kamerateam haben natürlich ständig ausprobiert, wie weit wir beim Filmen gehen können. Dabei sind wir den Protagonisten öfter auf den Keks gegangen, was manchmal heftige Reaktionen hervorgerufen hat. Es war ein gegenseitiges Austesten der Grenzen und die Jungs haben ihre Grenzen auch deutlich gemacht. Imo schickte beispielsweise eine SMS „Wir haben kein Bock auf Kamera und euch“ – das war deutlich und wir haben den Drehtag beendet.

 

Stand das Projekt auf der Kippe?

Abma: Nach besagter SMS hat Imo den Kontakt ganz abgebrochen. Aber nach vier oder fünf Monaten hat er mich plötzlich angerufen, als er in Nauen gelandet ist. Er wollte mitteilen, dass es ihm gut geht und ob wir nicht mal vorbeikommen wollen. Das war ein Wendepunkt, da haben wir gemerkt, dass wir es mit ihm geschafft haben.

 

Imo baut in Nauen ein enges Verhältnis zu seinem Chef Uwe auf. Braucht es solche Bezugspersonen, die sich persönlich engagieren, um die Rückfallquote zu senken?

Abma: Bei Imo ist das der Ansatz, der funktioniert. Bei Jano wiederum würde das nicht klappen, dass er auf einem Schweinehof arbeitet und sich eine Wohnung ausbaut. Wir suchen nicht unbedingt nach Lösungen in dem Film, wir wollten vielmehr aufzeigen, was nach dem Gefängnis passiert und dass auch vieles schiefgeht.

 

Uwe ist nur eine von vielen Nebenfiguren, die im Film zu sehen sind. Waren diese Personen eingeweiht über die Vorgeschichte?

Abma: Ich habe es den Jugendlichen überlassen, ob sie es erzählen. Wenn sie es wollten, habe ich zu ihnen gesagt: Erklärt einfach, es ist ein Projekt wie „Die Kinder von Golzow“. Jeder kennt das, jeder liebt das und das hat uns auch viele Türen geöffnet. Es ist einfach eine Langzeitbeobachtung von Jugendlichen – und das stimmt ja auch.

 

Im Film gibt es keinen Kommentar, Sie stellen auch nur sehr selten Fragen. Wie schwierig war es, sich zurückzunehmen?

Abma: Es gab sehr viele Szenen, wo man als Mensch so gerne eingreifen würde, aber sich als Filmemacher zurückhalten musste. Zu Imo habe ich mal gesagt: „Kiff doch nicht so viel.“ Aber das ist das Letzte, auf das er wartet. Ich musste mich als Sozialpädagoge abschalten.

 

Haben die drei den Film gesehen?

Abma: Alle drei finden ihn zum Glück toll und fühlen sich korrekt dargestellt. Jeder hat dabei seinen eigenen Grund, ihn gut zu finden. Marcel und seine Freundin Julia strahlten danach, weil man im Film sieht, wie gut sie ihr Leben auf die Reihe kriegen.

 

Stehen Sie noch in Kontakt?

Abma: Ja, mit allen und ich erzähle ihnen immer, was wir mit dem Film derzeit machen. Jano war auch bei der Premiere beim Dok-Leipzig-Filmfestival, beantwortete Fragen vom Publikum und gab Fernsehinterviews.

 

Wie geht es den dreien heute?

Abma: Marcel und Julia geht es ganz gut, inzwischen ist ein zweites Baby geboren, sie sind verheiratet, Marcel hat einen Job und die Bewährungszeit ist abgelaufen. Jano ist nach seiner erneuten Verhaftung wieder entlassen und macht inzwischen seine zweite Ausbildung, ich hoffe er zieht es durch. Bei Imo ist die Situation momentan etwas unklar.

 

Wann wussten Sie, dass die letzte Szene im Kasten ist?

Abma: Wir wussten nicht, wann der Moment kommen wird. Aber nach etwa drei Jahren waren die Geschichten rund und die jeweiligen Lebensabschnitte der Protagonisten beendet. Sowohl das Filmteam als auch die Protagonisten haben gemerkt, dass es genug ist. Und genau in dem Moment haben sowohl Marcel als auch Imo uns gefragt, wie lange die Aufnahmen denn noch dauern. Da wussten wir, die letzte Szene ist im Kasten.

 

Können Sie sich eine Fortsetzung vorstellen und zum Beispiel in zehn Jahren filmen, was aus den dreien geworden ist?

Abma: Das wäre toll. Aber ich weiß nicht, ob wir nochmal so viel Zeit investieren können. Jetzt hatten wir den Luxus mit der Filmhochschule. Später bin ich abhängig von Redakteuren und der Filmförderung und die freuen sich meistens nicht über Langzeitbeobachtungen.

 

Wie waren die Reaktionen auf den Film?

Abma: Man merkte, dass das Publikum in vielen Szenen hin- und hergerissen ist, beispielsweise als das Jugendamt Imo das Kind wegnehmen wollte. Das Publikum will danach diskutieren – und das wollten wir erreichen.

Grundschulpädagoge und Filmemacher

Der Niederländer Daniel Abma filmte drei Jahre lang drei Jugendliche nach ihrer Haftentlassung aus der Jugendhaftanstalt Wriezen.

Rund 130 Stunden Filmmaterial wurde gedreht und am Ende zu 90 Minuten zusammengeschnitten.

Beim weltgrößten Dokumentarfilmfestival IDFA in Amsterdam wurde „Nach Wriezen“ unter die drei besten Studentenfilme gewählt.

Derzeit reist der 34-Jährige auf der Suche nach einem Verleiher zu Filmfestivals durch ganz Europa, u.a. nach Kiew, Prag und Bergamo.

Seinen Dokumentarfilm hat der Niederländer auch beim Studenten-Festival „Sehsüchte“ eingereicht, das vom 23. bis 28. April in Potsdam stattfindet.

Abma studierte Grundschulpädagogik und wohnt seit 2003 in Berlin. Seit 2008 studiert er Regie mit Schwerpunkt Dokumentarfilm an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. she

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