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Kultur Überlegenheitsdenken war Alexander von Humboldt fremd
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15:49 02.01.2019
Alexander von Humboldt (1769-1859). Das Ölbild von Julius Schrader zeigt den Naturforscher in dessen Sterbejahr 1859 vor den südamerikanischen Vulkanen Chimborazo und Cargueirazo. | Quelle: picture alliance / akg-images
Potsdam

Die Berliner Republik hat 2019 zum Humboldt-Jahr ausgerufen. 100 Jahre nach der Vertreibung der Preußen-Könige erlebt das einstige Stadtschloss in der deutschen Hauptstadt eine Auferstehung als Humboldt-Forum. Im neuen Schaufenster der Republik wird am 14. September mit großem Aufwand der 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt gefeiert, auch wenn die ethnologischen Dauerausstellungen noch nicht fertig sein werden. Der Jubilar und sein Bruder Wilhelm sind längst feste Größen in der deutschen Kulturgeschichte. Schräg gegenüber, im Ehrenhof der Humboldt-Universität, wurde ihnen 1883 ein Doppeldenkmal errichtet. Das 21. Jahrhundert deutet ihre Leistungen aber noch einmal ganz neu.

Wissen über die Natur befreit die Menschen

Die Humboldt-Brüder waren Vorkämpfer für die Freiheiten der Intellektuellen von heute. Sie setzten Standards bei der Herausbildung der modernen Wissenschaften. Im Sinne der Aufklärung wollten sie die Natur besser verstehen, um der Menschheit das Leben zu erleichtern und Akademikern und Künstlern mehr Autonomie zu verschaffen.

Hat man sich erst einmal auf den ganzen „Humboldt-Komplex“ eingelassen, fällt es nicht schwer, die beiden Brüder auch auseinanderzuhalten. Wilhelm von Humboldt kam 1767 in Potsdam zur Welt. Der Gelehrte nahm auch politische Ämter an. Er erforschte vor allem Sprachen, Kunst und Kultur und reformierte den preußischen Staat, insbesondere das Bildungssystem. Er war ein Familienmensch und hatte mit seiner Frau Caroline acht Kinder.

Finanzierte Expeditionen selbst

Alexander von Humboldt wurde 1769 in Berlin geboren. Er legte größten Wert darauf, unabhängig zu agieren und finanzierte deshalb seine Expeditionen und Publikationen aus eigener Tasche. Den Forschungsreisenden zog es hinaus in die Weiten und Höhen unbekannter Kontinente. Seine Erkenntnisse über die Natur und die Zivilisationen und seine geografischen Entdeckungen dokumentierte er mit schöngeistigem Anspruch. Er blieb kinderlos und Single.

Wer Alexander von Humboldt 2019 zu seinem 250. Geburtstag ehrt, nimmt eine deutliche Gegenposition zum wieder erstarkenden Nationalismus ein und bekennt sich zu einem Land, das sich als offene und liberale Kulturnation definiert. Alexander verstand sich ausdrücklich als Weltbürger und Europäer, kaum als Preuße und erst recht nicht als Christ. Die Menschen fremder Kulturen oder Religionen wollte er keinesfalls bekehren. Reaktionäre Kräfte hielt er auf Distanz. Überlegenheitsdenken war ihm fremd.

Ohne Umweltdaten keine Erkenntnisse

Vielmehr glaubte Alexander von Humboldt an die Vernunft und an die Bedeutung der Daten, die er wie ein Besessener sammelte und verknüpfte. Er verstand sich als Horizonterweiterer und Globalisierer. Die Unterschiede zwischen den Völkern leitete er aus ökologischen Faktoren wie Landschaft, Klima, Ernährung und Lebensweise her.

