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Kultur Wie gute Instrumentalmusik
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15:38 22.10.2017
Bildausschnitt aus „Sägezahnschnitte und Vogelschwingen über vier Gewebeflecken“ (1956) von Hermann Glöckner. Quelle: Lutz Bertram
Potsdam

Es gab auch Künstler, die ließen sich von Staat und Partei in keiner Weise ins Werk pfuschen. Sie führten ein autarkes Leben am Rande, solange sie politisch abstinent blieben, nicht nach Ausstellungen und Aufträgen schielten und ihre Unabhängigkeit durch einen Hauptberuf absichern konnten.

Hermann Glöckner (1889-1987), der als Kunsthandwerker auf Baustellen sein Geld verdiente und mit anderen Künstlern in einem Haus in Dresden-Loschwitz lebte, begeisterte sich sein langes Leben lang an elementaren Formen. Zum Beispiel konfrontierte er in „Sägezahnschnitte und Vogelschwingen“ das Temperament von scharfen Zacken mit sanften Kurven. Es mag sein, dass er dabei auch an den Widerspruch zwischen scharfmacherischen Zeitungen und zartem Leben dachte, der in den 1950er Jahren besonders nervte. Aber Glöckner blieb seiner Linie treu und machte „Kunst-um-der-Kunst-willen“. Wenn er malte oder faltete, mit Schablonen druckte, ausschnitt oder montierte, ließ er die Gebilde, das Material und die Kontraste für sich sprechen. Die Bilder des Konstruktivisten entfalten eine Tiefenwirkung wie gute Instrumentalmusik.

Zum 80. Geburtstag, 1969, räumten ihm Bewunderer erstmals in der DDR eine große Ausstellung ein. Der Verkauf des Kataloges wurde dann aber gestoppt. 1984, zu seinem 95. Geburtstag, wurde der steinalte Modernist als „Patriarch der Moderne“ ins Rampenlicht gezerrt und erhielt sogar den Nationalpreis der DDR. Im gleichen Jahr stellte man von Hermann Glöckner eine Stahlplastik vor der TU in Dresden auf, es soll die erste abstrakte Skulptur im öffentlichen Raum der DDR gewesen sein, die keine inhaltliche Aussage transportieren musste. Der Dokumentarfilm „Kurzer Besuch bei Hermann Glöckner“ von Jürgen Böttcher (Strawalde) überliefert, wie auch der 95-Jährige noch seiner Intuition vertraute und aus dem Stand schwung- und kunstvolle Linien auf große Papierbögen zauberte.

Von Karim Saab

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