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Kultur Wladimir Kaminer im Interview: „Ein Leck und alle drehen durch“
Nachrichten Kultur Wladimir Kaminer im Interview: „Ein Leck und alle drehen durch“
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00:21 30.12.2018
Wladimir Kaminer erfreut mit überraschenden Sichtweisen auf die Familie und die Politik in der Welt.
Wladimir Kaminer erfreut mit überraschenden Sichtweisen auf die Familie und die Politik in der Welt. Quelle: foto: Ruediger Boehme
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Potsdam

Der Schriftsteller Wladimir Kaminer blickt auf das zu Ende gehende Jahr und sagt, welche neue Seite er 2018 an den Deutschen entdeckt hat.

Welche Geschichte hat Sie 2018 besonders beeindruckt?

Wladimir Kaminer: Die der Weimarer Republik. 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der November-Revolution wurden viele Bücher über diese Zeit veröffentlicht. Ich habe sie gelesen und war überrascht, wie idealistisch die Deutschen seien können. Dieser Mut zu gesellschaftlichen Veränderungen war mir neu. Bei Revolution habe ich nie an Deutschland gedacht, sondern an meine russische Heimat.

Was lehrt Sie die Geschichte der Weimarer Republik?

Alles hätte danach auch anders kommen können. Der Deutsche galt in Russland immer als ein biederer Typ. Lenin hat mal gesagt, wenn die Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, würden sie zunächst mal eine Fahrkarte kaufen. Aber in der Weimarer Republik herrschten Chaos und Anarchie. Das war eine deutsche Utopie.

Heutzutage wird vor allem der Aufstieg der Rechtspopulisten mit der Weimarer Republik und ihrem Ende in Beziehung gesetzt. Geschieht das zurecht?

Viele wollen den heutigen Rechtsstaat auch als Utopie darstellen. Als eine schöne Idee, die aber nicht einzuhalten ist – und stattdessen müsse strikte Gewalt herrschen. Ich meine nicht nur die AfD, überall in Europa gibt es diesen Rechtsdrang. Die Esoteriker haben dafür eine Erklärung. Sie sagen, irgendwo über uns gibt es ein Leck. Auf verschiedene Flecken der Welt tropft eine Flüssigkeit, die dafür sorgt, dass alle durchdrehen.

Sie selbst haben in diesem Jahr für Ihre Bücher merkwürdige Welten erkundet. Zum Beispiel haben Sie über Ihre Reisen auf Kreuzfahrtschiffen geschrieben. War das nicht furchtbar?

Zur Person

Wladimir Kaminer kam 1967 in Moskau zur Welt und 1990 nach Ost-Berlin. Seitdem wohnt er im Stadtteil Prenzlauer Berg.

Er sei privat ein Russe und beruflich ein deutscher Schriftsteller, sagt Kaminer.

Passend zu seiner gleichnamigen Party-Reihe wurde Wladimir Kaminer mit dem mehr als eine Million mal verkauftem Buch „Russendisko“ berühmt.

Bei der „Russendisko“ legt er selbst Schallplatten auf.

Am Samstag, ab 20 Uhr, präsentier Kaminer seinen literarischen Jahresrückblick im Waschhaus Potsdam.

Karten kosten 23 Euro an der Abendkasse. Anschließend gibt es die Russendisko ab 22.30 Uhr für 8 Euro Eintritt.

Nein. Ein Kreuzfahrtschiff bietet ein tolles Bild. Es wirkt wie eine moderne Arche Noah, aber ohne Hoffnung, in einem vernünftigen Land anzukommen. Die Passagiere kommen aus untergegangenen Imperien. Mongolen auf Teneriffa – Menschen wie ich aus der einstigen Sowjetunion und US-Amerikaner, deren System ebenfalls untergeht, sind auch an Bord.

Und die Deutschen?

Die sitzen da, sehen alles, verstehen alles. Sie sagen sich, was können wir tun? Nichts. Also Stößchen, wir feiern!

Die Welt ist also nur vom Tresen aus zu ertragen.

Ja. Na und? Meine Frau zum Beispiel friert ständig, die Sonne kann sie aber auch nicht vertragen. Da bekommt sie allergische Reaktionen. Also sitzen wir meistens an der Bar. Die Bar ist ein guter Ort.

Auch ein guter Ort, um den Aufstieg der AfD zu ertragen?

Es ist gut, dass die im Parlament sind. Solange sie reden, schlagen sie niemandem die Köpfe ein.

Was ist, wenn sie sich solidarisieren mit denen, die anderen die Köpfe einschlagen?

Ich bin letztlich froh, dass zum Beispiel die vielen Deutsch-Russen, die die AfD wählen, jetzt überhaupt wählen und sich für Demokratie interessieren. Sie kommen aus einem totalitären Regime und versprechen sich von der AfD Ordnung und Stärke. Aber Sie werden enttäuscht sein und dann jemanden anders wählen.

Zum Schluss eine Klischee-Frage – wie feiern Russen Silvester?

Zuerst wird das alte Jahr mit starkem Alkohol verabschiedet, dann wird die Ansprache des Präsidenten angehört. Danach wird laut darüber geschimpft, dass wir noch immer von Schurken und Idioten regiert werden, die sich auch noch nicht auswechseln wollen. Danach wird mit Sekt angestoßen.

Von Maurice Wojach