„Wissenschaft und Kunst gehen bei Alexander von Humboldt eine Verbindung mit dem Freiheitsgedanken ein“, freut sich Rüdiger Scharper, einer von mehreren Biografen. Sein Buch „Der Preuße und die neue Welt“ geht auch auf die Nachwirkungen Humboldts ein. In Anspielung auf Daniel Kehlmanns Romanbestseller „Die Vermessung der Welt“ (2005) meint Scharper: „Es geht Humboldt weniger um die Vermessung der Welt als vielmehr um die Vertiefung des Weltverstehens.“ Scharper wirft auch die Frage auf, ob nicht der 40 Jahre später geborene Charles Darwin, der ein leidenschaftlicher Humboldt-Bewunderer war, mit seiner Evolutionslehre nicht Alexander von Humboldts romantisch-harmonischen Darstellungen der Natur widersprach. Kriegstreiber und Gegner der Völkerverständigung berufen sich gern auf Darwins Thesen vom Daseinskampf. Sein Augenmerk galt dem Fressen und Gefressenwerden, dem Vergehen unangepasster Lebensformen und den Eigenschaften des Stärkeren. In Wahrheit erachtete der britische Naturwissenschaftler aber die Fähigkeit der Menschen, miteinander zu kooperieren, als entscheidenden Evolutionsvorteil.

Leidenschaftlich gegen Sklavenarbeit

Alexander von Humboldt prangerte in seiner Zeit immer wieder den Sklavenhandel an und kritisierte die brutale Kolonialpolitik der europäischen Staaten. 1857, zwei Jahre vor seinem Tod, wurde auf seine Initiative hin in Berlin ein Gesetz verabschiedet, das jedem Sklaven beim Betreten preußischen Bodens die Freiheit garantiert.

Die meiste Zeit seines fast 90-jährigen Lebens machte Alexander von Humboldt um Berlin einen großen Bogen. Seine Wahlheimat war Paris. In der Welthauptstadt der bürgerlichen Revolution fühlte er sich zu Hause. Die Losung „Freiheit, Gleichheit Brüderlichkeit“ und die Idee der Menschenrechte prägten sein Denken und Fühlen. Humboldts Faszination für aktive Vulkane wird gern als Metapher für Volkserhebungen gedeutet. Der Siegeszug Napoleons und schließlich auch die krachende Niederlage der französischen Truppen beeinflussten Humboldts Leben maßgeblich. Der korsische Imperator und der preußische Kolumbus waren beide von kleinem Wuchs, derselbe Jahrgang und am liebsten in der Weltgeschichte unterwegs. Ihre ausgedehnten Reisen dienten allerdings zwei sehr gegensätzlichen Formen der Weltaneignung. Während Napoleon mit seiner Riesenarmee ganze Völker unterjochte, wollte Humboldt die Gegenden fern der Heimat als Freund erforschen und erkunden.

Napoleon und Humboldt waren ein Jahrgang

Bei Napoleons Ägypten-Feldzug 1798 bis 1801 gehörten auch viele Wissenschaftler zum Gefolge. Ihre Kriegsbeute führte zur Entzifferung der altägyptischen Hieroglyphen. Aber die nach Europa verbrachten Exponate stehen auch für das schwere Erbe, das derzeit den Wissenschaftlern und Politikern im Berliner Humboldt Forum und in allen Völkerkundemuseen der westlichen Welt viel Kopfzerbrechen bereitet. Ein Großteil der Objekte wurden nicht redlich erworben, sondern geplündert oder blutig erpresst.

Alexander von Humboldt wird heute noch in Lateinamerika, im Südpazifik und in Sibirien für seine wissenschaftlichen Leistungen verehrt. Wie würde er entscheiden? Würde er für eine Rückgabe der geraubten Kulturgüter an die Herkunftsvölker plädieren?

Wissenschaft vertreibt den Zauber

Der Streit dreht sich auch um obskure Fälle. Deutsche Kolonialisten brachten zwischen 1884 und 1918 aus Überseegebieten tausende Schädel und Gebeine nach Berlin, um sie hier zu vermessen und zu kategorisieren. Manche Afrikaner schreiben diesen Schädeln heute noch magische Kräfte zu. Würde der Aufklärer Humboldt diesem Aberglauben Respekt zollen?

Von Karim Saab

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